Jahresende

Carolas Suche, Teil 10
Was zuvor geschah

Carola hatte Silvester noch nie besonders gemocht. Und seit sie über 30 war, empfand sie eine echte Abneigung gegen den Trubel, der um den Jahreswechsel gemacht wurde. Was sollte das? Warum sollte man feiern, dass schon wieder ein Jahr vorüber war, in dem man nicht wirklich etwas erreicht hatte? Und mit guten Vorsätzen war Carola auch nicht gerade gut Freund; meist erlebten diese noch nicht einmal ungebrochen den Sonnenaufgang des ersten Januars.

Carola zog die warme Wolldecke bis unters Kinn und goss sich Tee nach. Kanne und Tasse standen in Reichweite neben ihr auf dem Couchtisch. Sie griff zur Frauenzeitschrift und las den Artikel weiter, mit dem sie gestern begonnen hatte. Titel: „Wie frau entspannt bleibt, auch wenn die Uhr laut tickt.“

‚Machen wir uns nichts vor. Wer eine Medaille beim Marathon gewinnen will, darf nicht nach zehn Kilometern stehen bleiben. Setzen Sie die Schutzbrille ab, wenn Sie auf Ihre Beziehung schauen. Helfen Sie Ihrem Partner, die Maske abzulegen und sein wahres Gesicht zu zeigen. Wenn Sie die Schatzkiste heben wollen, dürfen Sie nicht wie eine Ente automatisch abtauchen, wenn ein anderer Leckerbissen lockt. Noch dürfen Sie wie ein tönerner Golem willenlos alle Befehle erfüllen, die Ihnen auf Zettel gekritzelt zugesteckt werden. Öffnen Sie Ihr Herz, es ist weder aus geschmiedetem Metall noch aus bröckelndem Tuffstein.‘

Nicks Schwester Susanne hatte den Artikel geschrieben. Susanne war Carola auf Anhieb sympathisch gewesen und es schien auch umgekehrt so zu sein. Beim weihnachtlichen Familientreffen in der Hütte in den Bergen hatte Carola auch Nicks Eltern kennen gelernt. Mehr als zwei Wochen vor Weihnachten hatte Carola kaum mehr ein Auge zugetan, so nervös war sie gewesen, Nicks Familie zu treffen. Auf der Fahrt zur Hütte – mit Nick und dessen Sohn Ben in Nicks Auto – hatte Carola keine fünf Worte herausbekommen, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Auch Nick schien ein wenig angespannt. Nur der kleine Ben war unbekümmert, er begeisterte sich für die Hörspiele, die während der Fahrt liefen.

Der erste Nachmittagskaffee verlief nach einer gezwungen fröhlichen Begrüßung recht freundlich, wenn auch etwas steif. Carolas erster Eindruck von Nicks Eltern hatte sie erleichtert. Ganz normale Leute. Mit Susanne fühlte Carola sich gleich verbunden und die beiden hatten viel Gesprächsstoff. Es bestand also berechtigte Hoffnung auf harmonische Feiertage neben dem Weihnachtsbaum.

Und dann war es passiert. Es war wohl die Salami beim Abendbrot gewesen. Carola hatte sie etwas ungewöhnlich im Geschmack, aber durchaus als gut empfunden. Doch schon in der Nacht wurde Carola furchtbar schlecht. Und sie war nicht die Einzige, auch Nick und seine Eltern hatten kräftig zugelangt. In den nächsten Tagen waren die beiden Badezimmer die meistgenutzten Räume. Nur Susanne, die seit Jahren vegan lebte, und Ben, der momentan ausschließlich Nudeln, trocken Brot und Schokolade für genießbar hielt, blieben verschont.

So fiel Weihnachten weitgehend ins Toilettenwasser und als nach den Feiertagen alle soweit wieder hergestellt waren, fuhren sie zurück in die Stadt. Auch jetzt, eine Woche später, fühlte sich Carola noch etwas schummrig auf den Beinen. Ein Bild blitzte vor Carolas Augen auf: Nick und sie saßen grauhaarig auf einer Kachelofenbank und lachten herzlich über ihr „verdorbenes“ erstes gemeinsames Weihnachten.

Carola lächelte und nahm einen Schluck Tee. Vielleicht war das heute endende Jahr es doch wert, erinnert zu werden. Es klingelte. Carola wickelte sich aus der Decke und öffnete. Nick küsste sie sanft zur Begrüßung.

„Hallo, meine Süße. Ich bringe Zwieback und Gemüsebrühe. Damit werden wir rauschend den Jahreswechsel feiern.“

Carola antwortete schmunzelnd: „Und wenn es ganz wild werden soll, reiben wir uns einen Apfel mit Karotte.“

Nick drückte sie fest an sich und Carola freute sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben aufrichtig auf das, was das neue Jahr bringen würde.

So geht es weiter…

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