Zug ohne Zeit

Lederbezogene Sitzbänke, bequem gepolstert. Schummriges Licht in den Abteilen. Fein gedeckte Tische im Speisewagen. Die Gesellschaft ist vergnügt. Champagner, Kaviar, Zigarren. Gewichtige Männergespräche, leichtes Frauenlachen.

Im Rhythmus der Lokomotive zieht die Landschaft vorbei. Schneebedeckte Gipfel, unergründliche Seen, verwunschene Wälder. Niemand drinnen bemerkt sie. Es wird Nacht und Tag und wieder Nacht. Niemand drinnen sieht auf die Uhr. Die Zeit steht still. Und der Zug fährt weiter, immer weiter.

In einem kleinen Bahnhof am Rand der Welt steht ein Junge. Er sieht auf die Uhr. Gleich wird er kommen. Jeden Tag kommt er um die gleiche Zeit, pünktlich auf die Minute. Der Junge hört den Pfiff der Lok, bevor der Zug um die Kurve biegt. Ohne langsamer zu werden fährt er in den Bahnhof. Der Junge sieht die Menschen in den beleuchteten Waggons.

Da ist auch wieder das kleine Mädchen. Als Einzige schaut sie zum Fenster hinaus. Sie sieht traurig aus. Der Junge weiß nicht, ob sie ihn sehen kann. Und schon ist der Zug vorbeigefahren. Der Junge bleibt stehen, bis die Dämmerung die roten Rücklichter verschluckt hat. Dann macht er sich auf den Weg nach Hause. Wie immer fragt er sich, ob er heute seinen Eltern oder seinem Bruder von dem Zug erzählen soll. Würden sie ihm glauben?

Eines jedenfalls ist sicher: Morgen wird er wieder zum Bahnhof kommen. Und vielleicht findet er dann endlich den Mut, dem Mädchen zuzuwinken.

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