Monatsarchiv: April 2015

Ein Schmuckstück erzählt

Geformt wurde ich aus zweifarbigem Silber. Sehr schmale Bänder, hell und dunkel, je drei im Wechsel. Ein zufriedener Blick meiner Meisterin begleitete mich von der Werkstatt in den Verkaufsraum. Oft wurde ich angeschaut, ein paar Mal anprobiert, kritisch beäugt, dann zurückgelegt.

In den Augen der Frau, die schließlich meine Trägerin wurde, habe ich gleich erkannt, dass sie mich mitnehmen würde. Sie hatte nach mir gesucht und strahlte, als sie mich gefunden hatte.

Jeden Tag trägt sie mich seitdem, am Mittelfinger der linken Hand. Angenehm ist es dort. Der Mittelfinger ist ein zuverlässiger Kamerad, Zeige- und Ringfinger sind gute Nachbarn.

Abends legt meine Trägerin mich ab. Die Nächte verbringe ich in einer sanft schimmernden Muschel, direkt neben der Armbanduhr, die ihre Tage am rechten Handgelenk meiner Trägerin verbringt. Die Armbanduhr ist sehr klug. Sie kann fast alle meine Fragen beantworten, wenn ich von den Geschehnissen des Tages etwas nicht verstanden habe.

Viel Zeit verbringe ich oberhalb eines hellgrauen Rechtecks mit kleinen Quadraten, auf denen Symbole stehen. Eine Computertastatur ist das, hat mir die Armbanduhr erklärt. Damit kann man schreiben. Was meine Trägerin schreibt, weiß ich nicht. Ich kann nicht lesen. Das kann noch nicht einmal die Armbanduhr!

Beim Händewaschen legt meine Trägerin mich ab. Dafür bin ich dankbar, denn Wasser und Seife sind nicht meine Freunde. Einmal hat meine Trägerin mich dabei vergessen. Da lag ich alleine auf einem Waschbecken unter kaltem Licht. Eine Fremde sah mich interessiert an. Dann kam meine Trägerin zurück. Die Besorgnis in ihrem Blick ließ mich meine Furcht sofort vergessen. Erleichtert steckte sie mich an und die Finger wärmten mich schnell.

Ich kann nicht rechnen, doch ich glaube, dass die Zeit bei meiner Trägerin schon viel länger dauert als meine Zeit in der Verkaufsvitrine. Meine zwei Farben, das helle und das dunkle Silber, sind längst nicht mehr so verschieden wie früher. Das Dunkel wurde heller und das Helle dunkler. Trotzdem steckt meiner Trägerin mich jeden Tag an. Ich spüre ihre Freude dabei. Oft tastet meine Trägerin mit dem linken Daumen nach mir, um sicher zu gehen, dass ich da bin. Das macht mich glücklich. Ich hoffe, wir bleiben noch lange zusammen.

Wenn die Geschichten der Armbanduhr stimmen, muss ich mir keine Sorgen machen, selbst wenn meine Trägerin irgendwann einen anderen Ring bevorzugen wird. In Nachbarschaft unseres Muschel-Nachtlagers stehen viele hübsche Schmuckdöschen. Darin liegen Ohrringe, Armbänder und Halsketten. Ich kann mir gut vorstellen, in einem dieser Döschen meinen Lebensabend zu verbringen.

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

Ein 96-jähriger krebskranker Ornithologe als Protagonist? Regt mich persönlich nicht unbedingt zum Kauf eines Buches an. Die Autorin ist eine ca. 30-jährige Ukrainerin (geboren 1981 in Odessa), die auf Deutsch schreibt? Da wird die Sache schon spannender!

Letztendlich überzeugt hat mich Marjana Gaponenkos Vortrag beim Erlanger Poetenfest 2012. Dort hat sie den sterbenden Vogelkundler Luka Lewadski auf charmante Weise zum Leben erweckt. Eigenbrötlerisch, verschroben und sympathisch ist er. Die Geschichte ist feinfühlig und skurril; teil surrealistisch, wenn sie zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt. Die fließend leichte Sprache lädt ein, mit auf Lewadskis letzte Reise zu gehen. Es lohnt sich, diese Einladung anzunehmen!

Unwetter am Horizont

Unsere Decke legt sich sanft auf das saftige Gras. Wir denken nicht an zerdrückte Blüten, als wir uns setzen. Du schenkst roten Wein ein, ich schneide weichen Käse und teile das knusprige Brot.

Die Bienen summen und die Wespen lassen uns in Ruhe. Wir legen uns auf den Rücken, halten einander an der Hand und versinken im Himmelblau. Augen zu. Wind kommt auf. Die Vögel singen weiter.

„Wenn ein Gewitter kommt?“, frage ich.

Du sagst: „Nirgends Wolken.“

„Und wenn der Wind welche bringt?“, frage ich.

Du sagst: „Oder er hält sie fern.“

Eine Hummel setzt sich auf meinen Arm, hebt aber gleich wieder ab. In der Ferne ein Grollen. Ich setze mich auf und blicke hinter mich. Bedrohlich dunkle Wolkenberge. Wohin ziehen sie?

„Unwetter am Horizont“, sage ich.

Du reckst den Kopf. „Es ist weit weg“, sagst du und bleibst liegen.

„Und wenn es hierher kommt?“, frage ich.

Du setzt dich neben mich, ganz nah, nimmst mich in den Arm, zärtlich und fest.

„Dann fällt uns schon das Richtige ein“, sagst du und lächelst. In deinem Lächeln bin ich zu Hause.

Der Donnergroll rückt näher, der Wind frischt auf, das Licht wird gelb.

Ich habe keine Furcht. Denn zusammen wird uns das Richtige einfallen.

Waldspaziergang

Beim Spaziergang im Wald

Zeigt sich die Natur
Unbeeindruckt
Von Kriegen, Populismus, Ignoranz

Einzig dem Sturm
Hat sie Tribut gezollt

Trotzdem:
Der Frühling kommt

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