Aufmunterung der Woche (30/2024)

Das Wörtlein

Kürzlich kam ein Wort zu mir,
staubig wie ein Wedel,
wirr das Haar, das Auge stier,
doch von Bildung edel.

Als ich, wie es hieße, frug,
sprach es leise: „Herzlich“.
Und aus seinem Munde schlug
eine Lache schmerzlich.

„Wertlos ward ich ganz und gar,“
rief’s, „ein Spiel der Spiele,
Modewort mit Haut und Haar,
Kaviar für zu viele.“

Doch ich wusch’s und bot ihm Wein,
gab ihm wieder Würde,
und belud ein Brieflein fein
mit der leichten Bürde.

Schlafend hat’s die ganze Nacht
weit weg reisen müssen.
Als es morgens aufgewacht,
kam ein Mund – es küssen.

Christian Morgenstern

Aufmunterung der Woche (29/2024)

Heute eine nachdenklich stimmende Aufmunterung. Eine Aufforderung, Trennendes zu überwinden und gemeinsam zu handeln.

Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Rose Ausländer

Aufmunterung der Woche (28/2024)

Der Sommer macht den Menschen zum Träumer.
Paul Keller (1873 – 1932)

Wovon träumst du gerade?

Aufmunterung der Woche (27/2024)

Wir bleiben noch bei Goethe. Eines meiner Lieblingsgedichte von ihm ist dieses:

Gefunden

Ich ging im Walde
so für mich hin,
und nichts zu suchen,
das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
ein Blümchen stehn,
wie Sterne leuchtend,
wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
gebrochen sein?

Ich grub’s mit allen
den Würzlein aus,
zum Garten trug ich’s
am hübschen Haus.

Und pflanzt‘ es wieder
am stillen Ort;
nun zweigt es immer
und blüht so fort.

Johann Wolfgang von Goethe

Aufmunterung der Woche (26/2024)

Im Rahmen seiner Tätigkeit am Weimarer Hof verfasste Goethe mehrere Maskenzüge: eine Verbindung von Karnevalsumzug und barocker Selbstinszenierung des Hofes; multimediale Gesamtkunstwerke mit Text, Musik, Tanz und Pantomime in festlichen Kostümen und üppiger Dekoration. Goethe  sah diese Auftragsarbeiten kritisch und bezeichnete seine Arbeit daran in einem Brief als „Dienst der Eitelkeit“. 1

Dennoch, folgende Zeilen aus dem letzten Weimarer Maskenzug von 1818 sind die Aufmunterung der Woche:

Fürwahr, es wechselt Pein und Lust.
Genieße, wenn du kannst und leide, wenn du mußt,
vergiß den Schmerz, erfrische das Vergnügen.
Zu einer Freundin, einem Freund gelenkt,
mitteilend lerne, wie der andre denkt.
Gelingt es dir den Starrsinn zu besiegen,
das Gute wird im ganzen überwiegen.

 1 https://brill.com/display/book/edcoll/9783846752968/B9783846752968-s013.xml 
siehe auch: http://www.goethezeitportal.de/wissen/dichtung/schnellkurs-goethe/goethe-in-weimar.html – Der Weimarer Musenhof

Aufmunterung der Woche (25/2024)

Robert Frosts „The Road Not Taken“ gehört zu den populärsten Gedichten im englischen Sprachraum und lässt viel Raum für Interpretation (siehe z.B. Wikipedia, The Paris Review, Modern American Poetry Site). Für mich drücken Frosts Zeilen aus, dass jede Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas bedeutet – es kann gar nicht anders sein. Deswegen ist es wenig sinnvoll, zu viel über Entscheidungen zu grübeln – vor allem nicht über bereits getroffene. Keine Angst vor ungelebtem Leben!

Robert Frost: The Road Not Taken

Aufmunterung der Woche (24/2024)

In dem Mimikresonanz-Seminar, das ich im Januar besucht habe, bekamen wir die Gelegenheit, eine Postkarte an unser zukünftiges Ich zu schreiben. Die Trainerin sammelte die geschriebenen Karten ein und sagte, sie würde sie irgendwann im Lauf des Jahres an uns per Post senden. Meine Postkarte kam gestern bei mir an. Ich hatte unter anderem darauf geschrieben, wie gut mir das Seminar tut und wie inspirierend ich es empfinde. Das gestern wieder zu lesen, hat nicht nur die Erinnerung an dieses wunderbare Wochenende wieder geweckt, sondern auch die Energie daraus wieder aufleben lassen.

Selbstverständlich gibt es Services im Internet, mit deren Hilfe man einen Brief (E-Mail) an sein zukünftiges Ich schreiben kann, z.B. https://www.futureme.org/.

Aufmunterung der Woche (23/2024)

Die Aufmunterung der Woche ist diesmal grün. Dienstagabend sind wir aus einem wunderbaren Italienurlaub zurückgekommen. Eine Freundin, die gleich nebenan wohnt, hat sich um unsere Pflanzen gekümmert. Auf dem Balkon hat sich in den zwei Wochen einiges getan! Vor allem die Minze und die Petersilie sind prächtig gewachsen, und auch der Rosmarin und Thymian machen eine sehr gute Figur. Speis und Trank können also ab sofort mit frischen Sommeraromen verfeinert werden.

Aufmunterung der Woche (22/2024)

Wenn man mal nicht weiß, was man anziehen soll:

Humor ist eines der besten Kleidungsstücke, die man in Gesellschaft tragen kann.
William Shakespeare (1564-1616) *

* oder William Makepeace Thackeray (1811-1863) – im Internet finde ich beide Zuschreibungen, jeweils ohne Quellenangabe. Vielleicht stammt der Aphorismus also auch von einem anderen William oder einem anderen britischen Autoren. Oder jemand ganz anderem. 😉

Aufmunterung der Woche (21/2024)

Vor ein paar Wochen habe ich einen Schatz entdeckt: Prosaische Passionen. Eine Sammlung von 101 Short Stories von Autorinnen der Moderne. Im Nachwort schreibt Herausgeberin Sandra Kegel:

[…] das zentrale Anliegen dieser Anthologie: eigenständige weibliche Stimmen aus der Zeit um und nach 1900 aus mehr als fünfzig Ländern aller Kontinente zu versammeln und diese miteinander korrespondieren zu lassen, um so verschüttete Traditionslinien weiblicher Literaturen freizulegen. Im besten Fall könnte dies nicht nur zu Wiederentdeckungen, sondern auch zu Neubewertungen von Schriftstellerinnen führen, die unter der angloeuropäischen Dominanz innerhalb der traditionellen Weltliteraturgeschichte gleich zweimal übersehen wurden – wegen ihres Geschlechts und wegen ihres vermeintlich an der Peripherie liegenden Kulturkreises. (S. 818 f.)

Damit die 101 Kostbarkeiten in meiner Erinnerung nicht gleich wieder verblassen, will ich eine Minikurzzusammenfassung aller Geschichten notieren. Für die ersten fünf habe ich das schon getan. Hoffentlich halte ich durch bis Nr. 101!