Vor dem Aufprall (Teil 7, letzter Teil)

Ich bat Martha in die Wohnung. Sie ging ins Wohnzimmer und sah sich um. Langsam glitt ihr Blick über die Couch, die Bücherregale und Bilder, den Fernseher, die Stereoanlage. Sie sagte nichts und das machte mich nervös. 

„Kann ich dir etwas anbieten?“ fragte ich, um das Schweigen zu brechen.

Martha sah mich an. Ihr Gesicht war angespannt, ihre Augen entschlossen.

„Janine, ich bin nicht gekommen, um mit dir zu plaudern. Du hast eine Affäre mit meinem Ehemann. Das muss aufhören.“

„Martha, ich weiß nicht, wovon…“

Sie fiel mir ins Wort. „Mach dich nicht auch noch lustig über mich! Ich weiß, dass es wahr ist.“

Liesl strich Martha schnurrend um die Beine. Martha beugte sich hinunter und streichelte sie sanft, fast zärtlich. „Und hier ist diejenige, die es mir verraten hat.“

Ohne aufzusehen sprach Martha weiter: „Ben hat schon immer lang gearbeitet, aber dreimal die Woche bis weit nach Mitternacht? Er kann mir nicht mehr in die Augen sehen, weicht meinen Blicken aus. Ich kenne Ben seit mehr als zehn Jahren, ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Dann entdeckte ich die Katzenhaare an seiner Kleidung. Es waren nicht viele, aber sie waren da. Und zwar an den Kleidungsstücken, die Ben getragen hatte, wenn er besonders spät nach Hause kam. Erinnerst du dich, wie wir uns letzte Woche im Supermarkt getroffen haben? Du hattest mindestens ein Dutzend Dosen Katzenfutter im Wagen. Strahlend hast du mir erzählt, dass du dir eine rot getigerte Katze aus dem Tierheim geholt hättest.“

Jetzt, da Martha sie erwähnte, erinnerte ich mich an die Begegnung.

Martha richtete sich wieder auf und sah mich an. „Als Ben heute Nachmittag anrief und erklärte, ich solle nicht auf ihn warten, es würde wieder richtig spät werden, da setzte ich alles auf eine Karte. Ich ging zur Nachbarin und bat sie, abends auf die Kinder aufzupassen. Ich fuhr hierher, parkte in der Nähe des Eingangs und wartete. Ben und du, ihr habt mich nicht bemerkt, als ihr ankamt. Gelacht habt ihr, als ihr aus deinem Wagen gestiegen seid. Ihr saht aus wie ein glückliches Paar und ich dachte, mein Herz zerspringt. Weinend saß ich im Auto. Als Holger Wagner kam, hoffte ich einen Moment lang, dass alles ganz harmlos wäre, dass ihr euch zu Dritt unter Kollegen treffen würdet. Aber dann ging Holger gleich wieder.“

Nachdem die Streicheleinheiten aufgehört hatten, war Liesl von Martha weggegangen, an mir vorbei und nun stolzierte sie auf den Balkon hinaus. Ausgerechnet jetzt!

„Die Katze, sie soll nicht auf den Balkon“, sagte ich. „Ich werde sie holen.“

Martha war sichtlich irritiert, als ich sie im Wohnzimmer stehen ließ und kam mir auf den Balkon nach. Sie musterte die leeren Weingläser. Liesl hatte sich auf einen Liegestuhl gesetzt. Ich wollte sie nehmen, aber sie wand sich und entglitt mir.

Martha sprach weiter: „Kurz nach Holger kam Ben aus dem Haus. Noch nie habe ich ihn so verletzt und verzweifelt gesehen. Und da wusste ich es. Du bist nicht einfach nur eine Affäre, Janine. Ben liebt dich. Mein Mann liebt dich!“

Ich hörte, was Martha sagte, aber ich konnte es kaum fassen. Da sprang Liesl auf das Balkongeländer und von dort weiter nach oben auf einen schmalen Vorsprung in der Fassade. Sie schaute ängstlich nach unten und miaute jämmerlich. Ich nahm einen Balkonstuhl, stellte ihn direkt ans Geländer und stieg auf die Sitzfläche.

„Liesl, komm. Komm zu mir“, lockte ich die Katze und streckte ihr meine Arme entgegen.

Da sagte Martha ruhig und entschieden: „Ich werde nicht zulassen, dass du meine Familie zerstörst.“

Marthas Stoß war beinahe sanft. Er reichte jedoch aus, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich ruderte unbeholfen mit den Armen. Liesl sah mich mit ihren klugen Augen verwundert an. Martha wich ein Stück zurück. Und dann kam der Moment, in dem ich begriff, dass es zu spät war. Ich würde fallen.

*

Ich will nicht sterben, noch lange nicht. Aber ich kann nichts mehr tun, in wenigen Augenblicken werde ich auf dem Boden aufschlagen. Ich bin zuversichtlich, dass es schnell gehen wird und ich keine Schmerzen leiden muss. Ich bin nicht wütend auf Martha. An ihrer Stelle hätte ich vielleicht das Gleiche getan.

Und da erscheint Bens Gesicht vor meinen Augen, lächelnd, glücklich, liebevoll. Er sieht mich an und sagt: „Janine, ich liebe dich.“ 

Dann wird es dunkel und ganz still.

5 Antworten zu “Vor dem Aufprall (Teil 7, letzter Teil)

  1. sehr schön, gefällt mir. Ich mag deine Lebensnahen Geschichten lieber als die Fantasy Sachen 🙂
    Wehe dem der Ehebruch begeht, wobei hier eigentlich die Strafe die falsche trifft….

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  2. Danke, Basti. Freut mich, dass du hier immer mal vorbei schaust! 🙂
    Liebe Grüße!

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  3. Kann nur zustimmen, die Geschichte ist sehr gut. Aber ich les lieber am Stück als in Teilen und um Tage verschoben. Da kann ich nicht warten und will alles auf einmal lesen.

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  4. Hallo Krumpi,
    schön, mal wieder von dir zu hören! Und danke für das Lob! Freut mich immer sehr.
    Eine neue längere Geschichte ist in Planung, aber noch nicht begonnen. Das wird also noch dauern. Bis dahin versuche ich, euch mit kurzen Sachen zu erfreuen! 🙂
    Liebe Grüße!

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  5. nuja, ich les grad die Tanzgeschichte, aber die scheint ja auch noch nich fertig zu sein… 😦

    hab länger nich die Zeit gefunden hier zu lesen, daher die Kommentare auf relativ alten Einträgen.

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