Monatsarchiv: Juli 2011

Ein Abschied

17:53 zeigt die Bahnhofsuhr. Sonntags ist nicht viel Verkehr, da brauchen wir nicht lange, hast du gesagt. Und es war auch so.

Natürlich begleitest du mich auf den Bahnsteig und wartest draußen, bis der Zug wirklich fährt. Ich sitze drinnen und weiß nicht, ob du mich sehen kannst durch die verspiegelten Scheiben. Ich hoffe nicht.

Die Türen schließen selbsttätig, Vorsicht bei der Abfahrt. Endlich wieder für mich. Endlich wieder ich.

Vor vier Wochen haben wir uns kennen gelernt. Vor zwei Wochen hast du mir ins Ohr geflüstert: Ich liebe dich. Und ich hab kaum mehr Luft bekommen. Viel zu nah, viel zu schnell.

Aber es liegt nicht nur an dir. Ich bin noch nicht so weit. Bin noch nicht weit genug, noch nicht sicher genug bei mir selbst, um einen anderen herein zu bitten.

Es tut mir leid dich zu verletzen. Wir werden uns nicht wiedersehen.

Eine kölsche Nachkriegskindheit – oder: Wie es sich anfühlt, in die falsche Familie geboren zu sein

Ulla Hahn erzählt in ihrem Roman „Das verborgene Wort“ die Geschichte von Hildegard Palm. Hildegard passt so gar nicht in die Familie, in die sie 1945 in Dondorf bei Köln geboren wird. Schon als kleines Mädchen ist sie neugierig, will Dinge wissen und die Welt erkunden.

Die Familie hingegen ist streng katholisch, der Vater ungelernter Arbeiter, die Mutter Hausfrau, die Großmutter eine verbitterte Alte. Allein der Großvater trägt einen freien Geist in sich wie Hildegard. Er sammelt mit dem Mädchen Wortsteine und Wutsteine am Ufer des Rheins. Wortsteine, die Geschichten erzählen, und Wutsteine, die helfen, mit den täglichen Ungerechtigkeiten fertig zu werden.

Als Hildegard in die Schule kommt und Lesen und Schreiben lernt, eröffnet sich ihr eine fantastische neue Welt. Mit neun legt sie eine Sammlung schöner Wörter und Sätze an. Später beginnt sie, Hochdeutsch zu sprechen und Schiller und Goethe zu rezitieren.

In der Familie weckt das Misstrauen und Angst. Die Eltern und Großmutter antworten mit Gewalt und Unterdrückung. Ein kluges Mädchen, das nach Bildung und Selbstbestimmung strebt, ist nicht vorgesehen.

Schon nach wenigen Seiten war ich in Hildegards Welt. Konnte ihre Nöte, ihre Hilflosigkeit, aber auch ihre verborgenen Glücksgefühle nachspüren. Jeder, der sich schon einmal unverstanden oder fehl am Platz gefühlt hat, wird sich mit Hildegard verbunden fühlen.

Dabei malt Ulla Hahn nicht Schwarz-Weiß. Die Familie wird nicht verteufelt. Oft empfand ich Mitleid mit ihnen, wenn lang zerbrochene Träume aufblitzten.

Das Buch endet mit einem Aufbruch. Und mit der Erkenntnis, dass man besser seinen eigenen Gefühlen und Überzeugungen vertraut – anstatt unbesehen zu glauben, dass das richtig ist, was andere für richtig halten.

Vor dem Aufprall (Teil 7, letzter Teil)

Ich bat Martha in die Wohnung. Sie ging ins Wohnzimmer und sah sich um. Langsam glitt ihr Blick über die Couch, die Bücherregale und Bilder, den Fernseher, die Stereoanlage. Sie sagte nichts und das machte mich nervös. 

„Kann ich dir etwas anbieten?“ fragte ich, um das Schweigen zu brechen.

Martha sah mich an. Ihr Gesicht war angespannt, ihre Augen entschlossen.

„Janine, ich bin nicht gekommen, um mit dir zu plaudern. Du hast eine Affäre mit meinem Ehemann. Das muss aufhören.“

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Vor dem Aufprall (Teil 6)

Als der Wecker heute Morgen klingelte, fand ich meine Decke am Fußende des Bettes. Seit über einer Woche hing eine unerträgliche Schwüle über der Stadt. Die wenigen harmlosen Gewitter brachten keine dauerhafte Abkühlung. Nicht ungewöhnlich für Ende Juli.

Ich genoss die kühle Dusche, und als ich mich fürs Büro fertig machte, freute ich mich auf den Abend. Ben und ich waren verabredet.

Mein Arbeitstag war vollgepackt und hektisch wie immer, für eine Mittagspause fehlte die Zeit und als ich zum ersten Mal zur Ruhe kam, war es kurz vor 20 Uhr. Aus dem stickig heißen Tag war ein angenehm lauer Abend geworden. Ich verließ die Firma und parkte zwei Straßen weiter, um auf Ben zu warten. Wenig später stieg er zu mir ins Auto.

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