Monatsarchiv: August 2020

Mein Poetenfest 2020

Bis Ende Juli habe ich nicht gedacht, dass es überhaupt ein Poetenfest 2020 geben würde. Doch es gibt eines, dieses Wochenende. Nicht wie gewohnt natürlich, aber logistisch-organisatorisch wohldurchdacht und mit einem sehr umfangreichen Programm.

Meine heißgeliebten Lesenachmittage im Schlossgarten müssen diesmal ausfallen, klar, stattdessen gibt es Lesungen und direkt anschließende Gespräche mit den AutorInnen an verschiedenen Orten in der Stadt. Alle Veranstaltungen kosten Eintritt und haben feste Sitzplätze mit dem nötigen Abstand. Ich hatte mich für zwei Lesungen im Skulpturengarten am Burgberg am Samstagnachmittag entschieden: Monika Helfer, deren Roman „Die Bagage“ ich schon vor einigen Wochen auf meine mentale Einkaufsliste gesetzt hatte, und Peter Stamm mit seinem Erzählband „Wenn es dunkel wird“.

Das Poetenfest feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen und in den ersten Jahren fanden die Lesungen im Burgberggarten statt. So kehrt das Poetenfest – wenn auch ungewollt – im Jubiläumsjahr zurück zu den Wurzeln.

Monika Helfer erzählt in „Die Bagage“ die Geschichte ihrer Großeltern, die als Außenseiter in einem Dorf in Vorarlberg leben. Als 1914 der Großvater Josef zum Kriegsdienst eingezogen wird, bleibt die schöne Großmutter Maria mit den Kindern zurück und ist der Lust der Männer und dem Argwohn der Frauen ausgesetzt. Und dann wird Maria schwanger, mit der Mutter der Autorin… Der Roman ist (auto)biographisch inspiriert, enthält jedoch auch fiktive Elemente und Figuren. Monika Helfers lakonischer Stil gibt den Lesenden Raum und zieht sie gleichzeitig in seinen Bann.

Peter Stamm hat in seinem Band „Wenn es dunkel wird“ elf Erzählungen gesammelt, in denen es um Verwandlungen und Verschwinden geht. Gelesen hat er die Geschichte eines sich anbahnenden Seitensprungs, der unerwartete Wendungen nimmt. Unterhaltsam, leichtfüßig, aber keineswegs oberflächlich, und spannend bis zum Schluss.

Und das war’s diesmal schon, mein Poetenfest. Die Veranstaltungen heute müssen dem Dauerregenwetter trotzen, bei meinen Lesungen gestern war’s glücklicherweise trocken. Ich bin gespannt aufs Poetenfest 2021. Lasst uns die Daumen drücken, dass Corona dabei keine Rolle mehr spielen wird.

Postkarte der Woche (35/2020)

Der schönste Platz Berlins ist unser dritter Halt: der Gendarmenmarkt. Auch dort gibt es Kuppeln zu bestaunen, nämlich die des französischen und des deutschen Doms. Die identischen Türme werden 1780-85 an die beiden bereits bestehenden Kirchen angebaut. Eine Kirche gehört zur französisch-reformierten Gemeinde, die andere zur lutherischen. An sich gilt die Bezeichnung „Dom“ nur für die Kuppeltürme (französisch dôme „Kuppel“), im Lauf der Zeit geht sie jedoch auf den Gebäudekomplex von Kirche und Turm über.

Postkarte der Woche (34/2020)

Zweiter Stopp auf unserer Kuppelrundfahrt durch Berlin ist die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Ein prächtiges Gebäude im maurischen Stil, die Kuppel und der Turm hier in wunderbar warmes Licht getaucht.

Postkarte der Woche (33/2020)

Die deutsche Hauptstadt ist die nächste Station auf unserer Postkartenreise. Berlinbesuchende können leicht überwältigt werden von der Fülle der Sehenswürdigkeiten. Wir konzentrieren uns auf einige wenige Gebäude mit Kuppeln.

First stop: der Berliner Dom, auf der Museumsinsel direkt an der Spree gelegen. Auf der Postkarte auch zu sehen: der Palast der Republik; in den 1970er Jahren erbaut, Sitz der Volkskammer der DDR und Örtlichkeit für große Veranstaltungen, ab 1990 wegen Asbest geschlossen, zwischen 2006 und 2008 abgerissen. Seit 2013 wird an der Stelle das Berliner Schloss als Herberge für das Humboldt-Forum wiederaufgebaut. Und das hat auch eine Kuppel.

Postkarte der Woche (32/2020)

Wir beenden unsere Reise durch Dürers Tierleben mit possierlichen Tierchen: Eichhörnchen. Wikipedia schreibt, dass ihr wissenschaftlicher Name, Sciurus, sich aus zwei altgriechischen Wörtern zusammensetzt: skia ‚Schatten‘ und oura ‚Schwanz‘. In der Antike war man der Ansicht, dass sich Eichhörnchen mit ihrem Schwanz selber Schatten geben könnten. Bei der Hitze ein echter Vorteil!

Summer of ´91

Ich wache auf, räkle mich. Der Radiowecker auf meinem Nachtkästchen zeigt 11.18. Die Sonne heizt mein Dachzimmer nach einer milden Nacht schon wieder auf. Es ist Samstag und die Sommerferien haben letzte Woche begonnen. Im Herbst komme ich in die Kollegstufe, aber das ist noch weit, weit weg. Gemächlich stehe ich auf und lasse die Jalousien der beiden kleinen Fenster in meinem Zimmer weit herunter. Das leicht dämmrige Licht ist gleich viel angenehmer. Auf dem Plattenteller meiner Stereoanlage liegt Like a Prayer von Madonna. Sanft setze ich den Tonarm auf und Madonna singt: Life is a mystery, everyone must stand alone. Ich stimme mit ein.

Kurz lege ich mich zurück ins Bett. Was steht heute an? Eine Nachmittagsschicht in der Eisdiele. Bei dem schönen Wetter ist bestimmt viel los und ich kann drei Stunden arbeiten, das sind 30 Mark. Davon kann ich mir heute Abend locker eine Pizza leisten, wenn ich mich mit den Jungs in unserem Stammlokal treffe. Jens ist ja leider nicht da, der ist mit seinen Eltern in Österreich bei den Großeltern. Aber Tobi, Matthias und Stefan kommen auf jeden Fall.

Soll ich mir für heute Abend die Haare auf Papilloten drehen? Ich stehe auf und begutachte meine Haare vor der Spiegeltür meines Kleiderschranks. Ich verschiebe die Entscheidung auf später. Was ziehe ich heute Abend an? Jeans und … ja, das schwarze Shirt mit dem U-Boot-Ausschnitt. Neben meinem linken Nasenflügel entdecke ich einen Pickel. Oh nein! Ich trage eine dreifache Schicht Clearasil-Creme auf und hoffe, dass es wirkt.

Madonna singt inzwischen Second best is never enough, you’ll do much better, baby, on your own… Express yourself. Ich fange an zu tanzen, tue so, als würde ich auf einer großen Bühne vor einem begeisterten Publikum auftreten. Als das Lied zu Ende ist, ziehe ich mir eine kurze Hose über, mein Schlaf-T-Shirt lasse ich einfach an. Ich stelle die Musik ab und gehe summend hinunter ins Erdgeschoss, um zu sehen, was meine Eltern so machen und was es zum Mittagessen gibt.

Postkarte der Woche (31/2020)

Im vorletzten Teil von Dürers Tierleben treffen wir auf das Rhinocerus von 1515. Dürer fertigte den Holzschnitt eines Panzernashorns, ohne es gesehen zu haben, basierend auf einer Beschreibung und einer Skizze. Das Tier war von Indien nach Lissabon gebracht worden und fand sein Ende bei einem Schiffbruch auf der Weiterfahrt nach Rom. Dürers Darstellung galt bis ins 18. Jahrhundert hinein als naturgetreue Wiedergabe.