Archiv der Kategorie: Gedanken aus der Besteckschublade

In Liebe, ewiglich

Der Erste starb schon nach vier Wochen. Der Zweite hielt sich nur wenig länger. Den Dritten kauften wir dann nicht mehr in der Zoohandlung, sondern beim Züchter.

Alle hatten denselben Namen, der einzige Name, der für mich damals in Frage kam, denn der Wellensittich meiner Großeltern hieß ebenso: Jocki. Mein Jocki hatte allerdings blaues Gefieder, der meiner Großeltern war grün.

Ich liebte Jocki und Jocki liebte mich.

Wenn meine Mutter und ich um die Mittagszeit nach Hause kamen, erkannte Jocki das Motorengeräusch unseres Autos und wir konnten ihn auf dem Weg von der Garage zur Haustür durch das geschlossene Fenster freudig aufgeregt pfeifen hören. Jocki schaute interessiert zu, wie ich meine Grundschulhausaufgaben am Küchentisch erledigte und freute sich, wenn ich zwischendurch mit ihm redete und ihm meinen Zeigefinger zum Knabbern an die Gitterstäbe seines Käfigs hielt.

Als ich in der sechsten Klasse ins Schullandheim fuhr, verfiel Jocki anscheinend in Trauer. Er sang nicht und er fraß nicht. Meine Eltern waren in Sorge. Als ich nach einer Woche zurückkam, dauerte es mehrere Tage, bis Jocki sich erholte. Vielleicht war er beleidigt, vielleicht fürchtete er, dass ich wieder weggehen könnte, wer weiß, aber bald war er wieder der Alte.

Neben dem üblichen Vogelfutter mochte Jocki Salatblätter, Gurkenscheiben und Apfelstücke, aber am tollsten fand er Bananen. Sobald mein Vater eine Banane nur in die Hand nahm, wurde das Vögelchen ganz wild. Hüpfte im Käfig herum, pfiff schrill und noch lauter als sonst. Jocki wurde erst wieder ruhig, wenn ein Stückchen Banane zwischen die Gitterstäbe gequetscht wurde. Gefressen hat er die Bananen nicht, am nächsten Tag konnten wir das vertrocknete Stück wegnehmen, ohne dass es Jocki sonderlich interessiert hätte. Tja, auch Wellensittiche können seltsam sein.

Als ich älter wurde und mehr Zeit bei Freunden oder allein in meinem Zimmer verbrachte, blieb die Liebe ungebrochen, aber Jocki und ich gewannen etwas Abstand.

Kurz nach meinem Abitur, ich wohnte noch zu Hause, da merkten wir, dass Jocki alt wurde. Er sang weniger, er flog nur noch kurz und hüpfte kaum mehr im Käfig herum. An seinem letzten Abend saß er still am Boden seines Käfigs und schaute mich müde an. Am nächsten Morgen fanden wir ihn tot. Ich weinte, meine Mutter auch; aber wir waren auch glücklich, dass unser kleiner Jocki über 13 Jahre mit uns verbracht hatte.

Zusammen mit seinem Lieblingsspielzeug, einem runden Spiegel mit Bimmelglöckchen und seiner Vogelschaukel, legte ich ihn vorsichtig in einen Schuhkarton und wir begruben ihn im Garten. Auf sein kleines Grab legten wir ein paar Blümchen.

Und noch heute, wenn ich meine Eltern besuche, glaube ich manchmal, Jockis Pfeifen zu hören, das mich fröhlich begrüßt.

Vorweihnachtszeit

Gestern Abend schlenderte ich nach dem Büro durch die Erlanger Innenstadt. In der Fußgängerzone zwischen Hugenottenplatz und Schlossplatz, auf dem in Kürze der Weihnachtsmarkt eröffnet wird und die Buden schon aufgebaut sind, stieß ich auf dies:

FGZ_01

Wenige Schritte später das:

FGZ_02

Es hat etwas gedauert, bis ich begriffen habe, was die Betonklötze mitten auf dem Weg sollen. Und dann hat sich für einen Moment mein Herz zu einem traurigen, kleinen Klumpen zusammengezogen. Aber ja, ich verstehe, warum die Teile da sind und es ist sicher sehr vernünftig, sie aufzustellen. Traurig finde ich es trotzdem. Und noch trauriger finde ich, dass wir uns wohl an sie gewöhnen werden.

Happy Birthday, Fahrrad!

Am 12. Juni 1817 unternahm Karl von Drais die erste Probefahrt mit der von ihm entwickelten Laufmaschine: 14 Kilometer in einer knappen Stunde. Komplett aus Holz und noch ohne Pedale kam sein Zweirad daher. 1866 erhielt Pierre Lallement ein US-Patent auf Tretkurbeln am Vorderrad. 1878 wurde der einseitige Kettenantrieb des Hinterrads eingeführt, durch den das Fahren wesentlich einfacher und sicherer wurde.

Frauen waren Ende des 19. Jahrhunderts nicht gerne auf dem Zweirad gesehen. Die Entblößung der Knöchel galt als unsittlich und körperliche Betätigung war ohnehin nichts für Damen. Kutscher schlugen schon mal mit der Peitsche nach Radfahrerinnen oder drängten sie in den Straßengraben. Kinder bewarfen sie mit schmutzigen Lumpen. Ärzte warnten vor dem entstellenden „Bicycle-Gesicht“ und dem Verlust der Gebärfähigkeit, ganz zu schweigen von der ins Unermessliche steigenden weiblichen Libido – durch die intensive Durchblutung des Genitalbereichs und die frische Luft.

Doch es half alles nichts. Immer mehr Frauen verließen ihre angestammte Sphäre, das Haus, um Rad zu fahren. Pionierinnen wie Amalie Rother und Clara Beyer trauten sich erst nur auf stillen Waldchausseen außerhalb Berlins zu radeln. Später fuhren sie in der Morgendämmerung durch die Stadt und endlich auch am belebten Nachmittag. Den Beschimpfungen der Straßenjungen fuhren sie davon.

Die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony (1820 – 1906) sagte über das Radfahren:
“Let me tell you what I think of bicycling. I think it has done more to emancipate women than anything else in the world. It gives women a feeling of freedom and self-reliance. I stand and rejoice every time I see a woman ride by on a wheel…the picture of free, untrammeled womanhood.”

Und falls es morgen früh, wenn ich auf mein Rad steige, um zur Arbeit zu fahren, regnen sollte, was mich üblicherweise wenig begeistert, dann werde ich an diese Worte denken und lächelnd in die nassen Pedale treten.

Übrigens: In Saudi-Arabien hat die Religionspolizei Frauen und Mädchen im April 2013 das Fahrradfahren überhaupt erst erlaubt. Aber nur in Erholungsgebieten, in Begleitung eines männlichen Verwandten und unter der Abaya.

Auch daran werde ich denken, wenn ich morgen losfahre.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_von_Drais
https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad
https://de.wikipedia.org/wiki/Susan_B._Anthony
http://www.goodreads.com/quotes/10789-let-me-tell-you-what-i-think-of-bicycling-i
https://www.welt.de/vermischtes/article114924623/Religionspolizei-erlaubt-Frauen-das-Radfahren.html
Die radelnde Revolution, in: EMMA (Ausgabe 332, 3/2017), Seite 94 ff. (http://www.emma.de/artikel/die-radelnde-revolution-334417)

To Whom It May Concern – oder: Danke!

Heute ist Frühlingsanfang und zugleich Internationaler Tag des Glücks. Gleich zwei gute Gründe, Dankeschön zu sagen! Auch wenn nicht sicher ist, an wen der Dank korrekterweise gehen muss…
Formal inspiriert von Hans Magnus Enzensberger „Empfänger unbekannt – Retour à l’expéditeur“.

To Whom It May Concern

Vielen Dank für die schneebedeckten Berge.
Vielen Dank für die tiefblaue See,
und, warum nicht, für Tomaten, Käse und Wein.

Vielen Dank für die Träume, die im Schlaf und die im Wachen,
und für den Mond.

Herzlichen Dank dafür, dass Gegenwind oft hilft, die Richtung zu weisen,
und für Freundschaften, die alten und die neuen.

Vielen Dank für die Wörter, die Bücher, für das Schreiben
und natürlich die Küsse und die Liebe in all ihren Schattierungen,
sowie für den Humor, den feinen und den schwarzen,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Wald, der im heißen Sommer kühl duftet, inständigen Dank.
Und meinetwegen für die unzähligen Weberknechte in der Wohnung auch.

Gedanken zum 3. Advent: Erinnerung an eine Schulfreundin

Mit zwölf, dreizehn Jahren war ich gut mit einem Mädchen aus meiner Schulklasse befreundet. Sie hieß Jennifer. Es war leicht, Jennifer zu mögen. Sie lachte viel, war freundlich und ehrlich. Alle fanden sie süß, wahrscheinlich auch, weil sie die Kleinste in der Klasse war.

Ich mochte Jennifer sehr und insgeheim beneidete ich sie ein wenig. Ihre Eltern besaßen eine mittelständische Firma und waren dadurch recht wohlhabend. Die Familie wohnte in einem großen Haus mit riesigem Garten samt Teich, einem Partykeller und eigener Sauna. Jennifer hatte tolle Klamotten und die neuesten Schallplatten. Ihre Eltern erlaubten viel und waren immer zuvorkommend. Sie stellten ihren Wohlstand nicht zur Schau, sie genossen ihn und ließen andere teilhaben.

Manchmal hätte ich gerne mit Jennifer getauscht.

Nach dem Abitur verloren wir uns aus den Augen. Lange dachte ich nicht an Jennifer. Dann, gegen Ende des Studiums, die Nachricht: Jennifer ist tot.

Ich erfuhr, dass sie schon mehrere Jahre an Krebs erkrankt gewesen war. Teure Therapien in Europa und den USA hatten ihr nicht helfen können.

Zu ihrer Beerdigung kamen sehr viele Menschen. Es passten gar nicht alle in die Kirche. Als sie Jennifers Sarg an mir vorbei zum Grab trugen, weinte ich. Ich weinte aus Trauer um Jennifer. Ich weinte aber auch, weil mich die Erkenntnis packte, dass genauso gut ich in diesem Sarg liegen könnte.

Seitdem bin ich kaum mehr neidisch und tauschen möchte ich mit niemandem.

Winter-Stippvisite

Nach einem formidablen Silvester-Menü und sehenswertem Feuerwerk hat 2016 ruhig begonnen. Das heutige Gastspiel des Winters wird von Schlittenfahrern, Schneemannbauern und Spaziergängern freudig willkommen geheißen.

Mein Motto für dieses Jahr: Nicht am Großen verzweifeln, lieber im Kleinen handeln – und sich übers Gelungene freuen.

Alles Gute für 2016!

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Kleines Weihnachtstagebuch

23.12.: Eine dicke Hummel im blühenden Forsythienbusch gesehen
24.12.: Über die lustigen Sprüche der fünfjährigen Nichte geschmunzelt
25.12.: Zum ersten Mal „Ist das Leben nicht schön?“ mit James Stewart geschaut
26.12.: Sehr ausgedehnt im nicht wirklich winterlichen Wald spazieren gegangen

Und jetzt: Vorfreude auf Silvester!

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