Tagesarchiv: 16. Mai 2015

Rosa Krokodil

„Stell dir beim nächsten Mal einfach vor, sie sei ein rosa Krokodil“, riet Gabi. Tanja sah ihre Freundin fragend an. Gabi erläuterte: „Wenn deine Chefin dich nächstes Mal runterputzt, dann stell dir vor, sie sei ein rosa Krokodil. Dann fällt es dir viel leichter, ihre Nörgeleien zu ertragen.“

Tanja schmunzelte. Das Gesicht ihrer Chefin hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Krokodil. Weit auseinanderstehende Augen, ein schmaler, nach vorn strebender Kiefer, ein fliehendes Kinn, trockene, fast ledrige Haut – von den vielen Solariumbesuchen, nahm Tanja an. Und wenn sich die Chefin aufregte, färbte sie sich dunkelrosa im Gesicht.

„Ach, Gabi, wenn es so einfach wäre…“

„Niemand sagt, dass es einfach ist“, erwiderte Gabi und fuhr fort: „Alle haben dich gewarnt, als du dich für den Servier-Job im Café Ritter beworben hast. Frau Ritter ist berüchtigt für ihre Wutausbrüche. Und dass sie ein Problem mit jungen Kellnerinnen hat, ist auch bekannt. Sie sieht dich als Konkurrenz. Insofern kannst du dich geschmeichelt fühlen.“

Tanja lächelte müde und wollte gerade antworten, als das Licht im Kinosaal ausging und der Film begann. Sie lehnte sich zurück und vergaß ihre Sorgen für die nächsten beiden Stunden.

Am Morgen darauf rückte Tanja gerade die Kuchen auf dem Tortenbuffet zurecht, als Frau Ritter auf sie zukam. „Fräulein Tanja“, begann Frau Ritter und am Tonfall erkannte Tanja sofort, dass sie wieder einmal den Unmut der Chefin auf sich gezogen hatte.

„Fräulein Tanja, wir beide müssen ein ernstes Wörtchen reden. In zehn Minuten öffnen wir und es fehlen noch sämtliche Zuckerstreuer auf den Tischen. Kein Zucker auf den Tischen! Wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen mitdenken, meine Gute, mitdenken!“ Weiterlesen