Archiv der Kategorie: Lyrik der Woche

Lyrik der Woche (42/2019)

Die Tage werden immer kürzer und manche sind recht trübe. Theodor Storm verrät uns in seinem „Oktoberlied“, wie man sich diese verschönern kann (Strophen 1/4, 5 und 6).

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Lyrik der Woche (41/2019)

Ich will, dass nie wieder jemand solche Gedichte schreiben muss.

Paul Celan
Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Lyrik der Woche (40/2019)

Am Dienstag ist Karel Gott gestorben. Und wenn ich Karel Gott höre, denke ich sofort an die Biene Maja. Auch nach über 40 Jahren habe ich den Titelsong meiner heißgeliebten Kindersendung noch im Ohr, vor allem den Refrain.

Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja,
kleine freche schlaue Biene Maja.
Maja fliegt durch ihre Welt,
zeigt uns das, was ihr gefällt.

Lyrik der Woche (39/2019)

Der Herbst ist viel besungen. Auch der Schweizer Dichter Johann Gaudenz Freiherr von Salis-Seewis hat einen Beitrag geleistet. Hier die erste Strophe seines Herbstliedes.

Bunt sind schon die Wälder;
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

Lyrik der Woche (38/2019)

Lektion für diese Woche: Wir sehen der dunklen Jahreszeit gelassen entgegen. Unsere Trainerin: Annette von Droste-Hülshoff. Kursinhalt: Strophen 2 und 3 ihres Gedichtes „Herbst“.

Wenn die Zeitlose übers Tal
Den amethystnen Teppich webt,
Auf dem der letzte Schmetterling
So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk ich wenig drüber nach,
Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,
Und kann mit halbverschloßnem Blick
Vom Lenze träumen und von Glück.

Lyrik der Woche (37/2019)

Wunderbar ist er, der spätsommerliche Frühherbst!

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel

Lyrik der Woche (36/2019)

Mit Friedrich Hebbel haben wir uns letzte Woche vom Sommer verabschiedet, aber keine Furcht! Der Herbst wird in Schönheit leuchten! So wie der Septembermorgen von Eduard Mörike.

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt.
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt.
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Lyrik der Woche (35/2019)

Der meteorologische Sommer endet am Sonntag. Vom Ende des Sommers und der dazugehörigen Wehmut erzählt Friedrich Hebbels „Sommerbild“.

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Lyrik der Woche (34/2019)

Die Lyrik dieser Woche kommt nicht von verdienten Dichtern, sondern von vielen fröhlichen Kindern auf dem Spielplatz direkt vor unserer Haustür. Zu vernehmen hautsächlich vom Karussell, aber auch schon mal von der Schaukel, so wie heute am frühen Abend von einem glucksenden Jungen.

Die Lyrik der Woche lautet kurz und bündig:

Schneller
Propeller

🙂

Lyrik der Woche (33/2019)

Im Wald ist es weniger einsam als man denken könnte. Theodor Storm traf letzte Woche auf die Waldeskönigin. Auch dem Mädchen in meiner Geschichte „Die Lichtung“ steht eine Begegnung bevor. Und mit wem bekommen wir es in Joseph von Eichendorffs Gedicht „Waldgespräch“ zu tun?

Waldgespräch

Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reit’st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ’ dich heim!

„Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.“

So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn’ ich dich – Gott steh’ mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

„Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!“