Traum und Wirklichkeit

„Meine Damen und Herren, vielen Dank fürs Zuschauen! Wir sehen uns wieder, wenn Sie möchten, in vier Wochen. Dann begrüße ich Sie aus der Stadthalle in Karlsruhe. Gute Nacht!“

Der Abspann der Samstagabendshow lässt Andreas hochschrecken. Verschlafen schaut er auf die Digitaluhr neben dem Fernseher. 23:08. Schon wieder auf der Couch eingepennt. Na, was soll’s, ab ins Bett. Andreas schlüpft in seine ausgetretenen Pantoffeln und schlurft ins Bad. Zähneputzen, Katzenwäsche, Pinkeln.

Wie gewohnt legt er sich auf die linke Seite des Bettes. Die andere Seite bleibt leer. Drei Monate ist es her, dass Silvia ausgezogen ist. Andreas‘ Hoffnung, sie würde zurückkommen, ist inzwischen klein wie eine Erbse. Trotzdem: Decke und Kopfkissen liegen auf der rechten Seite bereit. Man weiß ja nie. Kurzes Räkeln, ausgiebiges Gähnen, schon ist Andreas eingeschlafen. Die Träume kommen schnell.

Silvia in einem himmelblauen Sommerkleid, sie tanzt durch einen blühenden Garten voller Flieder und Goldregen. Sie jagt Schmetterlinge und lacht. Hell, unbeschwert. Plötzlich ist es dunkel. „Unsere Liebe ist verrostet“, sagt Silvia und entfernt sich. Nach ein paar Schritten dreht sie sich um und sieht Andreas in die Augen. Enttäuscht, traurig. Heimtückisch? Andreas‘ Schlaf wird unruhig, er wälzt sich hin und her, bleibt jedoch immer auf seiner Seite des Bettes.

In der Wohnung nebenan geht die Nachbarin zu Bett. Auch sie hat den Abend vor dem Fernseher verbracht. Eine Flasche Chianti und eine Schachtel Zigaretten haben ihr Gesellschaft geleistet. Sie vergisst, das Licht im Wohnzimmer auszuschalten und auf das Zähneputzen verzichtet sie. Die letzte Zigarette glimmt im übervollen Aschenbecher.

Derweil sitzt Andreas im Traum an einem Waldrand. Der Mond leuchtet, die Nacht ist sternenklar. Eine einsame Grille zirpt. „Ich habe Balsam gegen dein Leiden“, hört Andreas eine sanfte Stimme. Eine bucklige, weißhaarige Alte steht neben ihm. Ihre Augen, ihr Mund… „Silvia?“, fragt Andreas. „Komm mit mir“, lockt die Alte, „dass ich dir den Balsam geben kann.“ Die Alte trägt ein geblümtes Kopftuch, genauso eines wie Silvia im letzten gemeinsamen Urlaub in Südfrankreich gekauft hat. „Komm mit mir“, wiederholt die Alte.

Plötzlich liegt Andreas auf steinigem Boden. In einer Höhle, düster und kalt. Die Alte sitzt an einer Feuerstelle einige Meter entfernt. Andreas kann sich nicht bewegen. Spinnweben umschließen ihn. Millionen feiner Fäden, die ihn fesseln. Die Höhle ist voller Rauch. Andreas will husten, kann aber nicht. Er liegt ganz still. „Nun hab ich dich. Du bist in der Falle!“, höhnt die Alte. Das Feuer lodert empor. „Silvia, bitte…“, flüstert Andreas. Der Rauch wird immer dichter, brennt in Andreas‘ Augen, obwohl sie geschlossen sind.

Ein letztes Mal öffnet er die Augen und sieht die züngelnden Flammen über sich. Andreas will schreien, doch er bleibt stumm. Die Sirenen der herannahenden Feuerwehrwagen kann Andreas nicht mehr hören.


Schreibanregung waren folgende Wörter in der Reihenfolge:
Pantoffel, Goldregen, jagen, verrostet, heimtückisch, sternenklar, Grille, Balsam, geblümt, Spinnenweb, Falle, züngeln

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