Kalenderspruch der Woche (35/2016)

Ein Zitat aus dem Kurzroman „Cooper“ von Eberhard Rathgeb, gehört letzte Woche beim Poetenfest und heute fertig gelesen. Kein Buch für Leser, die vom Autor alle Fragen beantwortet bekommen wollen, sondern für die, die Leerstellen gerne selbst füllen, verfasst in herrlich poetischer Sprache.

Die Angst vor dem Werden ist groß, und sie führt vorzeitig zum Tod. Wenn sie uns packt und uns nicht mehr loslässt, dann stiehlt sie uns das Leben, sie nimmt uns die Luft zum Atmen. Dabei lebt alles nur, weil es sterben wird. Sich dem Werden überlassen, siehst du, das ist ganz einfach, das heißt nur, Vertrauen haben, auch wenn, ja gerade weil das Werden die eigenen Kräfte und Einsichten übersteigt.
Eberhard Rathgeb, „Cooper“, 2016, Carl Hanser Verlag München

Mein Erlanger Poetenfest 2016

Auch in diesem Jahr war es wieder der Höhepunkt im Erlanger Kulturkalender. Zum 36. Mal fand das Erlanger Poetenfest statt, wie gewohnt am letzten Wochenende im August.

Auftakt am Freitagabend im Markgrafentheater: „Die Lange Nacht der Ersten Erde“.
Raoul Schrott hat mit „Erste Erde“ ein Epos geschaffen. Aus dem Blickwinkel des Dichters erforscht er die Entstehung und Entwicklung des Universums, der Erde, des Lebens.

Im ersten Teil des tatsächlich langen, aber kurzweiligen Abends erzählte Raoul Schrott über seine Motivation und Herangehensweise, über die Reisen, die er unternommen hat, um das Werk zu schaffen sowie die Menschen, die er dabei getroffen hat. Leseproben gab es auch – die hätten gerne noch länger sein dürfen.

Anschließend bat Raoul Schrott vier Experten aus den Bereichen Molekularevolution, Physik, Paläontologie und Astrophysik auf die Bühne. Was wohl als Gesprächsrunde geplant war, wurde eher zu Kurzvorträgen der jeweiligen Wissenschaftler – das war zwar etwas schade, denn einen tiefergehenden fachlichen Austausch gab es dadurch nicht, spannend war es allemal. Eine außergewöhnliche Veranstaltung und ein gelungener Start!

Beide Lesenachmittage im Schlossgarten waren wunderbar: Vielfältig, abwechslungsreich, spannend.  Meine Favoriten:
Tilmann Rammstedt – Morgen mehr
Der Ich-Erzähler muss dafür sorgen, dass seine Eltern sich kennenlernen, damit sie ihn zeugen können. Seine Mutter stürzt sich allerdings 24 Stunden vor dem einzig möglichen Zeugungstermin in ein amouröses Abenteuer mit einem melancholischen Franzosen und der Vater wird mit einbetonierten Füßen in den Main geworfen. Kann das noch was werden?

Sharon Dodua Otoo – Herr Gröttrup setzt sich hin
Der Text gewann den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis. Die 1972 in London geborene Autorin ghanaischer Eltern lebt seit 10 Jahren in Berlin. Ihr Text erzählt von deutscher Pünktlichkeit, eingefahrenen Ehen und unsichtbaren Wesen.

Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran
Die Autorin mit iranischen Wurzeln wurde 1988 in Deutschland geboren. In ihrem Roman lässt sie verschiedene Personen einer Familie zu verschiedenen Zeitpunkten (von 1979 bis 2009) an verschiedenen Orten (Iran, Deutschland) zu Wort kommen.

Silke Scheuermann – Wovon wir lebten
Der Protagonist Marten scheint wenig Chancen auf ein „erfolgreiches“ Leben zu haben: die Mutter Alkoholikerin, der Vater lieblos. Dennoch schafft Marten den Aufstieg zum Fernsehkoch. Der Roman ist inspiriert von Dicken’s „Great Expectations“.

Katharina Winkler – Blauschmuck
Blauschmuck, das sind die Blutergüsse, die muslimische Frauen durch die Schläge ihrer Männer oder Väter tragen. Auch die Ich-Erzählerin Filiz, eine Kurdin aus der Osttürkei, trägt Blauschmuck. Sie träumt vom Westen und von Jeans. Doch auch nachdem sie mit ihrem brutalen Ehemann nach Wien kommt, findet sie die erhoffte Freiheit nicht. Sie muss sie sich erst erkämpfen. Erzählt nach einer wahren Begebenheit.

Abbas Khider – Ohrfeige
Es braucht eine Ohrfeige, Fesseln und einen Knebel, damit die Sachbearbeiterin im Ausländeramt dem Flüchtling Karim Mensy zuhört. Endlich hat er Gelegenheit, in Ruhe seine Geschichte zu erzählen. Vor ein paar Jahren habe ich Abbas Khider bei einer Lesung aus „Brief in die Auberginenrepublik“ gehört – und war auch damals schon beeindruckt – vom Autoren wie vom Menschen Abbas Khider gleichermaßen.

Eberhard Rathgeb – Cooper
Es fängt ganz harmlos und idyllisch an: Eine junge Familie mit zwei Töchtern fährt aufs Land, um dort ein Wochenende im neu gekauften Häuschen zu verbringen. Doch das Schicksal hat anderes vor. Es werden schreckliche Dinge geschehen. Welche das sind, kann ich demnächst berichten. Denn gestern habe ich angefangen, das Buch zu lesen.

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Kalenderspruch der Woche (34/2016)

Wenn die Poeten kommen, geh hin! Es lohnt sich.
Seelenflügel

Ja, es war wieder wunderbar, das Erlanger Poetenfest! Ein Rückblick bald an dieser Stelle.

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Kalenderspruch der Woche (33/2016) – taken from Kristin Maschka’s TEDx Talk on Unconscious Bias

„Notice out loud the ways in which unconscious bias impacts all of us… Get on the same team… Change the what, not the who…“
Kristin Maschka, How I Learned to Love Unconscious Bias, TEDxPasadenaWomen

Watch the video to get the complete message:

Wandern vor der Haustür: Der Berg- & Talpfad rund um Uttenreuth

Die Verwaltungsgemeinschaft Uttenreuth (östlich von Erlangen) hat sich 2015 etwas Feines ausgedacht: Den Berg- & Talpfad durch die vier Ortsteile Buckenhof, Spardorf, Uttenreuth mit Weiher und Marloffstein mit Adlitz und Atzelsberg.

Auf insgesamt 20 km geht es sanft auf und ab, durch Weiden, Wiesen und Wälder und die genannten Orte. In Adlitz lockt der beliebte Biergarten zur Einkehr. Echte Naherholung!

Hier Impressionen von Ende Juli, als das Getreide noch auf den Feldern stand.

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Kalenderspruch der Woche (32/2016)

Geiz und Glück werden sich niemals kennenlernen.
Benjamin Franklin (1706 – 1790)

Der Kaktus

Der Kaktus stand auf dem Fensterbrett. „Ich hab es satt, hier rumzustehen und mit Wasser begossen zu werden!“ sagte er eines Tages. Er marschierte ins Badezimmer, rasierte sich und verließ das Haus.

Sehr weit kam er nicht. Im Garten traf er auf den Hund, der ihn neugierig beschnüffelte und dabei aufgeregt mit dem Schwanz wedelte. Das war dem Kaktus nicht geheuer, aber er hielt still. Als der Hund sich jedoch umdrehte und ein Bein anhob, schwante dem Kaktus Schlimmes. Da wurde der Hund von der Hausfrau gerufen. Das verschaffte dem Kaktus einen Augenblick, um zur Seite zu hüpfen. Bevor der Hund zum Frauchen lief, erledigte er zwar noch sein ursprüngliches Vorhaben, aber glücklicherweise wurde der Kaktus nicht getroffen.

Nach diesem Schreck wollte der Kaktus so schnell wie möglich fort, doch weit kam er nicht. Kurz vor dem Gartentor traf er auf die Katze. Die betrachtete ihn eingehend und stupste ihn ein paarmal mit weichen Pfoten an. Als die Katze gerade ihre Krallen ausfahren wollte, kam der Hund fröhlich bellend auf sie zu gerannt. Die Katze ließ vom Kaktus ab und fauchte den Hund böse an. Der Kaktus nutzte die Gelegenheit und rettete sich ins Gemüsebeet.

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Kalenderspruch der Woche (31/2016)

Die Utopie ist am Horizont. Ich nähere mich ihr um zwei Schritte und sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich lege zehn Schritte zurück, und der Horizont verlegt sich um zehn Schritte. Wie lange ich auch gehe, ich erreiche sie nie. Was nutzt mir dann diese Utopie? Sie unterstützt mich dabei, weiterzugehen.
Eduardo Galeano (uruguayischer Journalist und Schriftsteller, 1940 – 2015)

Kalenderspruch der Woche (30/2016)


Solange du dem andern sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du noch weit ab vom Wege zur Weisheit.
Aus China

Die Wanderschuhe erzählen

Erst waren wir nicht sicher, ob sie uns überhaupt will. Wir spürten eine gewisse Distanziertheit beim Anprobieren im Laden. Schuhe wie uns hatte sie zuvor nie besessen. Wir mochten ihre Füße sofort, aber umgekehrt… nun, manche Dinge brauchen eben etwas Zeit.

Nach ein paar Waldspaziergängen zum Einlaufen kam unser erster echter Einsatz: Korsika. Dort wurde uns klar, dass sie zuvor nie wirklich gewandert war. Dementsprechend war es zuweilen etwas schwierig: Ihr war schnell zu heiß, wenn es keinen Schatten gab. Wurde es zu steil, war sie ängstlich. Holprige, steinige Wege fand sie zu anstrengend. An uns lag es nicht, wir leisteten sehr gute Arbeit. Wir gaben ihr Halt, drückten nicht und hielten dicht. Trotzdem schien es, dass sie uns die Schuld gab, wenn eine Wanderung nicht nach ihrem Geschmack war. Viel lieber als uns trug sie ihre luftigen Sandalen.

Nach dem Urlaub verbrachten wir unsere Tage im Schuhschrank. Im nächsten Jahr wurden wir wieder in den Koffer gepackt: Südfrankreich. Dort lief es schon besser. Die meisten Wanderwege gefielen ihr und so begann sie langsam, auch uns zu mögen. Wir merkten es daran, wie sie uns ansah. Ihre Füße glitten jetzt bereitwilliger in uns hinein. Wenn sie uns zuschnürte, lächelte sie öfter. Und wenn sie uns nach einer Tour auszog, war ihr Blick stolz und zufrieden.

Inzwischen sind wir fast sieben Jahre bei ihr und haben einiges gesehen: die Côte d’Azur, la Gomera, Guernsey, Madeira, die Ostsee. Wir wissen, dass sie uns sehr schätzt. Sie freut sich, dass wir noch in gutem Zustand sind und sie noch eine Weile begleiten können.

Gut, ab und zu hadert sie unterwegs immer noch. Die mutigste Wanderin wird sie nie werden, auch nicht die ausdauerndste oder geschickteste. Aber das macht nichts. Wir helfen ihr so gut es geht und sie dankt uns dafür. Was könnte sich ein Paar Wanderschuhe mehr wünschen?
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P.S. Vor einigen Wochen waren wir mit ihr im Elsass. Dort geschah Außergewöhnliches! Wir wanderten deutlich weiter als sonst, wir wanderten im Regen (wirklichen Regen, nicht nur Nieseln), wir wanderten über matschige Waldwege. Uns hat das gefallen – und ihr anscheinend auch. Zumindest die meiste Zeit.