Tagesarchiv: 18. Oktober 2026

Freudenfunke der Woche (42/2026): Zugvögel

Die kolumbianische Autorin María Ospina Pizano hat mit „Für kurze Zeit nur hier“ ein poetisches Buch geschrieben, in dem ganz überwiegend die Perspektive von Tieren eingenommen wird: Zwei Hündinnen, Zugvögel, Käfer, ein Stachelschweinweibchen. Dabei wird enorm viel über die Menschen und den Zustand unserer Welt erzählt.

Hier eine Stelle, die mich beim Lesen hat innehalten lassen (S. 84, Ausgabe Büchergilde Gutenberg 2025):

In ihrem Englisch, mit dem sie sich immer ungenau und wenig überzeugend vorkommen wird, wird sie ihrer Geliebten erklären, dass Zugvögel sie so begeistern, weil sie bei ihrem Auf und Ab und Hin und Her den Unterschied zwischen Himmel und Erde verwischen und die unterschiedlichsten Plätze der Welt als Unterschlupf wählen. Zugleich werden sie von ihren Flügeln unermüdlich daran erinnert, dass kein Ort für immer zum Wohnsitz taugt. Als Gäste des Himmels, in dem man sich nirgendwo verstecken kann, kümmern sie sich nicht um Grenzen, die sich die Menschen in ihrer Niedertracht ausgedacht haben, und lachen, wenn dieselben Menschen zornig über Fremde schimpfen. Ihnen kann niemand zurufen: Geh zurück in dein Scheißland! (Wie sie selbst es eines Tage zu hören bekommen wird.) Auch wenn dem Vogel auf seiner Reise Hunger und Durst drohen, gefräßige Raubtiere und alle möglichen menschengemachten Hindernisse, quält ihn keinerlei Heimweh. Über alles Trennende setzt er sich hinweg, sorgt stattdessen aktiv für Vermischung, sein Platz ist weder am Rand noch jenseits davon, sondern mitten im Gewebe der Welt und der Lüfte.