Ein Schmuckstück erzählt

Geformt wurde ich aus zweifarbigem Silber. Sehr schmale Bänder, hell und dunkel, je drei im Wechsel. Ein zufriedener Blick meiner Meisterin begleitete mich von der Werkstatt in den Verkaufsraum. Oft wurde ich angeschaut, ein paar Mal anprobiert, kritisch beäugt, dann zurückgelegt.

In den Augen der Frau, die schließlich meine Trägerin wurde, habe ich gleich erkannt, dass sie mich mitnehmen würde. Sie hatte nach mir gesucht und strahlte, als sie mich gefunden hatte.

Jeden Tag trägt sie mich seitdem, am Mittelfinger der linken Hand. Angenehm ist es dort. Der Mittelfinger ist ein zuverlässiger Kamerad, Zeige- und Ringfinger sind gute Nachbarn.

Abends legt meine Trägerin mich ab. Die Nächte verbringe ich in einer sanft schimmernden Muschel, direkt neben der Armbanduhr, die ihre Tage am rechten Handgelenk meiner Trägerin verbringt. Die Armbanduhr ist sehr klug. Sie kann fast alle meine Fragen beantworten, wenn ich von den Geschehnissen des Tages etwas nicht verstanden habe.

Viel Zeit verbringe ich oberhalb eines hellgrauen Rechtecks mit kleinen Quadraten, auf denen Symbole stehen. Eine Computertastatur ist das, hat mir die Armbanduhr erklärt. Damit kann man schreiben. Was meine Trägerin schreibt, weiß ich nicht. Ich kann nicht lesen. Das kann noch nicht einmal die Armbanduhr!

Beim Händewaschen legt meine Trägerin mich ab. Dafür bin ich dankbar, denn Wasser und Seife sind nicht meine Freunde. Einmal hat meine Trägerin mich dabei vergessen. Da lag ich alleine auf einem Waschbecken unter kaltem Licht. Eine Fremde sah mich interessiert an. Dann kam meine Trägerin zurück. Die Besorgnis in ihrem Blick ließ mich meine Furcht sofort vergessen. Erleichtert steckte sie mich an und die Finger wärmten mich schnell.

Ich kann nicht rechnen, doch ich glaube, dass die Zeit bei meiner Trägerin schon viel länger dauert als meine Zeit in der Verkaufsvitrine. Meine zwei Farben, das helle und das dunkle Silber, sind längst nicht mehr so verschieden wie früher. Das Dunkel wurde heller und das Helle dunkler. Trotzdem steckt meiner Trägerin mich jeden Tag an. Ich spüre ihre Freude dabei. Oft tastet meine Trägerin mit dem linken Daumen nach mir, um sicher zu gehen, dass ich da bin. Das macht mich glücklich. Ich hoffe, wir bleiben noch lange zusammen.

Wenn die Geschichten der Armbanduhr stimmen, muss ich mir keine Sorgen machen, selbst wenn meine Trägerin irgendwann einen anderen Ring bevorzugen wird. In Nachbarschaft unseres Muschel-Nachtlagers stehen viele hübsche Schmuckdöschen. Darin liegen Ohrringe, Armbänder und Halsketten. Ich kann mir gut vorstellen, in einem dieser Döschen meinen Lebensabend zu verbringen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s