Barbie ist nicht böse

Das bombastische Püppchen war schon immer umstritten und in der neu belebten Sexismus-Debatte bekommt sie natürlich auch ihr Fett weg (sie hat ja sonst keins…außer an den richtigen Stellen…hahaha).

In den Achtzigern habe ich über Jahre hinweg intensiv mit meinen Barbies gespielt. Ich bin weder der Magersucht noch dem Schönheits-OP-Wahn noch dem Klamotten- und Kosmetikkonsumzwang verfallen. Warum nicht? Weil Barbie an sich nicht böse ist. Wie andere Spielzeuge auch ist die Plastikfrau eine Projektionsfläche für die kindliche Phantasie.

Meine drei Barbies waren Schwestern, die gemeinsam in ihrem Barbiehaus wohnten. Männer gab’s nicht, die waren einfach nicht wichtig. Diane war das Familienoberhaupt und eine höchst erfolgreiche Geschäftsfrau. Ihr größter Coup war die Erfindung eines aufsehenerregenden Fahrgeschäfts für Jahrmärkte, durch dessen Vermarktung sie die geerbten Familienschulden abbezahlen konnte. Da war ich etwa zehn. Ein, zwei Jahre später geriet Jennifer, die Jüngste, auf eine leicht schräge Bahn und wurde Punk. Ich hab ihre Klamotten mit Filzstift beschmiert und die güldene Haarpracht asymmetrisch abgeschnitten. Diese Aktion hat das Ende meiner Barbie-Ära eingeläutet.

Ich glaube nicht, dass die Barbies meiner Entwicklung geschadet haben, im Gegenteil. Sie waren starke, unabhängige Frauen, die eben auch tolle Kleider und Schuhe hatten. Dass Barbie anatomisch komplett unrealistisch ist, hat mich nicht beschäftigt. Das war irrelevant.

Kein einzelnes Spielzeug ist entscheidend, sondern die Gesamtheit der Eindrücke und Vorbilder, mit denen Kinder aufwachsen. In meiner Familie war und ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Frauen arbeiten und Geld verdienen. In meiner Kernfamilie war das schlicht eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Einer der Vorteile, wenn’s nicht nach Geld stinkt.

Zudem hatte ich leichten Zugang zu „Jungsspielzeug“, wie Massen von Spielzeugautos oder eine Autorennbahn. Das verdanke ich meinem nur wenige Jahre älteren Onkel und der Tatsache, dass ich viel Zeit bei meinen Großeltern, seinen Eltern, verbracht habe. Die zu der Zeit übrigens beide noch berufstätig waren.

Barbie konnte keinen Schaden bei mir anrichten, weil sie nur ein Teil meiner Welt war und die realen Frauen in meiner Welt keine stummen Püppchen waren.

Ich bin der Ansicht, dass es noch ein langer und anstrengender Weg ist, bis Frauen wirklich gleichberechtigt sind. Und Barbie ist wohl kein Werkzeug der ersten Wahl, um die Gleichstellung zu erlangen. Barbie sollte jedoch auch nicht verteufelt werden, denn sie trägt keine immanente Schuld.

Wenn ich also eine Tochter hätte, die mit flehenden Augen auf die Barbie im Regal zeigt, dann würde ich ihr die Puppe kaufen. Und wenn’s der Sohn täte, ihm ebenso.

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