Neuland

„Es ist an der Zeit, Neuland zu betreten, Paul. Es ist höchste Zeit und du weißt es.“ Paul stand vor dem Badezimmerspiegel und der Mann, der ihn daraus anblickte, sah müde aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen, war blass, unrasiert, leicht aufgedunsen; mit einem Wort: abgehalftert. Seit Paul vor gut einem Jahr seine Superkräfte verloren hatte, war es mit ihm stetig bergab gegangen. Zuvor war er einer der erfolgreichsten Ermittler beim Bundeskriminalamt gewesen. Paul konnte sich unsichtbar machen und sein Gehör so steuern, dass er auch die geheimsten Absprachen hinter verschlossenen Türen hören konnte.

Vor etwa zehn Jahren hatte Paul diese Fähigkeiten an sich entdeckt. Er war nach Dienstschluss mit einem Kollegen über den Weihnachtsmarkt geschlendert, als ihnen Pauls Ex-Frau mit ihrem neuen Ehemann entgegen kam. Paul hatte sich gewünscht, er möge auf der Stelle unsichtbar werden. – Und genau das war passiert. Sein Kollege hatte gedacht, Paul hätte sich in der Menschenmenge verdrückt.

Paul war äußerst verunsichert gewesen. Zu Hause experimentierte er mit seiner neuen Fähigkeit. Schnell lernte er, sie zu kontrollieren. Nach einigen Wochen sprach Paul mit seinem Vorgesetzten über seine Superkraft. Eine ad hoc Demonstration überzeugte den Hauptkommissar und er schlug Paul für einen Posten für verdeckte Ermittlung beim BKA vor. Die damit verbundene Versetzung in eine andere Stadt kam Paul gelegen. Das hochsensible Gehör hatte er während seiner ersten Einsätze bemerkt und auch dieses lernte er schnell gezielt einzusetzen. Dutzende Verbrecher machte Paul im Lauf der Jahre dingfest.

Eines Tages jedoch wurde Paul einfach nicht mehr unsichtbar. Er meditierte, betete, tobte, flehte. Er nahm vier Wochen Urlaub. Es half nichts. Die Kräfte kamen nicht zurück. Paul wurde in den Innendienst versetzt. Er hasste die Schreibtischarbeit. Vor sechs Monaten hatte er den Dienst quittiert und seitdem schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bisheriger Tiefpunkt war sein Engagement als Knäckebrotkönig in einem großen Supermarkt vor zwei Wochen. In einem albernen Ganzkörperkostüm aus Schaumstoffrechtecken sollte er die neuesten Knäckebrotsorten unters Volk bringen. „Eines Königs würdig“ stand dick auf seiner Brust, die gelbe Plastikkrone auf dem Kopf machte ihn vollends lächerlich. Als ihn ein etwa elfjähriger dicklicher Junge aus heiterem Himmel in den Magen boxte, mussten mehrere Kunden Paul beschwichtigen. Am liebsten hätte er den Bengel kopfüber in die Molkereiprodukte gesteckt. Abends hatte Paul gekündigt und war zu Fuß durch den frischen Schnee nach Hause gestapft. Ein Auto konnte er sich schon lange nicht mehr leisten.

Fast jeden Abend trieb sich Paul in düsteren Kneipen herum und kam in der Regel in den frühen Morgenstunden völlig betrunken nach Hause. Gestern hatte er einer Frau nach dem fünften oder sechsten Bier erzählt, dass er sich früher hatte unsichtbar machen können. Sie hatte gelacht und ihn ‚ausgeflippt‘ genannt. Dann hatte sie sich schnell verabschiedet.

„Neuland, Paul. Du musst einen neuen Weg finden. So geht es nicht weiter.“ Paul ließ das Wachbecken voll Wasser laufen. Vielleicht fand er ja beim Rasieren einen guten Gedanken in einem der schattigen Winkel seines Gehirns.

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