Monatsarchiv: Mai 2015

„Unschuld“ von Dea Loher am Theater Erlangen

Kurze Episoden mit sehr unterschiedlichen Protagonisten drehen sich um die Themen Schuld, Verantwortung und Vergebung.

Da ist beispielsweise die zuckerkranke Frau Zucker, die sich ihr leeres Leben rückblickend mit Fantasiegeschichten füllt. Ihre schwermütige Tochter Rosa wird nicht glücklicher, als die Mutter sich bei ihr und ihrem Mann Franz einquartiert. Franz muss feststellen, dass er nur tote Menschen wirklich berühren kann; da kommt der neue Job als Leichenwäscher gelegen.

Die illegalen Flüchtlinge Fadoul und Elisio sehen mit an, wie eine Frau im Meer ertrinkt. Eigentlich wollen sie helfen, tun es aber nicht. Aus Angst vor den Behörden, dem eigenen Ertrinken, dem Nasswerden?

Die verzweifelnde Philosophin sucht in der Unberechenbarkeit der Welt einen Halt. Die blinde Absolut tanzt nackt in einer Hafenbar. Die kinderlose Frau Habersatt bittet um Vergebung für Taten von Tätern, die ihr Sohn hätten sein können.

Wer hat sich schuldig gemacht? Ist überhaupt jemand ohne Schuld? Tragen alle Menschen Verantwortung? Für sich selbst? Auch für andere? Darf jeder auf Vergebung hoffen?

Die einzelnen Geschichten sind spannend und berührend. Im Verlauf werden einige von ihnen miteinander verknüpft. Eine perfekte Synthese am Ende fehlt, vielleicht ist diese auch gar nicht gewollt. „Unschuld“ ist in jedem Fall ein sehenswertes Stück mit Charakteren, die im Gedächtnis bleiben, und deren Schicksale zum Nachdenken anregen – auch über eigene Schuld und Verantwortung.

Zwei Vorstellungen kommen noch: am 30.06. und 01.07.2015. Info und Karten auf der Website des Theaters Erlangen.

Zum Reinschauen ein Trailer auf YouTube:

Frühlingswald

Ein Wald vor der Haustür ist etwas Wunderbares. Er ist nicht sonderlich spektakulär, aber zauberhaft im Kleinen.

Jetzt, mitten im Frühling, blühen nicht nur die Lupinen, die Nadelbäume sprießen hell und die Blätter und das Gras werden langsam saftig.

Es duftet anders als noch vor ein paar Wochen und wenn man den Vogelgesängen lauscht, verschwindet das leise Rauschen der Zivilisation.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Rosa Krokodil

„Stell dir beim nächsten Mal einfach vor, sie sei ein rosa Krokodil“, riet Gabi. Tanja sah ihre Freundin fragend an. Gabi erläuterte: „Wenn deine Chefin dich nächstes Mal runterputzt, dann stell dir vor, sie sei ein rosa Krokodil. Dann fällt es dir viel leichter, ihre Nörgeleien zu ertragen.“

Tanja schmunzelte. Das Gesicht ihrer Chefin hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Krokodil. Weit auseinanderstehende Augen, ein schmaler, nach vorn strebender Kiefer, ein fliehendes Kinn, trockene, fast ledrige Haut – von den vielen Solariumbesuchen, nahm Tanja an. Und wenn sich die Chefin aufregte, färbte sie sich dunkelrosa im Gesicht.

„Ach, Gabi, wenn es so einfach wäre…“

„Niemand sagt, dass es einfach ist“, erwiderte Gabi und fuhr fort: „Alle haben dich gewarnt, als du dich für den Servier-Job im Café Ritter beworben hast. Frau Ritter ist berüchtigt für ihre Wutausbrüche. Und dass sie ein Problem mit jungen Kellnerinnen hat, ist auch bekannt. Sie sieht dich als Konkurrenz. Insofern kannst du dich geschmeichelt fühlen.“

Tanja lächelte müde und wollte gerade antworten, als das Licht im Kinosaal ausging und der Film begann. Sie lehnte sich zurück und vergaß ihre Sorgen für die nächsten beiden Stunden.

Am Morgen darauf rückte Tanja gerade die Kuchen auf dem Tortenbuffet zurecht, als Frau Ritter auf sie zukam. „Fräulein Tanja“, begann Frau Ritter und am Tonfall erkannte Tanja sofort, dass sie wieder einmal den Unmut der Chefin auf sich gezogen hatte.

„Fräulein Tanja, wir beide müssen ein ernstes Wörtchen reden. In zehn Minuten öffnen wir und es fehlen noch sämtliche Zuckerstreuer auf den Tischen. Kein Zucker auf den Tischen! Wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen mitdenken, meine Gute, mitdenken!“ Weiterlesen