Vögelchen in der Grube

„Wir verabschieden uns heute von unserem treuen Freund Heribert von Tralala. Auf dass er vom Vogelhimmel immer auf uns hinunterschauen möge. Wir bedanken uns für die schöne Zeit, die wir mit ihm hatten, und die vielen fröhlichen Lieder, die er für uns sang.“

Monika schaute in die Runde. Offensichtlich waren ihre Worte ausreichend gewesen, denn Tina, ihre elfjährige Tochter, legte vorsichtig den schmalen Schuhkarton in die Grube, die Monika eine Stunde zuvor im Garten hinter den Johannisbeeren ausgehoben hatte. Eigentlich war es eher ein Grübchen.

Der siebenjährigen Anna liefen dicke Tränen über die geröteten Wangen. Ein großer Fortschritt im Vergleich zu den jämmerlichen Weinkrämpfen vor einigen Stunden. Tina war hingegen mit dem  unerwarteten Tod des Familienwellensittichs recht abgeklärt umgegangen: „Nein Mama, ich möchte keinen neuen Vogel. Nach Heribert wären alle anderen nur ein Plagiat.“ Das Wort hatte Tina drei Tage zuvor im Deutschunterricht gelernt. „Ich werde die Erinnerung an Heribert nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen behalten“, hatte Tina feierlich hinzugefügt. Monika war gerührt.

„Heribert, wir denken an dich, wenn wir die Vögel im Garten zwitschern hören“, sagte Tina nun, trat vom kleinen Grab zurück und nahm ihre Schwester in den Arm. Monika warf mit dem Spaten vorsichtig Erde auf Heribert im Karton. „Es tut mir leid, kleiner Piepmatz“, dachte sie dabei. Mit dem schlechten Gewissen einer Mutter, die ihren Kindern nicht die Wahrheit sagt, schaufelte sie weiter.

Roberts Argumentation war bestechend gewesen. Die Mädchen hatten es doch sowieso schon schwer genug, sich an ‚Mamas neuen Freund‘ zu gewöhnen. Und nun sollten sie auch noch denken, er habe ihren geliebten Heribert auf dem Gewissen? Das könne doch sicherlich niemandem nutzen.

Mit gemischten Gefühlen hatte Monika zugestimmt, den Mädchen eine sanfte Version von Heriberts Dahinscheiden aufzutischen.  Heriberts Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen, irgendwann zwischen großer Pause und der vierten Stunde. – Die Wahrheit sah anders aus…

Beim Säubern des Vogelkäfigs in der Küche hatte Monika unachtsam das Türchen offen gelassen und Heribert entkam unbemerkt. Als Monika den leeren Käfig sah, hatte Heribert schon den Weg durch die angelehnte Küchentür gefunden. Mit Schrecken dachte Monika sofort an Roberts Atelier.

Als Robert vor sechs Monaten eingezogen war, hatte er den Wintergarten zur Werkstatt umgebaut. Robert war freier Künstler und verdiente gut mit seinen Werken. Hauptsächlich arbeitete er mit Glas und Metall, manchmal auch mit Kunststoff. Zurzeit entstand eine mannshohe Skulptur aus Aluminium und kupfernem Stacheldraht.

Monika lief zum Atelier und rief: „Robert, schnell, mach die Tür zu, der Vogel!“ Die Tür stand halb offen und ohne Nachzudenken schlug Monika sie zu. Die Tür war von außen nur mit einem Schlüssel zu öffnen – eine Vorsichtsmaßnahme, auf die Monika bestanden hatte, damit die Mädchen sich nicht unbeaufsichtigt verletzten.

„Moni-Maus, hast du gerufen?“ Erschrocken drehte Monika sich um. Robert stand vor ihr.

„Bist du nicht im Atelier?“

„Ich war im Garten rauchen. Was ist denn los?“

„Heribert ist mir entwischt und…“

In diesem Moment hörten sie Vogelkreischen aus dem Atelier.

„Oh Gott, er ist da drin!“ Monika klang noch panischer als der Wellensittich. „Robert, hol die Brechstange!“

„Moni, Süße, beruhig‘ dich. Ich hab den Schlüssel doch hier.“

Robert sperrte die Tür auf. Im Raum dahinter war es wieder still. Einen Moment lang hoffte Monika auf ein Wunder. Aber Wunder gab es nicht, das wusste sie. Vielleicht war es immerhin ein kleines Wunder, dass Heriberts Verletzungen kaum sichtbar waren, so dass Monika mit ihrer Lüge durchkommen konnte…

Die kleine Grube war nun gefüllt, sanft klopfte Monika die frische Erde platt. Tina und Anna legten beide einen Strauß Gänseblümchen auf Heriberts letzte Ruhestätte. Robert hatte an der Zeremonie nicht teilgenommen. „Ich muss erst mal den Schaden beheben, den der Vogel angerichtet hat“, hatte er gemeint.

„Kommt Kinder, ich hab euren Lieblingskuchen gebacken.“ Nachdenklich sah Monika zum Wintergartenatelier hinüber, in dem Robert vertieft an seiner Skulptur arbeitete. „Ihr dürft heute so viel essen, wie ihr wollt.“

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