Monatsarchiv: Oktober 2026

Freudenfunke der Woche (43/2026): Mansplaining

In María Ospina Pizanos „Für kurze Zeit nur hier“, aus dem ich schon letzte Woche zitiert habe, steckt eine so knappe wie treffende Beschreibung von Mansplaining, dass ich beim Lesen schmunzeln musste. Bestimmt geht es anderen Frauen ebenso. 🙂

Doch dann wurde sie älter und streifte nicht mehr durch Gärten und Parks, weil sie jetzt Hausaufgaben zu erledigen und Anrufe zu beantworten hatte, später hatte sie Vorlesungen in der Universität und sich lange hinziehende Busfahrten quer durch die Stadt und langweilige Treffen in Cafés, wo sie das Gerede von Männern über sich ergehen lassen musste, die ihr hartnäckig Dinge erklärten, die sie nicht interessierten oder längst wusste.
(S. 104, Ausgabe Büchergilde Gutenberg 2025)

Freudenfunke der Woche (42/2026): Zugvögel

Die kolumbianische Autorin María Ospina Pizano hat mit „Für kurze Zeit nur hier“ ein poetisches Buch geschrieben, in dem ganz überwiegend die Perspektive von Tieren eingenommen wird: Zwei Hündinnen, Zugvögel, Käfer, ein Stachelschweinweibchen. Dabei wird enorm viel über die Menschen und den Zustand unserer Welt erzählt.

Hier eine Stelle, die mich beim Lesen hat innehalten lassen (S. 84, Ausgabe Büchergilde Gutenberg 2025):

In ihrem Englisch, mit dem sie sich immer ungenau und wenig überzeugend vorkommen wird, wird sie ihrer Geliebten erklären, dass Zugvögel sie so begeistern, weil sie bei ihrem Auf und Ab und Hin und Her den Unterschied zwischen Himmel und Erde verwischen und die unterschiedlichsten Plätze der Welt als Unterschlupf wählen. Zugleich werden sie von ihren Flügeln unermüdlich daran erinnert, dass kein Ort für immer zum Wohnsitz taugt. Als Gäste des Himmels, in dem man sich nirgendwo verstecken kann, kümmern sie sich nicht um Grenzen, die sich die Menschen in ihrer Niedertracht ausgedacht haben, und lachen, wenn dieselben Menschen zornig über Fremde schimpfen. Ihnen kann niemand zurufen: Geh zurück in dein Scheißland! (Wie sie selbst es eines Tage zu hören bekommen wird.) Auch wenn dem Vogel auf seiner Reise Hunger und Durst drohen, gefräßige Raubtiere und alle möglichen menschengemachten Hindernisse, quält ihn keinerlei Heimweh. Über alles Trennende setzt er sich hinweg, sorgt stattdessen aktiv für Vermischung, sein Platz ist weder am Rand noch jenseits davon, sondern mitten im Gewebe der Welt und der Lüfte.

Freudenfunke der Woche (41/2026): Kontrastprogramm

Direkt nach meiner Rückkehr aus London habe ich Anfang der Woche meine Eltern in meiner Heimatstadt Neustadt an der Aisch besucht. Ich hatte Zeit für einen kleinen Spaziergang: von der katholischen Kirche über den Marktplatz bis zum Bleichweiher. Im Vergleich zu London ein ziemliches Kontrastprogramm.

Neustadt hat etwa 13.000 Einwohner und erschien mir in meiner Jugend zunehmend langweilig und eng. In Wirklichkeit hat mir die Kleinstadt ein behütetes Aufwachsen ermöglicht und zugleich eine gute Infrastruktur geboten: weiterführende Schulen, Kino, Cafés und Kneipen, Schwimmbad und Bücherei.

Wenn ich heute mit Abstand auf Neustadt blicke, finde ich die Stadt tatsächlich recht hübsch, und viele Erinnerungen, die ich mit ihr verbinde, sind mir wichtig und teuer.

Freudenfunke der Woche (40/2026): London forever

Mit etwas Verspätung kommt hier der Freudenfunke für letzte Woche. Gestern Abend bin ich von einem Kurztrip nach London zurückgekommen. In den 1990er Jahren, während meines Studiums, war ich mehrfach dort und habe mein Herz an die Stadt verloren. Mein letzter Besuch war 2007 – vor knapp zwei Jahrzehnten. Nun also endlich wieder. Zum ersten Mal bin ich mit dem Zug angereist, im Eurostar von Brüssel nach St. Pancras in zwei Stunden.

Es ist ja so eine Sache mit Orten, an die man sein Herz verloren hat. Manchmal kehrt man nach vielen Jahren zurück und fragt sich, was einen damals so verzaubert hat. Die Erinnerung hält der Wirklichkeit nicht immer stand. Ich war gespannt, wie es mir mit London ergehen würde.

Die Überschrift verrät die Antwort schon: Vom ersten Moment an fühlte ich mich wieder heimisch. Seltsam eigentlich, denn ich war in London immer nur zu Besuch. Aber manche Verbundenheit lässt sich mit dem Verstand einfach nicht erklären. Man kehrt zurück und spürt: Das Herz ist immer noch da.