Monatsarchiv: Juni 2011

Vor dem Aufprall (Teil 5)

Bald entwickelten Ben und ich eine Routine. Zwei- bis dreimal pro Woche trafen wir uns nach der Arbeit, während Martha glaubte, Ben sei noch in der Agentur. In meinem Wagen fuhren wir zu meiner Wohnung, aßen eine Kleinigkeit und öffneten eine Flasche Wein. Wir redeten, ließen den Arbeitstag noch einmal passieren, lachten, scherzten und wurden zärtlich. Manchmal hielt Ben mich einfach nur im Arm. Gegen zwei Uhr ging er dann zur U-Bahn oder nahm sich ein Taxi.

Es kam häufiger vor, dass Ben eine Verabredung kurzfristig absagte, weil eines der Kinder krank war und Martha ihn bat, früh nach Hause zu kommen. Einmal rief Martha gegen Mitternacht auf Bens Mobiltelefon an, als er bei mir war. Der Kleine habe einen schlimmen Husten und Martha sei unsicher, ob sie den Arzt rufen solle. Fünf Minuten später war Ben auf dem Weg nach Hause. Ich konnte nicht schlafen, nachdem er so plötzlich aufgebrochen war und setzte mich an meinen Computer.

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Vor dem Aufprall (Teil 4)

Am Abend vor dem Termin mit RKV feilten Ben und ich an unserer Präsentation. Gegen halb elf waren wir endlich zufrieden.

Ben fragte: „Was meinst du, gönnen wir uns noch einen Drink in der Bar um die Ecke?“

Zehn Minuten später stießen wir mit einem Glas Rotwein an. Der Alkohol stieg mir schnell zu Kopf, ich hatte kaum etwas gegessen. Nach dem zweiten Glas schob Ben seine Brille noch häufiger als sonst die Nase hoch, dann legte er sie auf den Tisch und meinte, er könne sowieso nicht mehr richtig sehen. Gegen Mitternacht verließen wir die Bar. Ich ließ meinen Mini stehen und entschied, zu Fuß nach Hause zu gehen, obwohl es eine frostige Januarnacht war. Ben war wie üblich mit der U-Bahn unterwegs und bot an, mich zu begleiten, bevor er selbst nach Hause fuhr.

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Vor dem Aufprall (Teil 3)

Mein Vater holte mich in einem fabrikneuen schwarzen Mini Cooper vom Flughafen ab, den er mir feierlich als Geburtstagsgeschenk übergab. Seit Jahren hatte ich mir einen Mini gewünscht, aber nicht leisten können. Meine Eltern hatten sicherlich keinen kleinen Teil ihrer Ersparnisse dafür geopfert. Dankbar und freudig umarmte ich meinen Vater und ich glaube, er war darüber mindestens so glücklich wie ich über das Auto.

Ich wohnte zunächst wieder bei meinen Eltern. Am Tag nach meiner Rückkehr meldete ich mich bei Ralf. Das Telefonat verlief besser als ich je zu hoffen gewagt hatte. Die Janus Marcom GmbH hatte inzwischen 30 Angestellte. Sie suchten im Moment nach Verstärkung, auch nach Designern. Ralf lud mich für den nächsten Tag zu Janus ein. Kaum hatte ich die Firma betreten, wusste ich, dass ich Nirgendwo anders arbeiten wollte. Die Räume waren hell und luftig, die Einrichtung geradlinig modern. Die Mitarbeiter, die Ralf mir vorstellte, fand ich sympathisch und kreativ-verrückt, wie man es in der Werbebranche eben sein musste. Ralf war beeindruckt von meiner Referenzenmappe, die ich in den letzten Jahren sorgsam gepflegt hatte.

Bald waren Ralf und ich uns einig: Zum nächsten Monatsersten würde ich als Senior Designer bei Janus beginnen. Als ich nach dem Gespräch die Agentur verließ, spürte ich kaum den Boden unter meinen Füßen.

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Vor dem Aufprall (Teil 2)

Drei Wochen nach der Trennung wohnte ich noch immer bei meinen Eltern. Ich schlief bis mittags, blieb den ganzen Tag im Pyjama und zappte ununterbrochen durch die 45 Satellitenkanäle. Meine Eltern tänzelten hilflos um mich herum. Mein Vater lächelte ständig und versicherte mir, er würde mich in all meinen Plänen unterstützen. Meine Mutter kochte meine Lieblingsgerichte und trug sie mir bis zum Couchtisch hinterher, aber ich hatte kaum Appetit.

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Vor dem Aufprall (Teil 1)

Nach der Veröffentlichungsflaute der letzten Monate freue ich mich besonders, wieder einmal ein längeres Werk zu posten. Vorgesehen sind sieben Teile, hier kommt der erste.

 

Vor dem Aufprall (Teil 1)

Ich habe nie geglaubt, dass kurz vor dem Tod das vergangene Leben an einem vorbei zieht wie im Film. Und nun stelle ich fest, dass es tatsächlich nicht so ist. Während ich aus dem sechsten Stock in die Tiefe falle, sehe ich nur eines: Bens Gesicht. Aber nicht, wie ich es zuletzt vor mir hatte – verletzt, wütend, aufgebracht – nein, ich sehe es lächelnd, glücklich, liebevoll.

Bevor alles seinen Gang nimmt, bevor Notarzt und Polizei kommen und mich abtransportieren, bevor die Schaulustigen nach Hause geschickt werden und die Ermittlungen beginnen, bevor die Münchner Klatschblätter über den tragischen Tod oder mutmaßlichen Mord an einer jungen, alleinstehenden Frau berichten, will ich erzählen, wie es dazu kam, dass ich in dieser schwülen Julinacht von meinem Balkon stürzte.

*

Die Geschichte beginnt vor zwei Jahren. Ich war 29, hatte einen guten Job als Designerin bei Kirchner & Mack, einer bekannten Werbeagentur in München, und lebte mit meinem Freund Erik in einer gemeinsamen Wohnung.

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Frühling (I & II)

Frühling (I)
Ein Zitronenfalter
streift sanft meinen Arm
wir brauchen beide
die Freiheit einfach davonzufliegen

Frühling (II)
Ein Regentropfen
trifft meine Nasenspitze
wir wissen beide
dass das nur der Anfang war