Im Seniorenheim

Als Herr Benjamin den Speise- und Aufenthaltsraum betrat, war er zunächst erleichtert: Frau Walter war nirgends zu sehen. Neben dem Fenster saß Frau Müller in ihrem Rollstuhl und schnarchte friedlich. An einem Tisch spielten Frau Rettich und Frau Pfister Karten. Und ganz hinten, in der Ecke neben der Yucca-Palme, saß Frau Linde. Immer, wenn Herr Benjamin Frau Linde sah, war ihm, als husche ein Sonnenstrahl über sein Gesicht. Frau Linde las in der Zeitung, ihre übergroße Brille ganz vorne auf der Nase sitzend.

„Frau Linde, darf ich mich zu Ihnen gesellen?“, fragte Herr Benjamin höflich. „Gerne, mein Lieber“, antwortete Frau Linde und zeigte auf den leeren Stuhl neben sich. Herr Benjamin nahm Platz und verrückte dabei den Stuhl, wovon Frau Müller aufwachte. Verärgert knurrte sie: „Immer diese Dudelei! Macht die Dudelei aus!“

„Seien Sie nicht so zimperlich, Frau Müller!“, erwiderte Frau Rettich, bevor sie triumphierend ausrief: „Mau Mau!“ und ihre letzte Karte ablegte.

„Mau vergessen“, sagte Frau Pfister, ebenso triumphierend. „Nun werden Sie mit Karten überschwemmt, meine liebe Frau Rettich!“ Widerwillig nahm Frau Rettich alle Karten vom Stapel in die Hand. Frau Müller schnarchte schon wieder.

Frau Linde kicherte leise. Sie beugte sich ein wenig zu Herrn Benjamin und sagte: „Wissen Sie, wie ich die beiden Spielkartenliebhaberinnen heimlich nenne? – Spottdrossel und Schandmaul.“

Sie kicherte wieder und Herr Benjamin mit. „Aber ich will nicht zu gemein sein“, fuhr Frau Linde fort. „Die beiden sind eigentlich ganz nett. Nur verlieren können sie nicht.“ „Aber gewinnen auch nicht“, ergänzte Herr Benjamin.

Da betrat Frau Walter den Raum und als Herr Benjamin das bemerkte, senkte er schnell den Blick. Aber es half nichts. Mit ihrem Rollator steuerte Frau Walter direkt auf ihn, Frau Linde und die Yucca-Palme zu. Mit ihrer überlauten Stimme verkündete sie allen im Raum: „So eine Schwüle heute! Das ist nichts für meine trockenen Knochen!“

Frau Müller erwachte erneut und rief: „Himmel, Schweinsleder und Zwirn! Immer diese Dudelei!“ Diesmal antwortete ihr keiner.

Stattdessen wandte sich Frau Walter an Herrn Benjamin: „Herr Benjamin, Sie sind mir noch ein Kartenspiel schuldig. Sie wollten mich doch auf meinem Zimmer besuchen.“

Frau Walter warf Frau Linde einen prüfenden Blick zu, als sie das sagte. Frau Linde zeigte keine Reaktion. Erwartungsvoll sah Frau Walter nun Herrn Benjamin an. Dieser rutschte ein wenig auf dem Stuhl hin und her. „Nun, meine Werteste, das… also… wenn sich einmal die Gelegenheit… vielleicht nächste Woche.“

Frau Walter hatte offensichtlich auf eine andere Antwort gehofft. Pampig sagte sie: „Mein Bester, Sie sind nicht nur alt wie eine Schildkröte, sondern auch so langsam.“

Hilfesuchend blickte Herr Benjamin zu Frau Linde. Die hatte ihre Brille hochgeschoben und dahinter waren ihre braunen Augen ganz groß und sanft und weise. Sie lächelte Herrn Benjamin an.

Frau Walter schimpfte weiter, sprach über davongaloppierte Jahre, aber Herr Benjamin hörte sie nur dumpf. Er war versunken in Frau Lindes kluge Eulenaugen und ihre warmen Sonnenstrahlen.

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