Archiv der Kategorie: Futter für Geist und Seele

„Unschuld“ von Dea Loher am Theater Erlangen

Kurze Episoden mit sehr unterschiedlichen Protagonisten drehen sich um die Themen Schuld, Verantwortung und Vergebung.

Da ist beispielsweise die zuckerkranke Frau Zucker, die sich ihr leeres Leben rückblickend mit Fantasiegeschichten füllt. Ihre schwermütige Tochter Rosa wird nicht glücklicher, als die Mutter sich bei ihr und ihrem Mann Franz einquartiert. Franz muss feststellen, dass er nur tote Menschen wirklich berühren kann; da kommt der neue Job als Leichenwäscher gelegen.

Die illegalen Flüchtlinge Fadoul und Elisio sehen mit an, wie eine Frau im Meer ertrinkt. Eigentlich wollen sie helfen, tun es aber nicht. Aus Angst vor den Behörden, dem eigenen Ertrinken, dem Nasswerden?

Die verzweifelnde Philosophin sucht in der Unberechenbarkeit der Welt einen Halt. Die blinde Absolut tanzt nackt in einer Hafenbar. Die kinderlose Frau Habersatt bittet um Vergebung für Taten von Tätern, die ihr Sohn hätten sein können.

Wer hat sich schuldig gemacht? Ist überhaupt jemand ohne Schuld? Tragen alle Menschen Verantwortung? Für sich selbst? Auch für andere? Darf jeder auf Vergebung hoffen?

Die einzelnen Geschichten sind spannend und berührend. Im Verlauf werden einige von ihnen miteinander verknüpft. Eine perfekte Synthese am Ende fehlt, vielleicht ist diese auch gar nicht gewollt. „Unschuld“ ist in jedem Fall ein sehenswertes Stück mit Charakteren, die im Gedächtnis bleiben, und deren Schicksale zum Nachdenken anregen – auch über eigene Schuld und Verantwortung.

Zwei Vorstellungen kommen noch: am 30.06. und 01.07.2015. Info und Karten auf der Website des Theaters Erlangen.

Zum Reinschauen ein Trailer auf YouTube:

Frühlingswald

Ein Wald vor der Haustür ist etwas Wunderbares. Er ist nicht sonderlich spektakulär, aber zauberhaft im Kleinen.

Jetzt, mitten im Frühling, blühen nicht nur die Lupinen, die Nadelbäume sprießen hell und die Blätter und das Gras werden langsam saftig.

Es duftet anders als noch vor ein paar Wochen und wenn man den Vogelgesängen lauscht, verschwindet das leise Rauschen der Zivilisation.

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Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

Ein 96-jähriger krebskranker Ornithologe als Protagonist? Regt mich persönlich nicht unbedingt zum Kauf eines Buches an. Die Autorin ist eine ca. 30-jährige Ukrainerin (geboren 1981 in Odessa), die auf Deutsch schreibt? Da wird die Sache schon spannender!

Letztendlich überzeugt hat mich Marjana Gaponenkos Vortrag beim Erlanger Poetenfest 2012. Dort hat sie den sterbenden Vogelkundler Luka Lewadski auf charmante Weise zum Leben erweckt. Eigenbrötlerisch, verschroben und sympathisch ist er. Die Geschichte ist feinfühlig und skurril; teil surrealistisch, wenn sie zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt. Die fließend leichte Sprache lädt ein, mit auf Lewadskis letzte Reise zu gehen. Es lohnt sich, diese Einladung anzunehmen!

Federleicht und tief bewegend: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler

Aus finanzieller Notwendigkeit heraus schickt die Mutter den 17-jährigen Franz 1937 nach Wien, um bei ihrem früheren Bekannten Otto Trsnjek in dessen Trafik in die Lehre zu gehen. In dem kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen lernt Franz fürs Leben: Aus den Dutzenden von Zeitungen, die Franz auf Geheiß des alten Trafikanten jeden Tag liest. Aus den Gesprächen mit Sigmund Freud, der zur Stammkundschaft gehört. Und aus der ungestümen Liebesaffäre mit Anezka, einer jungen Böhmin, die sich allein durch harte Zeiten schlägt. Der Nationalsozialismus, von Anfang an präsent, wird zunehmend bedrohlicher und zerstört schließlich die Welt, in die Franz eben erst eingetaucht ist.

Federleicht erzählt Robert Seethaler die erstaunliche Entwicklung des jungen Franz. Herzzerreißend naiv ist er zu Beginn, unpolitisch, unerfahren, gleichzeitig erfrischend ehrlich, offen und direkt. Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Freud wird gezwungen, Wien zu verlassen. Anezka entscheidet sich fürs eigene Überleben. Und Franz? Aus Franz ist ein aufrichtiger junger Mann geworden, der sich entschlossen von seinem Gerechtigkeitssinn leiten lässt – und bereit ist, alle Konsequenzen daraus zu tragen.

„Der Trafikant“ berührt Herz und Seele und schafft etwas Erstaunliches: Die unvermeidbaren Ereignisse hinterlassen nicht nur Wut und Traurigkeit, sondern vor allem ein Gefühl der Stärke und des Lebensmuts.

Wer ein wenig mehr über Robert Seethaler erfahren möchte, dem sei dieser kurze Beitrag aus der Sendung „Capriccio“ des BR empfohlen.

Was wäre, wenn? „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck

Galizien, um 1900: Ein Säugling stirbt im Kindsbett. Die Eltern verzweifeln, die Ehe zerbricht, der Vater sucht sein Glück als Auswanderer, die Mutter rutscht ab.

Dann ein Intermezzo, die Zeit wird zurück gedreht. Die kleine Tochter wird gerettet und lebt. Die Familie bleibt zusammen, wandert nach Wien aus, wo sich neue berufliche Chancen für den Vater eröffnen. Hoffnung keimt in der Leserin: Das Unglück ist abgewendet, alles kann gut werden.

Aber schnell wird klar: Nichts wird gut. Offener Antisemitismus und die Härten des Ersten Weltkriegs in der Großstadt sind schwere Bürden. Todessehnsucht treibt die inzwischen jugendliche Tochter in den Selbstmord. Sie stirbt – zum zweiten Mal im Buch.

Und wieder wird an den Schrauben des Schicksals gedreht, ein weiteres Intermezzo, das Mädchen überlebt. Was bringt die dritte Chance? – Es wird jedenfalls nicht die letzte sein.

Jenny Erpenbeck versteht es meisterhaft, mit Möglichkeiten und Gelegenheiten zu spielen. Sie weckt Hoffnungen, die sich selten erfüllen. Sie zieht die Leserin in den Sog der Familiengeschichte, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Mitte Europas spiegelt. „Aller Tage Abend“ ist keine leichte Kost, aber sie lohnt sich: Wegen der wunderbaren Sprache, der kunstvollen Struktur und der packenden Handlung.

Im Theater Erlangen: „Amphitryon“ nach Heinrich von Kleist

Der Feldherr Amphitryon kehrt mit seinem Diener Sosias nach erfolgreicher Schlacht nach Theben zurück. Doch der Gott Jupiter und der Götterbote Merkur sind schon früher nach Theben gekommen. In Gestalt des Amphitryon und des Sosias haben sie die Plätze bei den Ehefrauen Alkmene und Charis eingenommen. Weder das Volk Thebens noch die beiden Ehefrauen bemerken die Täuschung. Amphitryon und Sosias werden mit der Frage konfrontiert, wer ein Mensch noch ist, wenn ein anderer seinen Namen und seine Gestalt angenommen hat.

Das sechsköpfige Ensemble des Erlanger Markgrafentheaters wechselt während des Stücks immer wieder die Rollen, durchbricht so die vorgegebene Struktur und gibt der existenziellen Frage nach der eigenen Identität eine weitere Dimension. Die Zuschauerin muss aufmerksam bleiben, wenn sie nicht in den Wirrungen verloren gehen will. Doch das lohnt sich. Die Inszenierung regt zum Nachdenken an, ist jedoch gleichzeitig kurzweilig und unterhaltsam – und das liegt nicht nur an den knallenden Türen, die schmunzelnd an Slapstick-Klassiker denken lassen.

Mehr Info und Kartenverkauf auf der Website des Theaters Erlangen.

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Hamburg im Herbst

Langes Wochenende in Hamburg Anfang Dezember. Viel herumspaziert, so lernt man eine Stadt am besten kennen.
Impressionen von der Außenalster am trüben Freitag und der Speicherstadt am sonnigen Samstag.
Und an beiden Tagen das Rathaus, für mich das wahre Wahrzeichen Hamburgs, wegen seiner nordisch-gediegenen Eleganz.

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Soul meets Indie meets R’n’B: „The Classic“ von Joan as Police Woman

Den Namen „Joan as Police Woman“ kannte ich schon länger, hatte aber nie bewusst einen Song gehört. Ende September änderte sich das durch „aspekte“ im ZDF. Joan Wasser aka Joan as Police Woman präsentierte dort den Titelsong ihres neuen Albums „The Classic“. Eine Frau, ein Piano, ein überzeugender Auftritt, ein CD-Kauf meinerseits wenig später.

Eine Genre-Schublade reicht nicht für die Songs des Albums. Soul, R’n’B, Indie, Rock beschreiben die grobe Richtung. Der Sound ist erdig, angeschrägt und nicht hochglanzpoliert. Manche Songs kommen leicht daher, andere wunderbar düster; Joan Wassers raue Stimme passt zu beidem. Meine Favoriten: „Witness“, „Good Together“ und „What Would You Do“.

Hier zwei Kostproben:
Akustik-Version von „Good Together“


Album-Version von „Holy City“

Tausend Tode schreiben – E-Book-Projekt des Frohmann Verlags

Tausend Autoren schreiben tausend Texte zum Thema Tod – das ist ganz kurz gesagt die Idee hinter dem E-Book-Projekt der Berliner Verlegerin Christiane Frohmann.

Die erste Version des E-Books ist mit 135 Texten am 01.12. erschienen – darin auch ein Text von mir (Nr. 110 im E-Book und direkt hier auf Seelenflügel).

Erweiterte Versionen folgen nun monatlich, die finale Version kommt im März. Das E-Book ist in diversen Shops zu finden, die Einnahmen werden gespendet.

Mehr Info auf der Website des Frohmann Verlags und auf Twitter unter #1000tode

Mehr als der Blaue Reiter: Das Lenbachhaus in München

Erster Eindruck von außen: Eine goldfarbene toskanische Villa in einem wunderschönen Garten, der zum Lesen, Schreiben oder einfach nur Dasitzen einlädt. Erster Eindruck in der Eingangshalle: Eine imposante von der Decke hängende, wirbelförmige Skulptur aus farbigem Glas („Wirbelwerk“ von Olafur Eliasson).

Im Museum zunächst vorbei an einer Neonleuchtschrift-Installation und der lebensgroßen Skulptur eines Mannes mit Erektion (angezogen), ins 19. Jahrhundert. Dort vornehmlich Porträts und Landschaften. Spannend: Kleinformate von Carl Spitzweg, dessen Personen ins Groteske neigen.

Bei Joseph Beuys und einigem bei der „Kunst nach 1945“ fehlt mir nach wie vor der tiefergehende Zugang, aber ich stelle fest, dass mich „Moderne Kunst“ zunehmend anlockt.

Die weltweit größte und sehr sehenswerte Sammlung der Werke der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ wird ergänzt durch Info-Tafeln zur Geschichte des Kreises und der Leben der Mitglieder.

Fazit nach dem ersten Besuch: Das Lenbachhaus ist mehr als einen Besuch wert!

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