Archiv der Kategorie: Geschichten

Schwer

Kann euch nicht erreichen
Eure Welt liegt für mich im Nebel
Ich bin zu weit entfernt
Oder gefangen
in der einsamen Mitte  

Kann nicht mit euch lachen
Von eurer Freude wird mir schlecht
Ich fühle anders
Oder bin erstarrt
durch meine bittere Stärke  

Kann mich nicht begnügen
Mit dem Glück, das euch ruhig schlafen lässt
Ich brauche mehr
Oder das Vergessen
hat meine Leichtigkeit gestohlen

Grenzenloses Glück

Grenzenloses Glück gibt es im Augenblick. 

Die Sonne ist untergegangen nach einem heißen Sommertag.
Wir liegen auf dem Bett. Ich auf dem Bauch, dein Kopf auf meinem Rücken.
Du erzählst mir eine kleine Geschichte über einen Freund. Wir lachen.
Ich höre dich und fühle dich und brauche nicht mehr. 

Der Augenblick ist längst vergangen.
Das Glück hab ich mir mitgenommen.

 

Wiedersehen

Seit ein paar Minuten steht sie schräg gegenüber von seinem Haus auf der anderen Straßenseite. Gleich wird er kommen. Sie sieht auf die Uhr, zwölf vor acht. Es ist schon dämmrig, der Sommer endgültig vorbei. Gut, dass es nicht mehr ganz hell ist, denkt sie. Die Tür öffnet sich und er kommt mit seiner gelben Sporttasche über der Schulter heraus. Langsam schließt sich die Haustür hinter ihm. Der Boden im Hausgang ist gefliest und das Treppengeländer aus Holz, die weiße Lackierung schon ein wenig abgegriffen. Daran kann sie sich erinnern. 

Er geht die paar Schritte durch den kleinen Vorgarten zur Straße. Auch sie setzt sich in Bewegung. Sie erreicht ihn, als er schon fast bei seinem Auto ist, das wie immer vor dem Haus geparkt ist. Hallo, sagt sie. Überrascht dreht er sich um. Er hatte nicht bemerkt, dass jemand auf ihn zugekommen ist. Er sieht sie an, erkennt sie jedoch nicht gleich. Als er wieder weiß, wer sie ist, wirkt er verunsichert. Einen Moment später setzt er ein Lächeln auf und sagt auch: Hallo. Sie sieht ihn nur an. Die Stille ist ihm unangenehm und er sagt: Lang nicht mehr gesehen, und: Wie geht’s? Sie antwortet nicht, sieht ihn nur weiter an. Er weicht ihrem Blick aus. Ich muss dann los, vielleicht sieht man sich ja mal wieder, sagt er. Er greift nach seinem Autoschlüssel in der Hosentasche. Währenddessen holt sie das Messer unter ihrem weiten Pulli hervor. Ein teures Küchenmesser mit glänzender Klinge, das sie von ihrer Tante geschenkt bekommen hat. Es ist fast unbenützt, sie kocht nur selten. 

Sie macht einen kleinen Schritt auf ihn zu und steht dann direkt vor ihm. Sie zögert nicht, als sie das Messer in ihn hinein stößt. Es durchdringt ohne merklichen Widerstand Kleidung und Haut und gleitet tief in seinen Bauch hinein. Seine Augen werden seltsam groß. Er öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen, doch es kommt nur ein leises Stöhnen heraus. Sein warmes Blut läuft über ihre Hand, als sie das Messer aus ihm herauszieht. Sie dreht die Klinge um 90 Grad, bevor sie zum zweiten Mal zusticht. Sie hatte damit gerechnet, dass er sich wehren würde, dass er versuchen würde, sie von sich zu stoßen, doch seine Arme hängen einfach nur schlaff herunter. Sein Mund ist immer noch offen, aber es kommt kein Ton mehr heraus. Endlich suchen seine Augen die ihren. Ihr Blick bleibt fest. Sein Blick verliert den Fokus. Er beginnt leicht zu wanken. Er wird wohl nicht mehr lange stehen können. Sie zieht das Messer aus ihm heraus. Mit der anderen Hand berührt sie sanft seine Wange. Dann steckt sie das Messer zum letzten Mal in ihn hinein und flüstert ihm dabei ins Ohr: Alles in Ordnung, Baby, du willst es doch auch.

Perfection not required

Es geht nicht darum zu sagen „für immer“
Es geht nicht darum zu sagen „einzig und allein“
Es geht nicht darum zu sagen „alles für dich“

Kein Mensch kann das versprechen, denn
das Leben kommt ohne Garantie.

Es geht darum zu sagen „ich kann da sein für dich“
Es geht darum zu sagen „ich will mich darauf einlassen“

Es geht darum zu sagen „ich werde mein Bestes geben“

Natürlich kann immer etwas schief gehen.
Na und? Dann hast du zumindest wirklich gelebt.

Ich habe bisher nichts bereut.

Dein Geist

Schon wieder Liebe. Inspiriert von einem Song von Michael Stipe und Kristin Hersh.  

Dein Geist

Dein Geist

Ich kann dich spüren, wenn ich nachts mit geschlossenen Augen daliege. Sobald ich die Augen öffne, bin ich allein und weiß, dass du nie wieder kommst. Manchmal gehe ich zum Telefon und fange an, deine Nummer zu wählen. Mittendrin lege ich wieder auf, denn es wird niemand abnehmen. Wenn ich tagsüber etwas Besonderes erlebe, freue ich mich darauf, dir davon zu erzählen. Doch abends bin ich stumm, denn wir sprechen uns nie wieder.

Wir dachten, unsere Welt hätte keine Grenzen. Wir dachten, unsere Armada wäre unbesiegbar. Wir. Ich war mit dir. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wer ich selbst bin.  Die Erinnerung an dich lauert an allen unseren Orten. Sie klebt an jedem Gegenstand, den du gebraucht hast. Hat sich eingeätzt in meine Haut, mein Gesicht, meine Fingerspitzen.

Kannst du nicht deinen Geist schicken, der sich neben mich legt, wenn ich nachts nicht schlafen kann? Der den Hörer abnimmt, wenn ich anrufe. Der zuhört, wenn ich von meinem Tag erzähle. Kannst du das, mein Geliebter? 

Bei Tagesanbruch

Diese Geschichte ist inspiriert von einem Lied von Sting. 

Das PDF enthält die komplette Geschichte. 

Leseprobe: Früh am Morgen stand Max am Fenster. Schon oft hatte er von hier aus über die Dächer der Stadt geschaut. Er mochte den Blick sehr, der Taubendreck störte ihn nicht. Zwischen den dunklen Wolken zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Er nahm das Bild ganz bewusst in sich auf, denn es würde das letzte Mal sein, dass er aus diesem Fenster hinaus sah.

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Eine der kleinen Antworten

Manche Menschen verbringen viel Zeit mit der Suche nach dem Sinn des Lebens. Die meisten erwarten sich dabei eine einzige Antwort auf all ihre Fragen. Ich glaube nicht an die eine Antwort. Ich glaube, es gibt viele kleine Antworten. Gar nicht selten findet man eine davon, ohne konkret danach gesucht zu haben, an unerwarteten Orten.

Auf dem Grabstein eines Poeten steht geschrieben: 

To see a World in a grain of Sand

And a Heaven in a Wild Flower

Hold infinity in the palm of your hand

And Eternity in an Hour

Dies ist eine der kleinen Antworten.

Sieh nicht nur das Offensichtliche. Entdecke den Reichtum im Alltäglichen. Spüre die Großartigkeit des Bekannten, den unschätzbaren Wert des Einfachen. Und lass deine Freude darüber grenzenlos sein.

Karl

Dies ist eine Geschichte, die ich für eine bestimmte Person geschrieben habe. Ich weiß nicht, ob er das beim Lesen bemerkt hat oder ob er weiß, was ich ihm damit sagen will. Sei’s drum. In der Geschichte geht es um Gelegenheiten, die sich uns im Leben bieten. Wir entscheiden, ob wir sie ergreifen oder vorüberziehen lassen.

Leseprobe:

Karl war ein komischer Kauz. Jedenfalls meinten das die Menschen, die ihn kannten. Dafür gab es einen Grund: Karl sprach in Reimen. Er redete nicht viel, aber wenn er es tat, dann in Reimen. Karl konnte sich nicht erinnern, wann er damit angefangen hatte. Und er konnte sich auch nicht an eine Zeit erinnern, in der er es nicht getan hatte. Die Menschen, die er traf, fanden seine Angewohnheit zunächst amüsant, nach kurzer Zeit jedoch zogen sie sich zurück. Das Sprechen in Reimen kam ihnen wie eine Art Krankheit vor und war ihnen unangenehm. Sie wollten Karl nicht in ihrer Nähe haben.

Das PDF enthält die komplette Geschichte. 

 Karl

Bergwelt

Hier eine Geschichte von ganz weit oben, aus einer einsamen Bergwelt. Hält sie, was sie verspricht?

Leseprobe: 

Ich habe mich oft gefragt, ob es ein Fehler gewesen ist, mein altes Leben hinter mir zu lassen und stattdessen die Einsamkeit in den Bergen zu wählen. Und immer, wenn ich so wie jetzt das Tagesende hier oben erlebe, wenn ich sehe, wie die untergehende Sonne ein Feuer auf den Steilwänden bis zu den Gipfeln hinauf entzündet, dann weiß ich, dass ich damals das Richtige getan habe. Natürlich ist es mir nicht leicht gefallen, Klara und die Kinder allein zurück zu lassen.

Das PDF enthält die ganze Geschichte.

Bergwelt

Vikas in der Unterwelt

Und hier eine Geschichte von ganz weit unten, aus der Unterwelt. Herzlichen Dank an meinen indischen Freund, der den Namen des Helden beigetragen hat.

Leseprobe:

Vikas hatte nichts zu befürchten. Er wusste, welche Aufgaben auf ihn zukamen. Die Priester hatten ihn hierauf vorbereitet. Wäre er im Leben faul gewesen, hätte er Grund, jetzt zu zittern. Doch er war stets ein eifriger und gehorsamer Schüler gewesen. Er war bereit für die neun Aufgaben, die er hier in der Unterwelt bestehen musste. Dann würde seine Seele frei sein.

Das PDF enthält die ganze Geschichte.

Vikas in der Unterwelt