Lyrik der Woche (31/2019)

Erich Kästner hat für jeden Monat des Jahres ein Gedicht geschrieben. Die letzte Strophe des „August“ ist die Lyrik der Woche.

Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Lyrik der Woche (30/2019)

Es ist wieder heiß. So auch in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Sommer“. Hier die zweite Strophe.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;
Allein die bunte Fliegenbrut
Summt auf und nieder über’n Rain
Und lässt sich rösten in der Glut.

Lyrik der Woche (29/2019)

1956 veröffentlichte Ingeborg Bachmann ihr Gedicht „Reklame“, wohl beeinflusst von einem Aufenthalt in den USA. Die Traumwäscherei ist heutzutage voller denn je…

Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

Der Weg

Ich bin an einem dunklen Ort. Vorsichtig strecke ich meine Arme aus. Rechts, links und über mir fühlen meine Hände kalten, feuchten Stein. Ich fröstele. Vor mir scheint ein schmaler Gang zu liegen und langsam und achtsam beginne ich zu gehen. Die Decke ist niedrig, ich gehe gebückt, die Enge lässt mein Herz schnell schlagen.

Kein Geräusch ist zu hören, noch nicht einmal mein eigener Schritt auf dem steinigen Grund. Die Luft ist kühl und frisch, mein Atem wird tiefer. Der Gang ist kurvig und führt nach unten, weiter in die Tiefe. Ich wähle meine Schritte mit Bedacht, meine Hände tasten nach dem Weg und geben mir gleichzeitig Halt beim Gehen.

Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich glaube nun den Verlauf des Ganges – wenn auch nicht wirklich zu sehen – zumindest sehend zu erahnen. Die Decke ist jetzt ein Stück höher, ich kann aufrecht gehen. Immer tiefer führt der Weg, immer weiter nach unten. Mein Schritt wird sicherer, mein Herzschlag ruhig. Der Gang nimmt eine letzte Kurve, dann öffnet sich eine große Halle vor mir.

Staunend betrete ich sie. Wundersam gewachsene Steine hängen von der Decke, viel zu hoch als dass ich sie berühren könnte. Ich gehe weiter in die Halle hinein, sehe mich um, drehe mich, von irgendwoher dringt ein schwaches Licht. Ich höre ein Tropfen, ein sachtes, stetiges Tropfen. Ich gehe dahin, woher das Tropfen kommt. Ein See. Ein sehr kleiner See liegt an einem Ende der riesigen Halle. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, obwohl an mehreren Stellen dicke Tropfen von oben darauf fallen.

Ich hocke mich hin und beuge mich über die Wasseroberfläche. Tiefschwarz. Mit einer Hand berühre ich das Wasser. Eiskalt ist es. Als ich die Hand zurückziehe, sehe ich mein eigenes Spiegelbild im Wasser. Als Kind sehe ich mich, als junge Frau, so, wie ich jetzt bin und dann ein faltiges Gesicht umrahmt von weißem Haar. Auch das bin ich. Mein altes Ich lächelt mich an.

Schön, dass du gekommen bist, höre ich meine Stimme. Habe ich gesprochen? Die Worte hallen nach, dann wird es wieder still, das Wasser schwarz. Mir ist nun angenehm warm, trotz der kühlen Luft. Ich fühle mich sicher, geborgen. Dennoch weiß ich: Ich muss weiter.

Da glaube ich, ein Vogelzwitschern zu hören. Sehr, sehr leise und entfernt, aber doch, es ist da. Ich stehe auf, drehe mich um. Sehe weit hinten einen Lichtpunkt. Ich gehe darauf zu, der helle Punkt wird größer, das Zwitschern deutlicher.

Das Licht wird immer heller und nach wenigen Schritten stehe ich im Sonnenschein. Ich schließe die Augen, blinzele, bis meine Augen mit der Helligkeit zurechtkommen. Um mich herum ein lichter, grün leuchtender Wald, Vögel singen, Blätter rauschen sanft. Ich wende meinen Blick zurück, nehme mir Zeit, um mir die Stelle gut einzuprägen. Ich sage: Auf Wiedersehen, und gehe auf dem Weg weiter, der vor mir liegt.

Lyrik der Woche (28/2019)

Gestern Abend lief auf Arte eine spannende Dokumentation über George Michael (bis zum 16.08.2019 in der Arte Mediathek). Anfang der 1990er wollte er zwar Songs veröffentlichen, sich aber vom Medienrummel fernhalten. Auf dem Cover seines Albums „Listen Without Prejudice“ steht weder sein Name noch ist er selbst darauf abgebildet. George Michael wollte sich befreien und hat die dazu passende Hymne geschrieben: Freedom! ´90.

I won’t let you down
I will not give you up
Gotta have some faith in the sound
It’s the one good thing that I’ve got
I won’t let you down
So please don’t give me up
´Cause I would really, really love to stick around

All we have to see
Is that I don’t belong to you
And you don’t belong to me

You’ve gotta give for what you take

Konsequenterweise ist George Michael im Video zu Freedom! ´90 nicht zu sehen – dafür die fünf Topmodels der damaligen Zeit.

Lyrik der Woche (27/2019)

In Gottfried Kellers Gedicht „Die Zeit geht nicht“ steckt Nachdenkenswertes. Die 3. Strophe:

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts!

Und eine Rezitation von Fritz Stavenhagen:

Winteridyll

Erfrischend an hitzigen Tagen sind nicht nur kalte Getränke, Ventilatoren und Wassermelone, sondern auch Erinnerungen an den vergangenen Winterurlaub. Ende Februar verbrachten wir eine wunderbare Winterwoche in Hinterthiersee in Tirol.

Der Zug brachte uns in einer Stunde von München nach Kufstein, wo wir die Wartezeit auf den Bus mit einem Kaffee in der Sonne und einem kleinen Spaziergang verbrachten.

Etwa 20 Kilometer von Kufstein entfernt liegt Hinterthiersee…

… umgeben von ruhigen Waldspazierwegen.

Dicker Schnee beugte manche Bäume…

… andere leuchteten im Sonnenschein.

Mitten im Wald hat jemand seinen Briefkasten aufgehängt (weißes Rechteck in der Mitte). Ich nehme an, es war Familie Waldschrat.

Glänzende Ausblicke bei strahlender Sonne und milden Temperaturen.

Aber Vorsicht: Die hohe Schneedecke war an einigen Stellen weich und man konnte unangenehm tief einsinken.

Andere Wegabschnitte sahen so aus:

Weswegen wir an Tag 1 unseren Pinguinschritt ausgiebig üben konnten. Und an Tag 2 Überzieh-Spikes für unsere Wanderschuhen im lokalen Sportgeschäft kauften.

Hier hat es sich das Eichhörnchen schmecken lassen:

Wir haben es uns in unserem vorzüglichen Hotel schmecken lassen – morgens, nachmittags und abends. Der Abendblick aus unserem Zimmer: Das Kaisergebirge im letzten Sonnenlicht und zur anderen Seite die Kirche und das Dorf.

Hach, jetzt ist mr gleich viel weniger heiß!

Lyrik der Woche (26/2019)

Diese Woche kann es nur eine Lyrik geben: 36 Grad von 2raumwohnung, der Refrain.

36 Grad und es wird noch heißer
mach den Beat nie wieder leiser
36 Grad kein Ventilator
das Leben kommt mir gar nicht hart vor
36 Grad
36 Grad

Lyrik der Woche (25/2019)

Heute ist Weltflüchtlingstag. Die Lyrik der Woche kommt von Mahdi Hashemi. Seine Stimme wurde durch The Poetry Project hörbar.

Wie ein Pfeil

Einen Monat lang ging die Reise,
die keine Reise war,
sondern ein Schrecken,
in das Land der Hoffnung.

Jetzt warte ich auf ein Papier,
das vielleicht Bitterkeit enthält und Trauer.
Und fühle mich wie ein Pfeil.
Verschossen.
Der zurückkehren soll
zu seinem Bogen.

Kindheitsort

Der Ölofen und die verrußte Wand dahinter
Sofa und Sessel, beige, ein bisschen durchgesessen
Der neue Fernsehsessel mit Fußstütze zum Zurücklehnen
Das Gemälde mit den beiden Kindern und dem Schutzengel
Die Decke auf dem Couchtisch mit Flecken, die beim Waschen nicht mehr weggehen
Die gläsernen Briefbeschwerer mit bunten Blüten innen drin
Die Schublade mit Kerzen, Bindfäden, Schere, alten Postkarten und dem Heiligenbildchen mit dem Vaterunser auf der Rückseite
Essensduft aus der Küche, böhmische Knödel, dicke Soße mit viel Dill und
Immer ein Nachtisch