Ei der Daus

Carolas Suche, Teil 13
Was zuvor geschah

Carola schaute auf die Uhr. Kurz vor halb 10. Nick war bestimmt schon auf dem Weg zum Flughafen. Offizielle Abflugzeit nach Toronto: 11:25. Von dort kurzer Weiterflug nach North Bay, wo Nick in vier Wochen die Leitung der lokalen Niederlassung seiner Firma übernehmen würde.

Nick hatte Carola gebeten, mit ihm nach Kanada zu gehen. Zunächst war sie sprachlos gewesen, schockiert, dann hatte sie begonnen zu durchdenken, was dieser Schritt für sie bedeuten würde. Lange Listen mit Für & Wider hatte sie geschrieben, im Kopf und auf Papier, endgültig erhellend war das nicht gewesen.

Carola löffelte den letzten Rest ihres Frühstückseis aus. Den Eierbecher hatte ihre Großmutter ihr vor langer Zeit geschenkt. Gerne hätte Carola ihre Großmutter jetzt um Rat gefragt, denn sie hatte in jeder Situation etwas Kluges zu sagen gewusst. Doch die Großmutter war vor zehn Jahren gestorben. Carola waren nur die Eierbecher und dazu passende gehäkelte wollweiße Eierwärmer geblieben.

Carola nahm die neueste Ausgabe der Frauenzeitschrift zur Hand. Auf dem Titel eine Frau und ein Mann, Rücken an Rücken, beide mit vor der Brust verschränkten Armen, sie mit leicht grimmigen Blick und faltenlosem Stirnrunzeln, er mit schief gelegtem Kopf und einer hoch gezogenen Augenbraue. Unter dem Bild stand: Kollision oder Kompromiss? Und darunter, etwas kleiner: So entkommen Sie der Ehestreit-Falle. Carola blätterte zum dazugehörigen Artikel und begann zu lesen.

Zu kaufen gibt es sie nicht, in keinem Laden: die Landkarte, die Sie wohlbehalten durch das Gewirr des Beziehungsdschungels führt. Sie müssen diese Karte selbst erarbeiten. Nur dann werden Sie die Schatzschatulle des dauerhaften Glücks finden. Doch keine Panik, Sie sind nicht allein! Wählen Sie Ihre Begleiter weise, dann wird der Weg klar sein. Begleiter Nr. 1: Ehrlichkeit. Machen Sie keinen Hehl aus Ihren Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen. Kommunizieren Sie klar und deutlich. Reden Sie nicht um den heißen Brei herum. Das ist oft schwierig, zahlt sich aber immer aus. Nur, wenn Ihr Partner weiß, wohin Sie wollen, können Sie den Weg gemeinsam gehen.

Carola schaute auf. Aus einem Trockenheitsgefühl im Hals wurde ein Kloß, der ihr fast den Atem abschnitt. Sie war nicht ehrlich gewesen zu Nick. Ausgewichen war sie, herumgedruckst hatte sie. Nick hatte ihre nichtssagenden Antworten wohl so gedeutet, dass Carola mitkommen würde nach Kanada, nicht sofort, aber ganz bestimmt. Carola hatte diese Deutung stehen lassen, sie hatte die Sache nicht klar gestellt, selbst als sie für sich beschlossen hatte, nicht nach Kanada zu gehen, sondern hier zu bleiben und ein Fernstudium zu beginnen. Sie hatte Nick nicht erzählt, dass sie sich eingeschrieben hatte, dass die ersten Studienmaterialien schon zugeschickt worden waren.

Der Kloß in Carolas Hals begann zu pochen. In diesem Moment war Nick auf dem Weg zum Flughafen, um in Kanada ein Haus für sich, seinen kleinen Sohn Ben und Carola zu finden.

Carola sprang vom Esstisch auf. Die Frauenzeitschrift warf Omas Eierbecher um, die leere Eierschale kullerte zum Tischrand und landete mit einem leisen klack auf dem Laminat. Doch das bemerkte Carola nicht, denn sie war schon im Flur, griff nach dem Autoschlüssel und warf die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Mit viel Glück würde sie es zum Flughafen schaffen, bevor Nick eingecheckt hatte.

Fortsetzung folgt…

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