Monatsarchiv: Februar 2015

Hausmeister Gestriger räumt auf

Die blonde Studentin war ihm schon länger ein Dorn im Auge. Wäre das Blond lang und ihre Figur kurvig, das wäre etwas anderes. Doch Tanja Stein war sportlich-sehnig und ihr Haar maß kaum zwei Zentimeter. Gar nicht so, wie Hausmeister Gestriger sich seine Mieterinnen wünschte.

Herrenbesuch bekam Tanja Stein nie, dafür empfing sie jeden Dienstagabend eine Gruppe von fünf Frauen. Immer dieselben. Sie kamen um Acht und blieben bis nach Zehn. Gestriger nahm an, sie waren auch Studentinnen. Zwei waren ebenso burschikos wie Tanja Stein und eine war fett, fand Gestriger. Aber zwei hatten langes brünettes Haar und knackige Hintern, die waren schon eher nach seinem Geschmack. Lärm machten sie keinen, aber die Regelmäßigkeit ihrer Treffen machte Hausmeister Gestriger misstrauisch. Weiterlesen

Was wäre, wenn? „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck

Galizien, um 1900: Ein Säugling stirbt im Kindsbett. Die Eltern verzweifeln, die Ehe zerbricht, der Vater sucht sein Glück als Auswanderer, die Mutter rutscht ab.

Dann ein Intermezzo, die Zeit wird zurück gedreht. Die kleine Tochter wird gerettet und lebt. Die Familie bleibt zusammen, wandert nach Wien aus, wo sich neue berufliche Chancen für den Vater eröffnen. Hoffnung keimt in der Leserin: Das Unglück ist abgewendet, alles kann gut werden.

Aber schnell wird klar: Nichts wird gut. Offener Antisemitismus und die Härten des Ersten Weltkriegs in der Großstadt sind schwere Bürden. Todessehnsucht treibt die inzwischen jugendliche Tochter in den Selbstmord. Sie stirbt – zum zweiten Mal im Buch.

Und wieder wird an den Schrauben des Schicksals gedreht, ein weiteres Intermezzo, das Mädchen überlebt. Was bringt die dritte Chance? – Es wird jedenfalls nicht die letzte sein.

Jenny Erpenbeck versteht es meisterhaft, mit Möglichkeiten und Gelegenheiten zu spielen. Sie weckt Hoffnungen, die sich selten erfüllen. Sie zieht die Leserin in den Sog der Familiengeschichte, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Mitte Europas spiegelt. „Aller Tage Abend“ ist keine leichte Kost, aber sie lohnt sich: Wegen der wunderbaren Sprache, der kunstvollen Struktur und der packenden Handlung.

Ruhe und Frieden (Püppi ist platt)

Diese Ruhe, wunderbar. Roland, diese Ruhe, die würde auch dir gefallen. Du hast dich ja noch viel mehr über den Kläffer aufgeregt als ich. Die Krause hat das kalt gelassen. Ihr Püppi stand über allem, selbst über guter Nachbarschaft.
Wie sie vorhin auf die Straße gerannt ist, das hättest du sehen sollen! Völlig hysterisch war sie: Püppi, mein Püppi!

Weißt du noch, wie sie sonntags im Sommer Püppi auf der Terrasse gebadet hat? Jeden Sonntag Punkt 10.00 Uhr. Und wir hatten keine Ruhe mehr an unserem Frühstückstisch. Dieses Gejaule, dieses Gezeter. Püppi, sei ein braves Püppi. Nein, Püppi, nein, nein, nein!

Erinnerst du dich, Roland, wie du einmal hinüber geschrien hast: Am siebten Tage sollst du ruhen, verdammt nochmal! Das hat die Krause nicht kapiert. Püppi auch nicht. Jetzt ist Püppi platt. Diese riesigen Geländewagen haben ihr Gutes. Wie die Krause geheult hat. Fast hat sie mir leidgetan. War wirklich kein schöner Anblick.

Aber dann musste ich wieder daran denken, wie Püppi sich damals beinah in deine Wade verbissen hat. Zum Glück hat das Biest nur den Hosenstoff erwischt. Sie müssen Püppi provoziert haben. Provoziert, von wegen! Ich habe bewundert, dass du in der Situation so beherrscht geblieben bist, Roland.

Ach, diese Ruhe! Wenn du doch nur hier wärst, um sie mit mir zu genießen, Roland.

Der Autofahrer war ganz schockiert, der hat sich andauernd entschuldigt bei der Krause. Der kann nicht wissen, wie nervtötend Püppi war. Der Tierarzt hat Püppi dann mitgenommen. Meinst du, Püppi bekommt ein richtiges Begräbnis, mit Holzsarg und Totenglöckchen?

An deinem Begräbnis war es grau und hat geregnet. Sonnenschein hätte ich nicht ertragen. So viele Leute waren da, das hat mir irgendwie geholfen. Auch die Krause war da. Ohne Püppi. Am Tag danach hat mir die Krause Kuchen und Obst gebracht. Fürs Gemüt und die Gesundheit, hat sie gesagt. Eigentlich ganz rührend, nicht wahr?

Jetzt ist die Krause ganz allein, wie ich. Wie still es drüben ist. Fast unheimlich. So still, Roland, so still. Was meinst du, soll ich vielleicht bei der Krause klingeln und fragen, wie es ihr geht? Ich nehme eine gute Flasche Wein mit, von dem Roten, den wir beide im letzten Urlaub gekauft haben. Vielleicht möchte Frau Krause ja ein wenig Gesellschaft.

Im Theater Erlangen: „Amphitryon“ nach Heinrich von Kleist

Der Feldherr Amphitryon kehrt mit seinem Diener Sosias nach erfolgreicher Schlacht nach Theben zurück. Doch der Gott Jupiter und der Götterbote Merkur sind schon früher nach Theben gekommen. In Gestalt des Amphitryon und des Sosias haben sie die Plätze bei den Ehefrauen Alkmene und Charis eingenommen. Weder das Volk Thebens noch die beiden Ehefrauen bemerken die Täuschung. Amphitryon und Sosias werden mit der Frage konfrontiert, wer ein Mensch noch ist, wenn ein anderer seinen Namen und seine Gestalt angenommen hat.

Das sechsköpfige Ensemble des Erlanger Markgrafentheaters wechselt während des Stücks immer wieder die Rollen, durchbricht so die vorgegebene Struktur und gibt der existenziellen Frage nach der eigenen Identität eine weitere Dimension. Die Zuschauerin muss aufmerksam bleiben, wenn sie nicht in den Wirrungen verloren gehen will. Doch das lohnt sich. Die Inszenierung regt zum Nachdenken an, ist jedoch gleichzeitig kurzweilig und unterhaltsam – und das liegt nicht nur an den knallenden Türen, die schmunzelnd an Slapstick-Klassiker denken lassen.

Mehr Info und Kartenverkauf auf der Website des Theaters Erlangen.

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