Am Ende einer Nacht

„Wie konnte ich nur so naiv sein zu glauben, er wäre anders als die anderen?“, dachte Helen auf dem Weg zum Taxistand. Ihr Schritt war schnell, so schnell er sein konnte, in ihren hochhackigen Sandalen auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt.

„Wann begreife ich, dass ich in einer Bar niemals den Mann fürs Leben finden werde?“ Helen zog ihre Bolero-Jacke fest an sich und verschränkte die Arme, um sich zu wärmen. Die milde Julinacht war frisch geworden, jetzt, kurz vor Sonnenaufgang.

„Und wann, wann endlich, werde ich lernen, nicht mit einem Kerl gleich nach Hause und ins Bett zu gehen? Egal, wie charmant und witzig er scheint!“ Helen schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit.

Keine fünf Minuten, nachdem sie im Bett wieder zu Atem gekommen waren, hatte er gefragt, ob er ihr ein Taxi rufen solle. Als sie ihn verständnislos angesehen hatte, kam die Erklärung: „Sorry Süße, mit einem Huhn im Bett kann ich nicht schlafen.“

Zunächst hatte es ihr die Sprache verschlagen. Dann beschimpfte sie ihn, was ihn wenig beeindruckte. Schließlich wollte sie nur noch weg. Sie zog sich an, er blieb liegen. Im Flur nahm sie ihre Tasche und Jacke vom Garderobenständer. Dort hing auch seine Jacke. Auf deren dunklem Stoff gut zu sehen war eines seiner weichen blonden Haare. Das nahm sie, steckte es in ihre Tasche und verließ die Wohnung. Die Tür ließ sie weit offen stehen.

Als Helen nun im Taxi saß, dachte sie: „Es ist immer das Gleiche. Ein Reinfall nach dem anderen.“ Sie schaute aus dem Autofenster, am Horizont wurde es schon hell.

Einmal mehr bedauerte es Helen zutiefst, dass in dem Hexenbuch, das sie nach dem Tod ihrer Großmutter ganz hinten in deren Kleiderschrank gefunden hatte, nur Anleitungen für Flüche und Verwünschungen standen – und kein einziges Rezept für einen Liebestrank.

2 Antworten zu “Am Ende einer Nacht

  1. Wahre Magie ist eben schöner, als jegliche Hexerei. 🙂

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