Eines Morgens

Er war schon immer stark behaart gewesen. Mit 13 wuchs der erste zarte Flaum auf der Oberlippe, keine sechs Monate später sprossen schwarze Haare auf dem Kinn und den Wangen. Seine dunklen Locken wurden noch üppiger. Die Schulmädchen kicherten und flüsterten hinter vorgehaltener Hand, wenn er das Klassenzimmer betrat. Bald wuchs auch sein Schamhaar kräftig, sein Brusthaar wurde voll und weich, das auf Armen und Beinen etwas fester.

Manche Mädchen und später Frauen mochten das nicht, andere hingegen fanden ihn gerade deshalb attraktiv. Er rasierte sich täglich im Gesicht, kürzte einmal pro Woche die Haare in den Ohren und der Nase und lebte ein gutes Leben.

Doch eines Morgens, kurz nach seinem 33. Geburtstag, erschrak er beim Blick in den Badezimmerspiegel. Haare. Er sah nur Haare. Dicke braune Haare; und ein weit aufgerissenes Paar Augen, das ihn aus dem Spiegel heraus anstarrte.

Er sah an sich hinab. Die Arme, die Hände, die Finger waren von dichtem Haar bedeckt. Hals, Schultern, Brust, Bauch, Beine ebenso. Er drehte sich vor dem Spiegel zur Seite. Rücken und Po: voller Haare. Ungläubig strich er sich über die Arme, die Brust, den Po. Haare, dicke Haare, ganz anders als bisher. Das war kein normales Körperhaar. Es fühlte sich eher an wie… ein Fell.

Er schloss die Augen und zählte bis Zehn. Er öffnete die Augen wieder. Das Fell war noch da. Er ging mit dem Gesicht näher an den Spiegel. Auch seine Nase sah anders aus. Auf ihr wuchsen keine Haare, sie war trotzdem dunkel. Vorsichtig befühlte er sie. Kühl und feucht und weich war sie. Er atmete mehrmals schnell und kurz ein und aus. Er roch Handseife und Zahnpasta. Er hatte am Abend zuvor wieder vergessen, die Tube zuzudrehen.

Sein Blick fiel auf seinen Rasierer. Er nahm ihn in die Hand und betrachtete die glänzenden Klingen. Er bezweifelte, dass das winzige Gerät irgendetwas würde ausrichten können. Er fuhr sich mit den Händen über die Wangen, die Stirn, den Kopf, die Ohrmuscheln, bis in den Nacken. Braunes Fell überall, dicht und fest, glatt und durchaus weich. Er drehte den Kopf und musterte sich im Profil. Die Nasenpartie war länger als früher, sie stand weit vor. Auch seine Mundpartie war nach vorne in die Länge gezogen, sein Kiefer wirkte kräftiger als bisher.

Das Braun seines Fells hatte einen leichten Schimmer von edlem Mahagoni, wenn das Badezimmerlicht in einem bestimmten Winkel darauf fiel. Er öffnete den Mund zu einem Lächeln. Seine Zähne leuchteten noch immer ebenmäßig weiß. Er lächelte sich im Spiegel zu. Da knurrte sein Magen. Er hatte Appetit auf Lachs. Frischen, rohen, fetten Lachs. Oder Honig. Lachs oder Honig. Honig hatte er im Haus.

Unter der Dusche sang er gerne Liebeslieder von Barry White. So auch heute. Seine Stimme war noch ein wenig tiefer geworden, sie klang voll und samtig. Am Ende der zweiten Strophe dachte er, dass er wohl ab jetzt deutlich mehr Duschgel brauchen würde.

Sein hellgrauer Lieblingsanzug passte, trotz des Fells; er saß fast noch besser als zuvor. Nur die Krawatte musste er etwas lockerer binden. In der Küche löffelte er den goldgelben Honig genussvoll direkt aus dem Glas. Auf dem Heimweg nach der Arbeit würde er beim Fischhändler Halt machen.

Auf der Fahrt ins Büro stand er wie immer im Stau. Er fragte sich, was die Kollegen wohl sagen würden. Manchen würde es vielleicht gar nicht auffallen. Er stellte den Innenrückspiegel so ein, dass er seine Augenpartie darin sehen konnte. Er zwinkerte dem Bild im Spiegel zu und begann fröhlich, das Lied im Radio mitzubrummen.

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