Archiv der Kategorie: Geschichten

Im Café

Ich blättere in der Tageszeitung und nippe an meinem Tee. Der Kellner erzählt seiner Kollegin in gut hörbarer Lautstärke: Mein Bekannter, ein sportlicher Typ. Neulich fühlte er sich nicht wohl. Ging früher von der Arbeit nach Hause. Am nächsten Morgen fanden sie ihn tot im Hausflur. Schrecklich zurzeit. So viele Leute, die ich kenne und die dazu noch jünger sind als ich, sterben. Ganz plötzlich.

Mit einem vollen Tablett geht er an mir vorbei, serviert Kaffee zwei Tische weiter. Rasch winke ich seine Kollegin heran und bezahle.

Auf der Hochzeitsfeier

Die Tante der Braut:
Vegetarisches Buffet. Nicht zu fassen! Dabei hätte ich über die Hinterhuberin einen super Preis für Braten und Lendchen bekommen. Seit über 20 Jahren kommt die Hinterhuberin zu mir in den Salon. Lässt sich die Dauerwelle nur von mir legen. Was soll ich der bloß erzählen, wenn sie fragt, wie die Hochzeit meiner Nichte war? Denise wollte sich ja nicht mal von mir frisieren lassen für den schönsten Tag in ihrem Leben. Trägt die Haare offen! Das Blumenarrangement ist auch gewöhnungsbedürftig. Sonnenblumen und Lavendel in Töpfchen auf den Tischen. Und keine kirchliche Trauung, nur Standesamt. Was soll ich nur sagen, wenn die Leute im Salon fragen?

Wenn mein Rolfi später einmal heiratet, läuft das anders! Ach, mein Rolfi. Ganz verträumt schaut er wieder in die Gegend. Mein Kleiner. Ein ganz Romantischer ist das. Für den finde ich später schon die Richtige. Jedenfalls nicht so eine wie Denise. Die war als Kind schon seltsam. So still. Kein Instrument, in keinem Verein. Ihr Mann ist ja auch so ein Studierter. Aus der Stadt.

Immerhin, der Sekt schmeckt. Oh, schon wieder leer…

Hallo, Fräulein, noch ein Glas bitte!

 

Der Cousin der Braut:
Alles verloren, alles vorbei. Denise verheiratet. Gebt mir ein offenes Grab, in das ich mich stürzen kann, um meine Qualen zu beenden!

Warum hat Denise mein Werben nicht erhört? Immer nur ausgelacht hat sie mich, wenn ich ihr meine Liebe erklärte. Dabei dürfen Cousin und Cousine heiraten, das ist ganz legal! Nur noch ein Jahr und acht Monate bis ich volljährig bin. Dann hätte unserem Glück nichts mehr im Wege gestanden…

Schickt einen Sturm, der die Sonne verdunkelt, der das Licht verschluckt, der die Welt verschlingt – und mich gleich mit! Denise verheiratet. Alles verloren, alles vorbei.

Immerhin lässt meine Mutter mich Sekt trinken. Oh, schon wieder leer…

Hallo, Fräulein, noch ein Glas bitte!

ABC-Unsinn

Zum 1. April ein wenig Unsinn, aber schön der Alphabet-Reihe nach!

Am Berliner Charlottenburger Damm essen fünf grüne, hüpfende, irrsinnig johlende Kobolde leckere Maultaschen. Nebenan: Ohrenbetäubender Porsche-Auspuff, quietschende Reifen, Sirenen, Tatütata, ungebremste Verbrecherjagd. Wohin? X-beliebig! Yo! Zappenduster.

To Whom It May Concern – oder: Danke!

Heute ist Frühlingsanfang und zugleich Internationaler Tag des Glücks. Gleich zwei gute Gründe, Dankeschön zu sagen! Auch wenn nicht sicher ist, an wen der Dank korrekterweise gehen muss…
Formal inspiriert von Hans Magnus Enzensberger „Empfänger unbekannt – Retour à l’expéditeur“.

To Whom It May Concern

Vielen Dank für die schneebedeckten Berge.
Vielen Dank für die tiefblaue See,
und, warum nicht, für Tomaten, Käse und Wein.

Vielen Dank für die Träume, die im Schlaf und die im Wachen,
und für den Mond.

Herzlichen Dank dafür, dass Gegenwind oft hilft, die Richtung zu weisen,
und für Freundschaften, die alten und die neuen.

Vielen Dank für die Wörter, die Bücher, für das Schreiben
und natürlich die Küsse und die Liebe in all ihren Schattierungen,
sowie für den Humor, den feinen und den schwarzen,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Wald, der im heißen Sommer kühl duftet, inständigen Dank.
Und meinetwegen für die unzähligen Weberknechte in der Wohnung auch.

Emärchipation

Früher wäre ich als Schneewittchen durchgegangen. Die Haare zwar nicht wie Ebenholz, eher wie Haselnuss, aber helle zarte Haut und ein weicher rosa Mund. Auf dem Weg zum Prinzen bin ich mehr als sieben Zwergen begegnet. Letztendlich war ich immer erleichtert, wenn sie wieder in ihrem Bergwerk verschwunden waren. Der Prinz ließ auf sich warten. Wenigstens war keine neidische Stiefmutter hinter mir her. Trotzdem habe ich Äpfel nie sonderlich gemocht.

Frösche habe ich auch geküsst. Einige waren auf den ersten Blick vielversprechend. Aber kein Prinz darunter. Lag es vielleicht an meiner Kusstechnik?

Dem Prinzessinnenalter bin ich entwachsen, keine Frage. Derzeit übe ich mich als Schneekönigin. Kühl, kontrolliert. Souveräne Herrscherin über ihr Reich. Schlecht ist das nicht – nur einsam.

Die Aussichten auf eine spätere Rolle als Großmutter sind eher düster. Der Part als Hexe könnte mir grundsätzlich gefallen. Im Feuer des Backofens möchte ich jedoch nicht enden.

Was ist also zu tun? An Prinzen glaube ich nicht mehr. Die Zeit für mehr Mut ist gekommen. Was wäre verkehrt daran, Tisch und Bett mit, sagen wir, einem Wolf oder einem Bären zu teilen?

Gedanken eines Altgedienten

Ein Gigabyte Speicher. Als meine Besitzerin mich vor mehr als elf Jahren kaufte, war das top. Längst gibt es Geräte mit einem Vielfachen an Speicherkapazität. Überhaupt, MP3-Player sind eher aus der Mode geraten, seit es Smartphones gibt. Ein Gerät, das nur Audiodateien abspielt und sonst nichts kann, finden die meisten Leute nicht mehr sonderlich attraktiv.

Ich jedoch bin weiterhin im Einsatz. Ich spiele Musik ab – das reicht meiner Besitzerin. Zuverlässig bin ich außerdem. Einfach zu bedienen, handlich, passe in jede Tasche. Pop- und Rockmusik ist auf mir gespeichert. In der Hinsicht ist meine Besitzerin von ihren Eltern geprägt. Sehr froh bin ich, dass sie keine Schlager oder Volksmusik hört. Gegen Klassik hätte ich nichts einzuwenden; möglicherweise kommt das ja noch.

Ich werde nicht täglich gebraucht. Aber auf Reisen bin ich dabei! Bei Zugfahrten zum Beispiel komme ich so gut wie immer zum Einsatz. Entspannt lehnt sich meine Besitzerin dann zurück, schaut aus dem Fenster, schläft manchmal ein.

Meine Besitzerin schreibt gerne. Oft hört sie dabei meine Musik. Ich habe das Gefühl, dass sie dadurch alles um sich herum vergisst und sich auf die Wörter konzentrieren kann, die zu Blatt gebracht werden wollen. Ich glaube, sie vergisst dann auch mich; bemerkt mich erst wieder, wenn die Schreibzeit zu Ende ist. Aber wer weiß, wo ich jetzt schon so lange bei ihr bin, vielleicht denkt sie eines Tages beim Schreiben doch an mich, nur an mich… Das wäre schön!

Kalenderspruch der Woche (09/2017)

Die Ehe fordert Heiterkeit.
Jean Paul (1763 – 1825)

Wenn das stimmt, sind meine Großeltern wahrhaft heitere Menschen. Denn sie haben gestern ihren 65. Hochzeitstag gefeiert. Eine wunderbare Sache!

Wenn ich der Wind wäre

Wenn ich der Wind wäre
Würde ich früh im Jahr Regen und Wolken für dich verscheuchen
In der Sommerhitze würde ich dich leicht und sanft erfrischen
Als Herbststurm würde ich um dein Haus heulen und dich nicht schlafen lassen
Und im Winter wär ich eisig, würde dich beißen und stechen
Damit du mich nur ja nicht vergisst

Kalenderspruch der Woche (07/2017)

Feminismus wird man nicht los, indem man ihn bekämpft.
Feminismus wird man los, indem man Sexismus bekämpft.
Sarah Bosetti, Die Trumpstalt, ZDF, 07.02.2017

Kluge Worte. Auf geht’s!

Kalenderspruch der Woche (06/2017)

Einem kleinen Funken folgt eine große Flamme.
Dante Alighieri

Deshalb sollte man immer gut auf die Funken achten. Denn eine Flamme kann erleuchten – oder zerstören.