Archiv der Kategorie: Futter für Geist und Seele

Eine kölsche Nachkriegskindheit – oder: Wie es sich anfühlt, in die falsche Familie geboren zu sein

Ulla Hahn erzählt in ihrem Roman „Das verborgene Wort“ die Geschichte von Hildegard Palm. Hildegard passt so gar nicht in die Familie, in die sie 1945 in Dondorf bei Köln geboren wird. Schon als kleines Mädchen ist sie neugierig, will Dinge wissen und die Welt erkunden.

Die Familie hingegen ist streng katholisch, der Vater ungelernter Arbeiter, die Mutter Hausfrau, die Großmutter eine verbitterte Alte. Allein der Großvater trägt einen freien Geist in sich wie Hildegard. Er sammelt mit dem Mädchen Wortsteine und Wutsteine am Ufer des Rheins. Wortsteine, die Geschichten erzählen, und Wutsteine, die helfen, mit den täglichen Ungerechtigkeiten fertig zu werden.

Als Hildegard in die Schule kommt und Lesen und Schreiben lernt, eröffnet sich ihr eine fantastische neue Welt. Mit neun legt sie eine Sammlung schöner Wörter und Sätze an. Später beginnt sie, Hochdeutsch zu sprechen und Schiller und Goethe zu rezitieren.

In der Familie weckt das Misstrauen und Angst. Die Eltern und Großmutter antworten mit Gewalt und Unterdrückung. Ein kluges Mädchen, das nach Bildung und Selbstbestimmung strebt, ist nicht vorgesehen.

Schon nach wenigen Seiten war ich in Hildegards Welt. Konnte ihre Nöte, ihre Hilflosigkeit, aber auch ihre verborgenen Glücksgefühle nachspüren. Jeder, der sich schon einmal unverstanden oder fehl am Platz gefühlt hat, wird sich mit Hildegard verbunden fühlen.

Dabei malt Ulla Hahn nicht Schwarz-Weiß. Die Familie wird nicht verteufelt. Oft empfand ich Mitleid mit ihnen, wenn lang zerbrochene Träume aufblitzten.

Das Buch endet mit einem Aufbruch. Und mit der Erkenntnis, dass man besser seinen eigenen Gefühlen und Überzeugungen vertraut – anstatt unbesehen zu glauben, dass das richtig ist, was andere für richtig halten.

Der Apfel ist gefallen

Und tatsächlich nicht allzu weit vom Stamm. Vor gut zwei Wochen habe ich die Tochter von Sting kennen gelernt. Nicht persönlich, ich habe einen Bericht über sie in der Sendung „aspekte“ im ZDF gesehen.

Coco Sumner macht Musik unter dem Namen „I Blame Coco“, ihr Debut-Album heißt „The Constant“. Ich hab mir die CD zwei Tage später bestellt, ohne vorher reinzuhören, ganz ehrlich, weil Coco die Tochter von Sting ist.

Was ist drauf auf dem Album? Popmusik, mit vielen Elektro- und Synthie-Sounds, bei vielen Songs fühle ich mich an die 80er erinnert, aber es gibt auch rockigere Töne. Nach dem ersten Hören war ich noch nicht richtig überzeugt, die Songs fühlen sich erst nach mehrmaligem Hören richtig gut an – dafür dann aber umso besser.

Im Stil der Songs finde ich kaum Ähnlichkeit zum Papa, jedoch erinnert Cocos Stimme oft an Sting. Nicht nur durch die ähnliche Grundfärbung der Stimmen, sondern auch durch Cocos Satzmelodie und die häufig leicht abgehackten Wortenden. Vor allem in Police-Stücken und frühen Solo-Songs klingt Sting ebenso.

Fazit: Mit meinen Ikonen kann Coco es (noch) nicht aufnehmen, ich freue mich aber jetzt schon auf weitere Werke.

In der ZDF-Mediathek ist der Beitrag aus „aspekte“ zu finden.

Das Gegenteil von Hollywood: „A fine balance“ von Rohinton Mistry

Der Roman „A fine balance“ spielt im Bombay der 1970er Jahre. Er erzählt die Geschichte von vier sehr unterschiedlichen Menschen, die nach Zufriedenheit und ein bisschen Glück im Leben streben. Die verwitwete Dina Dalal nimmt den Studenten Maneck Kohlah, den Schneider Ishvar Darji und dessen Neffen Omprakash bei sich auf – um genug Geld einzunehmen, damit sie nicht wieder heiraten muss. Zunächst sind sich die vier fremd, mit der Zeit lernen sie sich kennen und achten und werden so zu weit mehr als einer Zweckgemeinschaft. Von Dauer ist ihr kleines Glück allerdings nicht.

Der Roman zeichnet das detailreiche Bild eines Landes, das von unumstößlichen gesellschaftlichen Schranken und einer Regierung voller Willkür und Skrupellosigkeit gegeißelt wird.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Rohinton Mistry einen Gegenentwurf zur gängigen Hollywood-Moral „Du kannst alles erreichen und wirst ewiges Glück finden, wenn du dich nur genug anstrengst und immer gut bist“. In „A fine balance“ ist es anders. Da werden diejenigen erfolgreich und wohlhabend, die lügen und betrügen. Diejenigen, die ehrlich und mutig für ihre Überzeugungen eintreten, werden bestraft und zerstört. Und auch am Ende werden die vielen Ungerechtigkeiten nicht gesühnt. Das Buch hat kein Happy End.

Also nichts für Leute, die schon an unserer Welt hier verzweifeln. Trotzdem ermutigt der Roman, für sein Glück zu arbeiten und zu kämpfen. Nur darf man nicht mit einem immerwährenden Schlaraffenland als Belohnung rechnen. Vielleicht muss man sich mit einigen Portionen wohlschmeckendem indischen Dal zufrieden geben.

Verspukt gute Musik – „Haunted“ von Poe

Vor ein paar Monaten bin ich bei YouTube zufällig über einen Clip der amerikanischen Sängerin Poe gestolpert. Wenig später lag das Album „Haunted“ aus dem Jahr 2000 in meinem Amazon-Einkaufskorb und bald darauf im CD-ROM Laufwerk meines Rechners.

Die CD beeindruckt mich musikalisch und emotional. Auf wundersame Art und Weise ist das Album ein außergewöhnliches Gesamtwerk, das man am besten am Stück hört und bietet zur gleichen Zeit sehr viele starke Einzelsongs, die sich so schön hartnäckig in Ohr und Kopf festsetzen.

Auf Amazon war zu lesen, dass Poe mit dem Album den Tod ihres Vaters, dem Film-Regisseur Tad Danielewski, verarbeiten würde – und das stimmt. Auf der CD finden sich Samples von Tonbandaufnahmen ihres Vaters, die Poe und ihr Bruder einige Jahre nach dessen Tod entdeckt haben.

Aber es geht noch weiter in die Gruselecke… Poes Bruder, Mark Danielewski, hat im Jahr 2000 seinen Debütroman „House of Leaves“ veröffentlicht. Ein monumentales Werk, das allein schon durch äußerst unübliche Layout-Ideen auffällt und polarisiert. Die Handlung dreht sich um ein Spukhaus, das House of Leaves. Und eben jenes ist wiederum in verschiedenen Songs auf „Haunted“ referenziert.

Das Buch hab ich mir nun auch gekauft. Ich bin schon sehr gespannt darauf – und ich werde berichten.  

Hier ein längerer live-Mitschnitt von Poe mit drei Songs:

Ein vortreffliches Werk: Thomas Manns Buddenbrooks

Was die Klassiker der deutschen Literatur angeht, bin ich ziemlich unbewandert. Aus der Schulzeit hab ich irgendwie nicht viel mitgenommen. Vielleicht ist es ohnehin besser, die schwerere Kost erst in reiferen Jahren – und vor allem freiwillig – anzugehen… 🙂

„Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ erzählt über vier Generationen hinweg die Geschichte der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Buddenbrook zu Lübeck. Und diese Geschichte ist sehr spannend und interessant: gesellschaftlich, psychologisch, historisch.

Zugegeben: die nicht ganz moderne Sprache ist gewöhnungsbedürftig, aber nach einigen Seiten macht es richtig Spaß. Ich habe mich oft über Wortwahl und Satzbau gefreut.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, wie meisterhaft Thomas Mann seine Figuren zum Leben erweckt hat. Das äußerliche Erscheinungsbild (Aussehen, Kleidung, Statur, Haltung, Mimik, Gestik, sprachliche Besonderheiten) wird genau so beschrieben, dass der Leser Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften, Motive und das zu erwartende Verhalten ziehen kann. Die prägnantesten Eigenschaften werden häufig wiederholt.

Die Figuren werden so auf sehr elegante Weise plastisch, authentisch und einzigartig. Oben drauf packt Thomas Mann noch eine große Portion Ironie und Humor.

Wer jetzt neugierig geworden ist und gut 750 Seiten nicht scheut, für den erfüllt sich bei der Lektüre bestimmt der im Buch mehrfach wiederkehrende Wunsch: „Sei glöcklich, du gutes Kend!“

Und wer mehr über das Werk wissen will, dem sei die sehr umfangreiche und übersichtliche Wikipedia-Seite empfohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks

Musik – nicht nur für Männer

Es kommt nicht oft vor, dass ein Lied, das im Radio gedudelt wird, mich anregt, das Album eines Interpreten zu kaufen. Und auch in diesem Fall musste noch eine im wahrsten Sinne des Wortes günstige Gelegenheit dazu kommen. Gelohnt hat es sich sehr.

Die Rede ist von „Music for Men“ von der Band „Gossip“. Die Sängerin überzeugt durch Können und Power. Die zwölf Songs sind eingängig, aber trotzdem bleibt das Ohr erfreut an jedem hängen und langweilt sich nicht. Schon deshalb nicht, weil es keine eine Schublade für die Musik gibt. Ich fühle mich streckenweise an Synthie-Pop aus den 80ern erinnert (auf gute Art und Weise), gleichzeitig fetzen rockige Gitarren. Auch Elemente aus Punk und Soul sind zu finden. Einfach klasse.

Und wenn’s keine Schublade gibt, wird das Teil wohl eine Weile im CD-Player bleiben. Mir soll’s recht sein. 🙂

Wenn der Tod eine Geschichte erzählt

Liesel Meminger ist neun Jahre alt, als ihre Mutter sie zu Pflegeeltern gibt. In Nazi-Deutschland 1939 fürchtet Liesels Mutter, ins Konzentrationslager deportiert zu werden. Liesel lebt fortan bei den Hubermanns in Molching nahe München. Dort erwarten sie harte Arbeit, viele Watschen und dünne Erbsensuppe; aber auch liebevolle Fürsorge, nächtliche Unterrichtsstunden im Lesen und ein schicksalhaftes Akkordeon. Ebenso treten auf: ein Jude im Keller, ein verliebter bester Freund  und diverse Bücher, die den Besitzer wechseln.

In seinem Buch „The Book Thief“ lässt Markus Zusak den Tod höchstpersönlich die Geschichte der Bücherdiebin Liesel erzählen. Das Beeindruckende an diesem Buch ist nicht, dass man Liesel liebgewinnt und mit ihr hofft und bangt.  Und auch nicht, dass man – einmal mehr – die Verbrechen der Nazis und Mitläufer aus ganzem Herzen verabscheut. Mich hat an diesem Buch am meisten der Tod als erzählende Person beeindruckt.

Der Tod kommt und holt die Seelen – wenn ihre Zeit gekommen ist. Er ist unausweichlich, aber nicht hinterhältig. Den Krieg bezeichnet er als ungnädigen Chef, der ihm immer noch mehr Leistung abverlangt. Und diese Leistung erbringt der Tod, aber ohne Freude oder Genugtuung.

Zu mir nach Haus zum Tee hätte ich den Tod nun nicht gleich einladen wollen, aber gerne hätte ich mich mit ihm unterhalten. Hätte seine Meinung zu einigen Dingen erfahren wollen. Ich bin neugierig auf ihn geworden.

Sterben will ich natürlich noch lange nicht. Aber vielleicht wird es so sein, dass meine Seele dem Tod eines Tages aufrecht und unerschrocken begegnet – so wie auch einige der Seelen im Buch.

Geschichte aufs Ohr

60 Jahre deutsche Geschichte in Original-Tondokumenten auf 11 CDs: „Die Chronik der Bundesrepublik“, von 1949 bis 2009.

Zu einem fairen Preis bietet die CD-Sammlung einen Abriss der letzten 60 Jahre. Berücksichtigt wird die Bundesrepublik genauso wie die DDR. Von Politik über Kultur bis Sport ist alles dabei. Erklärende Zwischentexte stellen die Originalaufnahmen in den Kontext.

Wer viel über die deutsche Nachkriegsgeschichte weiß, wird kaum etwas Neues lernen, denn in die Tiefe gehen die CDs freilich nicht. Doch selbst dann sind sie interessant, denn der Originalton aus Radio und Fernsehen, Film und Werbung, Reportagen und Interviews transportiert Emotion und Authentizität.

Fazit: Spannend, unterhaltsam, empfehlenswert.

Winter is the season of the imagination

… sagt Sting in der Dokumentation über die Entstehung seines neuen Albums “If on a Winter’s Night”. Eine spannende Sammlung von alten Weisen, klassischen Stücken und Volksliedern über den Winter; leise und besinnlich, spirituell und wunderbar zum Schreiben.

Kamron kommt im Winter… 🙂

 

Sündige Göttin

Stellt man sehr hohe Erwartungen an eine Sache, muss man damit rechnen, dass diese nicht erfüllt werden. Werden sie jedoch übertroffen, dann sollte man dies mit Leib und Seele würdigen. Genau das habe ich letzten Mittwoch im Tempodrom in Berlin beim „Sinful Attraction“-Konzert von Tori Amos getan.

Tori Amos’ strahlende Präsenz füllte die Halle von der ersten bis zur letzten Minute. Völlig ohne überbordende Bühnenshow oder unzählige Kostümwechsel. Im Mittelpunkt stehen die Dinge, auf die es bei einem Konzert wirklich ankommt: Gesang und Instrumente.

In ihrer Stimme werden Gefühle lebendig und berühren ganz tief. Unvergleichlich Toris Art, Klavier und verwandte Instrumente zu spielen. Sie hat auf der Bühne einen Flügel, oben drauf ein Keyboard und hinter sich noch einmal zwei Keyboards. Sie sitzt auf ihrer Pianistenbank, im Ausfallschritt oder breitbeinig, und spielt die Instrumente im Wechsel oder auch zwei parallel, je mit einer Hand.  Auch zu würdigen: Die beiden Musiker, die mit ihr zusammen spielen, Schlagzeug und Gitarre respektive Bass.

Sehr schön fand ich die Auswahl der Songs; es waren viele alte dabei, die ich teils seit über 15 Jahren kenne, wie „Space Dog“, „Precious Things“, „Cornflake Girl“, „Hotel“, „Raspberry Swirl“ oder „Pretty Good Year“.

Dieses Konzert hat mich gefangen genommen, aufgewühlt und glücklich gemacht. Ich habe mich frei und leicht gefühlt und so, als wäre alles möglich auf dieser Welt. Es war ein spirituelles Erlebnis. Tori Amos ist meine Göttin der Musik. Amen.