Rosa Krokodil

„Stell dir beim nächsten Mal einfach vor, sie sei ein rosa Krokodil“, riet Gabi. Tanja sah ihre Freundin fragend an. Gabi erläuterte: „Wenn deine Chefin dich nächstes Mal runterputzt, dann stell dir vor, sie sei ein rosa Krokodil. Dann fällt es dir viel leichter, ihre Nörgeleien zu ertragen.“

Tanja schmunzelte. Das Gesicht ihrer Chefin hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Krokodil. Weit auseinanderstehende Augen, ein schmaler, nach vorn strebender Kiefer, ein fliehendes Kinn, trockene, fast ledrige Haut – von den vielen Solariumbesuchen, nahm Tanja an. Und wenn sich die Chefin aufregte, färbte sie sich dunkelrosa im Gesicht.

„Ach, Gabi, wenn es so einfach wäre…“

„Niemand sagt, dass es einfach ist“, erwiderte Gabi und fuhr fort: „Alle haben dich gewarnt, als du dich für den Servier-Job im Café Ritter beworben hast. Frau Ritter ist berüchtigt für ihre Wutausbrüche. Und dass sie ein Problem mit jungen Kellnerinnen hat, ist auch bekannt. Sie sieht dich als Konkurrenz. Insofern kannst du dich geschmeichelt fühlen.“

Tanja lächelte müde und wollte gerade antworten, als das Licht im Kinosaal ausging und der Film begann. Sie lehnte sich zurück und vergaß ihre Sorgen für die nächsten beiden Stunden.

Am Morgen darauf rückte Tanja gerade die Kuchen auf dem Tortenbuffet zurecht, als Frau Ritter auf sie zukam. „Fräulein Tanja“, begann Frau Ritter und am Tonfall erkannte Tanja sofort, dass sie wieder einmal den Unmut der Chefin auf sich gezogen hatte.

„Fräulein Tanja, wir beide müssen ein ernstes Wörtchen reden. In zehn Minuten öffnen wir und es fehlen noch sämtliche Zuckerstreuer auf den Tischen. Kein Zucker auf den Tischen! Wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen mitdenken, meine Gute, mitdenken!“

Tanja wollte erwidern, dass die frisch aufgefüllten Zuckerstreuer schon auf einem Tablett bereit stünden und sie sie sofort auf den Tischen verteilen würde. Dazu ließ ihr Frau Ritter jedoch keine Gelegenheit. Sie mahnte: „So kann das nicht weitergehen, Fräulein Tanja. Ich kann Ihnen nicht jeden Tag aufs Neue erklären, was im Café zu tun ist.“

Tanjas Blick fiel auf den Korkenzieher, der auf der Theke vor ihr lag. Den musste gestern Abend jemand dort vergessen haben, sein eigentlicher Platz war neben dem Wein-Kühlschrank. Tanja nahm den Korkenzieher in die Hand. Frau Ritter fuhr fort mit ihrer Litanei: „Sie müssen lernen, meine Gute, lernen! Lernen und mitdenken, das ist das A & O im Gastronomiebetrieb. Lernen und mitdenken. Können Sie das, Fräulein Tanja?“

Mit jedem Wort von Frau Ritter umfasste Tanja den Griff des Korkenziehers fester, betrachtete die metallene Spirale und dachte: ganz schön lang und spitz…

„Hören Sie mir überhaupt zu, Fräulein Tanja? Ich kann wohl wenigstens erwarten, dass meine Angestellten mir zuhören, nicht wahr? Sehen Sie mich an, Fräulein Tanja!“

Tanja sah auf und hob gleichzeitig die Hand, in der sie den Korkenzieher hielt.

„Was wollen Sie denn mit dem Korkenzieher?“, fragte Frau Ritter verwundert.

Tanja sah Frau Ritter ins Gesicht. Frau Ritter sah anders aus. Ihr schmaler Kiefer war noch weiter nach vorne gewachsen und kleine spitze Zähne blitzten seitlich hervor. Nase und Kinn waren gänzlich verschwunden, die Augen saßen links und rechts weit außen am Kopf. Die ledrige Haut war rosa, aber nicht dunkel, wie sonst, wenn Frau Ritter sich echauffierte, sondern hell rosa, wie bei einem Marzipanschweinchen. Frau Ritter war ein rosa Krokodil!

Tanja lachte kurz auf und ließ den Korkenzieher sinken. Dann sagte sie voller Ernst und Respekt: „Verzeihen Sie, Frau Ritter. Ich räume sofort den Korkenzieher auf und verteile den Zucker auf den Tischen. Ich lerne und denke mit. Ich gebe mein Bestes, um meine Aufgaben zu Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen.“

Frau Ritter war sprachlos. Unsicher schaute sie um sich. Dann sagte sie: „Gut, Fräulein Tanja. Gut, gut.“

Das rosa Krokodil entschwand eilig in Richtung Küche. Tanja legte den Korkenzieher an seinen Platz, stellte auf jeden Tisch einen Zuckerstreuer und öffnete pünktlich die Tür des Cafés für die Gäste. Frau Ritter wurde an diesem Tag nicht mehr gesehen und Tanja trug während ihrer Schicht ein verschmitztes Lächeln im Gesicht.

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