Archiv der Kategorie: Geschichten

Kalenderspruch der Woche (01/2017)

„Die Leute“, sagte der kleine Prinz, „schieben sich in die Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im Kreis…“ Und er fügte hinzu:
„Das ist nicht der Mühe wert…“
Antoine de Saint-Exupéry (aus: Der Kleine Prinz, Originalübersetzung, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf)

Das Geschenk – Ein Weihnachtsdialog

Helmut schenkt seinem besten Freund Klaus zu Weihnachten ein Paar Schlittschuhe. Gespannt beobachtet Helmut, wie Klaus sein Geschenk öffnet. Für die Leser des folgenden Dialogs ist es wichtig zu wissen, dass sowohl Helmut als auch Klaus im Rollstuhl sitzen.

Helmut: Na, was sagst du?

Klaus: Was ich sage?

H: Ja, was sagst du zu meinem Geschenk?

K: Spinnst du!?! – Das sag ich.

H: Was? Wieso?

K: Wieso? Du schenkst mir Schlittschuhe zu Weihnachten!

H: Na, bis zu deinem Geburtstag wollte ich nicht warten…

K: Bist du jetzt auch noch blind? Ich sitze im Rollstuhl, genau wie du! Was soll ich mit Schlittschuhen?

H: Klaus, du verstehst nicht…

K: Oh, doch, ich verstehe sehr gut. Das ist einer deiner dämlichen Scherze, du Idiot!

H: Nein, nein, Klaus, so ist das nicht…

K: Ach, nein? Wie ist es denn dann?

H: Schau doch mal genauer hin!

K: Ganz schön abgenutzt sind die Dinger. Klar, für einen Lahmen tut’s auch Second Hand!

H: Klaus, schau genau hin.

K: Da hat auch noch jemand was drauf geschmiert…

H: Ja, genau.

K: Da steht was geschrieben…

H: Ja, genau! Lies, was da steht!

K: Da steht: N… Na… Nadel… Sch… Schwamm. Nadelschwamm. Und darunter: I.. Ig… Igor. Noch was. Eine Zahl… 1982. Nadelschwamm Igor 1982. Na und?

H: Ach, Klaus, ich glaube, du bist der Blinde! Da steht: Norbert Schramm, Lyon, 1982.

K: Und?

H: Du kapierst auch gar nichts! In den Schuhen hat Norbert Schramm 1982 in Lyon die Europameisterschaft im Eiskunstlauf gewonnen! Und dann hat er die Schuhe signiert.

K: Echt? Das wäre ja ein Ding!

H: Das ist ein Ding! Die sind echt!

K: Und wie kommst du da ran?

H: Ha! Pass auf! Mein Schwager macht doch diese Wohnungsauflösungen. Letzte Woche war er bei einer alten Dame. Demenz. Keine Familie. Muss ins Heim. Auf deren Dachboden lagen die Schuhe, sorgfältig verpackt in einem festen Karton. Mein Schwager hat die Unterschrift nicht gesehen. Er wollte die Schuhe seinem Sohn geben, aber dem sind sie zu klein. Ich hab die Signatur sofort erkannt und hab die Schuhe meinem Schwager abgeschwatzt. Der Gute hat sich zwar gewundert, aber nicht weiter nachgefragt.

K: Und du bist sicher, die sind echt?

H: Todsicher. Ich hab recherchiert. Die alte Dame war damals die Haushälterin von dem Schramm. Er wird ihr die Schuhe wohl geschenkt haben. Klaus, wenn wir die Schuhe bei E-Bay verticken, sind wir gemachte Leute!

K: Meinst du, das Geld reicht für…

H: Na, zumindest für die Miete im ersten Jahr!

K: Dann können wir endlich das Yoga-Studio auf Gomera eröffnen!

H: Genauso ist es, Klaus. Na, was sagst du jetzt zu meinem Geschenk?

K: Mensch, Helmut! – Ich hol den Sekt!

Kalenderspruch der Woche (50/2016)

EMMA beugt sich weder dem Mainstream noch der Political Correctness.
Alice Schwarzer, in: EMMA, Ausgabe 1/17 (Nr. 330), 40 Jahre EMMA

Wer glaubt, Emma sei männerfeindlich und humorlos, sollte sie lesen.
Wer glaubt, Emma sei rassistisch, sollte sie lesen.
Und wer glaubt, ihre Themen seien überholt und Emma heutzutage doch gar nicht mehr nötig, sollte sie ganz dringend lesen.

www.emma.de

Gedanken zum 3. Advent: Erinnerung an eine Schulfreundin

Mit zwölf, dreizehn Jahren war ich gut mit einem Mädchen aus meiner Schulklasse befreundet. Sie hieß Jennifer. Es war leicht, Jennifer zu mögen. Sie lachte viel, war freundlich und ehrlich. Alle fanden sie süß, wahrscheinlich auch, weil sie die Kleinste in der Klasse war.

Ich mochte Jennifer sehr und insgeheim beneidete ich sie ein wenig. Ihre Eltern besaßen eine mittelständische Firma und waren dadurch recht wohlhabend. Die Familie wohnte in einem großen Haus mit riesigem Garten samt Teich, einem Partykeller und eigener Sauna. Jennifer hatte tolle Klamotten und die neuesten Schallplatten. Ihre Eltern erlaubten viel und waren immer zuvorkommend. Sie stellten ihren Wohlstand nicht zur Schau, sie genossen ihn und ließen andere teilhaben.

Manchmal hätte ich gerne mit Jennifer getauscht.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Lange dachte ich nicht an Jennifer. Dann, gegen Ende des Studiums, die Nachricht: Jennifer ist tot.

Ich erfuhr, dass sie schon mehrere Jahre an Krebs erkrankt gewesen war. Teure Therapien in Europa und den USA hatten ihr nicht helfen können.

Zu ihrer Beerdigung kamen sehr viele Menschen. Es passten gar nicht alle in die Kirche. Als sie Jennifers Sarg an mir vorbei zum Grab trugen, weinte ich. Ich weinte aus Trauer um Jennifer. Ich weinte aber auch, weil mich die Erkenntnis packte, dass genauso gut ich in diesem Sarg liegen könnte.

Seitdem bin ich kaum mehr neidisch und tauschen möchte ich mit niemandem.

Kalenderspruch der Woche (46/2016)

„Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Man tapst sozusagen in einer immerwährenden Dunkelheit herum, und nur mit viel Glück sieht man manchmal ein Lichtlein aufflammen. Und nur mit viel Mut oder Beharrlichkeit oder Dummheit oder am besten mit allem zusammen kann man hie und da selber ein Zeichen setzen!“
Robert Seethaler, Der Trafikant (Roman)

Robert Seethalers feinsinniger Roman ist jetzt auch auf der Bühne zu sehen. Seethaler selbst hat die Dramatisierung geschrieben, die von der Württembergischen Landesbühne Esslingen höchst gelungen in Szene gesetzt wurde. Das gestrige Gastspiel im Theater Erlangen hat mich aufgewühlt und tief berührt, wie schon zuvor das Buch. Weitere Spieltermine auf der Seite der WLB.

Wandern vor der Haustür: Berg- und Talpfad Revisited

Ende Juli haben wir ihn zum ersten Mal erwandert, den Berg- und Talpfad durch die Verwaltungsgemeinschaft Uttenreuth. Genau drei Monate später waren wir wieder unterwegs. Wärmender Sonnenschein ließ den vorletzten Oktobertag leuchten.

Auf Wiedersehen im Winter!

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Kalenderspruch der Woche (41/2016) – Nachtrag

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Quote by Stephen R. Covey

Der Kaktus

Der Kaktus stand auf dem Fensterbrett. „Ich hab es satt, hier rumzustehen und mit Wasser begossen zu werden!“ sagte er eines Tages. Er marschierte ins Badezimmer, rasierte sich und verließ das Haus.

Sehr weit kam er nicht. Im Garten traf er auf den Hund, der ihn neugierig beschnüffelte und dabei aufgeregt mit dem Schwanz wedelte. Das war dem Kaktus nicht geheuer, aber er hielt still. Als der Hund sich jedoch umdrehte und ein Bein anhob, schwante dem Kaktus Schlimmes. Da wurde der Hund von der Hausfrau gerufen. Das verschaffte dem Kaktus einen Augenblick, um zur Seite zu hüpfen. Bevor der Hund zum Frauchen lief, erledigte er zwar noch sein ursprüngliches Vorhaben, aber glücklicherweise wurde der Kaktus nicht getroffen.

Nach diesem Schreck wollte der Kaktus so schnell wie möglich fort, doch weit kam er nicht. Kurz vor dem Gartentor traf er auf die Katze. Die betrachtete ihn eingehend und stupste ihn ein paarmal mit weichen Pfoten an. Als die Katze gerade ihre Krallen ausfahren wollte, kam der Hund fröhlich bellend auf sie zu gerannt. Die Katze ließ vom Kaktus ab und fauchte den Hund böse an. Der Kaktus nutzte die Gelegenheit und rettete sich ins Gemüsebeet.

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Die Wanderschuhe erzählen

Erst waren wir nicht sicher, ob sie uns überhaupt will. Wir spürten eine gewisse Distanziertheit beim Anprobieren im Laden. Schuhe wie uns hatte sie zuvor nie besessen. Wir mochten ihre Füße sofort, aber umgekehrt… nun, manche Dinge brauchen eben etwas Zeit.

Nach ein paar Waldspaziergängen zum Einlaufen kam unser erster echter Einsatz: Korsika. Dort wurde uns klar, dass sie zuvor nie wirklich gewandert war. Dementsprechend war es zuweilen etwas schwierig: Ihr war schnell zu heiß, wenn es keinen Schatten gab. Wurde es zu steil, war sie ängstlich. Holprige, steinige Wege fand sie zu anstrengend. An uns lag es nicht, wir leisteten sehr gute Arbeit. Wir gaben ihr Halt, drückten nicht und hielten dicht. Trotzdem schien es, dass sie uns die Schuld gab, wenn eine Wanderung nicht nach ihrem Geschmack war. Viel lieber als uns trug sie ihre luftigen Sandalen.

Nach dem Urlaub verbrachten wir unsere Tage im Schuhschrank. Im nächsten Jahr wurden wir wieder in den Koffer gepackt: Südfrankreich. Dort lief es schon besser. Die meisten Wanderwege gefielen ihr und so begann sie langsam, auch uns zu mögen. Wir merkten es daran, wie sie uns ansah. Ihre Füße glitten jetzt bereitwilliger in uns hinein. Wenn sie uns zuschnürte, lächelte sie öfter. Und wenn sie uns nach einer Tour auszog, war ihr Blick stolz und zufrieden.

Inzwischen sind wir fast sieben Jahre bei ihr und haben einiges gesehen: die Côte d’Azur, la Gomera, Guernsey, Madeira, die Ostsee. Wir wissen, dass sie uns sehr schätzt. Sie freut sich, dass wir noch in gutem Zustand sind und sie noch eine Weile begleiten können.

Gut, ab und zu hadert sie unterwegs immer noch. Die mutigste Wanderin wird sie nie werden, auch nicht die ausdauerndste oder geschickteste. Aber das macht nichts. Wir helfen ihr so gut es geht und sie dankt uns dafür. Was könnte sich ein Paar Wanderschuhe mehr wünschen?
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P.S. Vor einigen Wochen waren wir mit ihr im Elsass. Dort geschah Außergewöhnliches! Wir wanderten deutlich weiter als sonst, wir wanderten im Regen (wirklichen Regen, nicht nur Nieseln), wir wanderten über matschige Waldwege. Uns hat das gefallen – und ihr anscheinend auch. Zumindest die meiste Zeit.

Mai-Haikus

I
Hüpfende Spatzen
streiten munter um Krümel
vom Kuchenteller

II
Der Frühlingswald lockt
Nimm die Regenjacke mit
Schwere Wolken nah’n