Monatsarchiv: März 2015

Federleicht und tief bewegend: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler

Aus finanzieller Notwendigkeit heraus schickt die Mutter den 17-jährigen Franz 1937 nach Wien, um bei ihrem früheren Bekannten Otto Trsnjek in dessen Trafik in die Lehre zu gehen. In dem kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen lernt Franz fürs Leben: Aus den Dutzenden von Zeitungen, die Franz auf Geheiß des alten Trafikanten jeden Tag liest. Aus den Gesprächen mit Sigmund Freud, der zur Stammkundschaft gehört. Und aus der ungestümen Liebesaffäre mit Anezka, einer jungen Böhmin, die sich allein durch harte Zeiten schlägt. Der Nationalsozialismus, von Anfang an präsent, wird zunehmend bedrohlicher und zerstört schließlich die Welt, in die Franz eben erst eingetaucht ist.

Federleicht erzählt Robert Seethaler die erstaunliche Entwicklung des jungen Franz. Herzzerreißend naiv ist er zu Beginn, unpolitisch, unerfahren, gleichzeitig erfrischend ehrlich, offen und direkt. Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Freud wird gezwungen, Wien zu verlassen. Anezka entscheidet sich fürs eigene Überleben. Und Franz? Aus Franz ist ein aufrichtiger junger Mann geworden, der sich entschlossen von seinem Gerechtigkeitssinn leiten lässt – und bereit ist, alle Konsequenzen daraus zu tragen.

„Der Trafikant“ berührt Herz und Seele und schafft etwas Erstaunliches: Die unvermeidbaren Ereignisse hinterlassen nicht nur Wut und Traurigkeit, sondern vor allem ein Gefühl der Stärke und des Lebensmuts.

Wer ein wenig mehr über Robert Seethaler erfahren möchte, dem sei dieser kurze Beitrag aus der Sendung „Capriccio“ des BR empfohlen.

Ei der Daus

Carolas Suche, Teil 13
Was zuvor geschah

Carola schaute auf die Uhr. Kurz vor halb 10. Nick war bestimmt schon auf dem Weg zum Flughafen. Offizielle Abflugzeit nach Toronto: 11:25. Von dort kurzer Weiterflug nach North Bay, wo Nick in vier Wochen die Leitung der lokalen Niederlassung seiner Firma übernehmen würde.

Nick hatte Carola gebeten, mit ihm nach Kanada zu gehen. Zunächst war sie sprachlos gewesen, schockiert, dann hatte sie begonnen zu durchdenken, was dieser Schritt für sie bedeuten würde. Lange Listen mit Für & Wider hatte sie geschrieben, im Kopf und auf Papier, endgültig erhellend war das nicht gewesen.

Carola löffelte den letzten Rest ihres Frühstückseis aus. Den Eierbecher hatte ihre Großmutter ihr vor langer Zeit geschenkt. Gerne hätte Carola ihre Großmutter jetzt um Rat gefragt, denn sie hatte in jeder Situation etwas Kluges zu sagen gewusst. Doch die Großmutter war vor zehn Jahren gestorben. Carola waren nur die Eierbecher und dazu passende gehäkelte wollweiße Eierwärmer geblieben.

Carola nahm die neueste Ausgabe der Frauenzeitschrift zur Hand. Auf dem Titel eine Frau und ein Mann, Rücken an Rücken, beide mit vor der Brust verschränkten Armen, sie mit leicht grimmigen Blick und faltenlosem Stirnrunzeln, er mit schief gelegtem Kopf und einer hoch gezogenen Augenbraue. Unter dem Bild stand: Kollision oder Kompromiss? Und darunter, etwas kleiner: So entkommen Sie der Ehestreit-Falle. Carola blätterte zum dazugehörigen Artikel und begann zu lesen. Weiterlesen

Nach dem Studium

Endlich richtig Geld verdienen

Im Restaurant sorglos ein Glas Wein
bestellen oder zwei

Sich im Urlaub jetzt immer Hotelzimmer mit eigenem Bad
leisten können

Einfach beide Paar Schuhe
kaufen, wenn die Entscheidung schwer fällt

Nicht mehr für Prüfungen
lernen müssen am Abend, am Wochenende

In die Welt von IT-Programmen, Deadlines und Kundenmeetings
eintauchen

Neue Menschen, neue Orte, neue Situationen
erfahren

Neue Beziehungen knüpfen

Erkennen, dass sich dadurch auch die bestehenden
verändern

Akzeptieren, dass einige davon zerbrechen

In der Oper

Ganz schön warm ist es hier. Bisschen stickig auch. Da hätte ich glatt ärmellos tragen können. Im Restaurant war’s auch sehr warm. Durstig bin ich. Das Essen war lecker, nur recht salzig, die Sojasauce. Aber besser zu warm als zu kalt…

Ach, die Arie kenne ich. Die Königin der Nacht. Warum soll ihre Tochter denn Sarastro töten? Warum hat er sie überhaupt entführt? Und warum ist Pamina unsterblich in Tamino verliebt, wo sie ihn doch nie zuvor gesehen hat?

Die Inszenierung gefällt mir. Hat etwas Skurriles, Selbstironisches. Die Idee mit dem Skiort finde ich witzig. Hübsche Kulissen… Aber der Text… Manchmal schon nach dem Motto „Reim dich oder ich fress‘ dich“…

So, jetzt ist Pamina ganz verzweifelt, weil Tamino nicht mit ihr spricht. Sie will sich umbringen, weil sie glaubt, er liebt sie nicht mehr. Herrje…

Ich hab solchen Durst! Ich hätte ein zweites Getränk zum Essen bestellen sollen. Zeit wäre gewesen. Aber dann hätte ich’s vielleicht nicht bis zur Pause ausgehalten. Die Pause hat sowieso kaum ausgereicht, um etwas zu trinken und zur Toilette zu gehen. Zwei Toiletten sind viel zu wenig. Überall das Gleiche mit den Schlangen vor den Damen-Toiletten…

Tamino zieht aus, um Prüfungen zu bestehen und Gefahren zu trotzen. Pamina weiterhin verzweifelt. Mann aktiv, Frau passiv. Na gut, Mozart ist schon ein bisschen her… Wie spät ist es eigentlich? Gleich Zehn. Noch eine knappe halbe Stunde. Das geht. Dann ist’s aber gut…

Die Musik ist ja ganz schön, doch wirklich berührt bin ich nicht. Das Gesinge ist auf Dauer etwas anstrengend. Und die Handlung… Besser nicht vom feministischen Standpunkt aus betrachten…

Ich bin nach wie vor nicht reif für die Oper. Macht ja nichts. Vielleicht kommt das noch. Später. War trotzdem fein, es einmal wieder auszuprobieren. Es hätte auch funken können zwischen der Zauberflöte und mir…

Oh, jetzt sind die Gefahren schon vorüber? Was waren die Gefahren eigentlich? Nun wird geheiratet! Klar. Also, wenn ich zu Hause bin, brauche ich ein großes Glas kaltes Wasser. Unbedingt.

Ach, die Idee mit den Kindern ist nett. Die haben Spaß daran, auf der Bühne herum zu sausen. Hui, zum Schluss wird nochmal groß aufgefahren. Alles auf die Bühne! Großer Chor, beeindruckend. Alle glücklich. Ende gut, alles gut…

Na, dann: Applaus!