Im Mai lässt es sich gut verlieben. Doch nicht immer kann eine Liebe glücklich machen. Else Lasker-Schüler hat ein Liebesgedicht voller Melancholie geschrieben.
Maienregen
Du hast deine warme Seele Um mein verwittertes Herz geschlungen, Und all seine dunklen Töne Sind wie ferne Donner verklungen.
Aber es kann nicht mehr jauchzen Mit seiner wilden Wunde, Und wunschlos in deinem Arme Liegt mein Mund auf deinem Munde.
Und ich höre dich leise weinen, Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum – Als fiele ein Maienregen Auf meinen greisen Traum.
Heute Teil 3 der kleinen Mai-Reihe. Offensichtlich ist der Mai sehr gut geeignet, sich zu verlieben und dies auch zu mitzuteilen. Jedenfalls laut Heinrich Heine.
Im wunderschönen Monat Mai
Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen, Da ist in meinem Herzen Die Liebe aufgegangen.
Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Vögel sangen, Da hab ich ihr gestanden Mein Sehnen und Verlangen.
Vertont von Robert Schumann. Diese Version bringt nur die Melodie, für alle, die auf klassische Karaoke stehen:
Auch Herrn Goethe hat der Mai verzückt. Vermutlich im Mai 1771 schrieb er das „Mailied“. Laut Wikipedia gilt es als Goethes erstes bedeutsames Gedicht. Hier die ersten drei Strophen.
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch
Und Freud‘ und Wonne Aus jeder Brust. O Erd‘, o Sonne! O Glück, o Lust!
Häufig ist das Mailied vertont worden, so von Ludwig van Beethoven.
Wir haben gestern einen ausgiebigen unternommen. Hier Beginn und Ende des Osterspaziergangs aus Goethes Faust.
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden belebenden Blick, Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter, in seiner Schwäche, Zog sich in rauhe Berge zurück.
…
Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!
Heute ist übrigens Earth Day, diesjähriges Motto: SOS (Save Our Species). Keine ganz abwegige Idee, wenn wir Menschen auf unserem Planeten weiterhin zufrieden jauchzen wollen…
Der Duden definiert die Ballade als Gedicht, in dem ein handlungsreiches, oft tragisch endendes Geschehen erzählt wird.
Eine der bekanntesten deutschsprachigen Balladen ist „John Maynard“ von Theodor Fontane (Erstveröffentlichung 1886). John Maynard ist Steuermann des Passagierdampfers „Schwalbe“, der auf der Fahrt über den Eriesee von Detroit nach Buffalo in Brand gerät. John Maynard bleibt auf seinem Posten, bis das rettende Ufer von Buffalo erreicht ist, kommt jedoch selbst ums Leben. Die Geschichte hat einen wahren Hintergrund und wurde von Fontane poetisiert. Der Wikipedia-Artikel „John Maynard“ hat mehr Details.
Hier die sechste bzw. siebte Strophe:
„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: der Strand von Buffalo!
Es gibt verschiedene Vertonungen in Liedform, die mich wenig angesprochen haben. Toll finde ich hingegen die Rezitation von Otto Sander.
P.S.: Liebe Hanna, herzlichen Dank für die Anregung! 🙂
Der Frühling scheint sehr inspirierend auf Hugo von Hofmannsthal gewirkt zu haben. Nach dem Vorfrühling blühen jetzt die Bäume. Hier Strophe 3 aus „Blühende Bäume“.
An Ästen, die sich neigen, Und braun und dunkel schweigen, Springt auf die weiße Blütenpracht Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Bei sehr vielen Dingen lohnt es sich, genau hinzusehen (z.B. Lyrik der Woche (10/2019)). Manchmal sollte man es aber lieber lassen.
Genau besehn
Wenn man das zierlichste Näschen Von seiner liebsten Braut Durch ein Vergrößerungsgläschen Näher beschaut, Dann zeigen sich haarige Berge, Dass einem graut.