Das „Erste-Mal-dieses-Jahr“-Wochenende

Das wunderbare Sonnenwetter macht dieses Wochenende zu einem besonderen:

Am Freitag den ersten Spargel des Jahres gegessen, direkt eingekauft an einem Straßenstand des Herstellers.
Samstagabend das erste Mal auf dem eigenen Balkon gegrillt und draußen gegessen.
Heute Mittag das erste Mal gleich mit der kurzen Trainingshose zum Fitness-Studio geradelt und nachmittags nach dem Duschen die Haare in der Sonne trocknen lassen.
Grade eben draußen geschrieben, mit Blick ins Grüne und die ruhige Wohngebietsstraße.

Und das ist erst der Anfang. Ich freu mich drauf!

I’d be lying if I said…

…I was completely unscathed. Die erste Zeile aus einem meiner liebsten Lieder von Alanis Morissette. Und rückblickend eine treffende Charakterisierung für das just zu Ende gegangene Jahr.

Das heißt nicht, dass mir nur Schlechtes widerfahren wäre – ganz und gar nicht. Doch es gab einige fundamentale Veränderungen, deren kurzfristige Auswirkungen mich davon abgehalten haben, mich mit der emotionalen Tragweite angemessen auseinanderzusetzen. Das passiert erst jetzt ganz allmählich, und das ist gut so. Es wird noch eine Weile dauern.

Es war eine schöne Erfahrung, dass ich mir nicht allein den Weg durch den Tumult bahnen musste. Viele Menschen standen mir bei – allen voran derjenige, der sich getraut hat, ganz nah neben mir mit mir zu gehen. Danke dafür.

Und gerade recht, um mich mit dem insgesamt schreib-mageren Jahr zu versöhnen, kamen die durchweg positiven und ermunternden Rückmeldungen aus der Schreibwerkstatt. Das hat richtig gut getan.

Pläne für 2010? Weniger Stress haben als 2009, mindestens genauso viel reisen, mehr schreiben und lesen, ab Februar „Kamron und der Schattenmagier“ hier veröffentlichen. Und weiter heilen.

Der Hausfalter – Schreibwerkstatt (3)

Die letzte Aufgabe in der Schreibwerkstatt. Jeder zieht aus je einem Stapel Zettel ein Substantiv und ein Verb. Zusammengesetzt ergibt sich daraus eine Berufsbezeichnung. Meine Wörter waren: Haus und falten – da war er geboren, der Hausfalter…

***

„Guten Tag, Herr …“

„Walter. Karl-Egon Walter.“

„Ah ja. Herr Walter. Nehmen Sie doch bitte Platz. Sie sind also zu uns gekommen, weil Sie einen Kredit aufnehmen möchten.“

„Jawohl. Das ist richtig.“

„Unser Institut benötigt natürlich gewisse Sicherheiten bei der Kreditvergabe.“

„Natürlich. Ich verstehe.“

„Ah ja. Welche Sicherheiten haben Sie denn zu bieten, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Ihre Sicherheiten also…“

„Wenn Sie erst einmal von meiner Geschäftsidee gehört haben, dann ist die Sache klar!“

„Ah ja.“

„Sie wissen doch, wie viel Arbeit, Zeit und Geld so ein Umzug verschlingt. Keiner will sich darum kümmern! Annoncen studieren, Maklern hinterher telefonieren, zu Besichtigungen hetzen. Dann: Porzellan einwickeln, Kisten packen, Möbel zerlegen.“

„Äh, ja?“

„Da hab ich die Geschäftsidee! Ich werde meine Dienste als Hausfalter anbieten. Das wird der Hit!“

„Ich verstehe nicht recht…“

„Na, wenn jemand umziehen will, dann werde ich sein Haus einfach falten. Mit allem Drum und Drin! Auf’n LKW, am neuen Wohnort entfalten, fertig!“

„Ja. Wie jetzt?“

„So wie ich es gesagt habe. Hausfalter! Ich falte das Haus. Ihres, das von Ihrem Chef, Ihrem Schwager, von allen! Das wird die Revolution auf dem Immobilienmarkt. Ich hab mir das genau überlegt. Ich hab auch schon einen Slogan: ‚Braucht Dein Haus einen Falter, da gibt’s nur einen: Karl-Egon Walter.’ – Na, was sagen Sie? Da sind Sie ganz schön beeindruckt, was?“

„Äh… ja. Aber was ist denn, wenn jemand nicht in einem allein stehenden Haus wohnt, sondern ein kleines Apartment in einem Hochhaus hat? Da können Sie ja wohl kaum den anderen 99 Parteien zumuten, dass die mitgefaltet werden. Und was ist, wenn am neuen Wohnort schon ein Haus steht und nicht genügend Platz ist?“

„Hm. Ach so. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Da.. da muss ich noch mal in mich gehen… Da würde ich dann gerne später noch einmal bei Ihnen vorsprechen…“

„Ja aber selbstverständlich, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Aber kommen Sie am besten erst wieder, wenn Sie die Sache im Detail durchdacht haben. Im Detail, verstehen Sie, Herr Walter? Nehmen Sie sich ruhig Zeit.“

„Ja, vielen Dank. Sehr freundlich. Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Herr Walter.“

….

„Na komm, Herrmann, geh schon ran… Ja, hallo … Herrmann, ich bin’s. Bist du allein im Büro? Kannst du sprechen? … Sehr gut. … Hör mal, grade war wieder einer von diesen Genialen hier. Mit einer Bombengeschäftsidee! … Wie? … Ja, klar. Ich hab’s gemacht wie immer: V & A. Verunsichern und Abwimmeln. Ha, ha! … Pass auf, Herrmann, ich erzähl’s dir! Diesmal werden wir reich!“

Der Blechelefant – Schreibwerkstatt (2)

Für unseren zweiten Text sollten wir uns in der Schreibwerkstatt von einem von der Kursleiterin mitgebrachten Gegenstand inspirieren lassen.

Der Gegenstand war ein bunt lackierter Blechelefant; diesem hier ziemlich ähnlich:

Der Blechelefant

Ich mag mein neues Spielzeug. Papa hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Ein Elefant auf einem Motorrad. Ganz bunt angemalt ist der. Er fährt im Kreis, wenn man ihn aufzieht. Schnell wie der Wind, wegen der Propeller oben an seinem Rüssel. Und das Geräusch, das der Elefant beim Fahren macht – wie ein echtes Motorrad!

Dann ist es auch nicht mehr so laut, wenn Mama und Papa sich streiten. Sie streiten oft. Ganz schlimm ist es geworden, seit Tante Hilda den Hans geheiratet hat. Der Papa mag den Hans nicht.

Einmal habe ich gehört, wie der Papa zur Mama gesagt hat, dass es eine Schande sei, dass die Schwester seiner Frau einen Juden heiratet. Wo der Papa es doch weit bringe wolle in der Partei. Der Papa hat die Mama richtig angeschrien. Die Mama hat dann geweint. Die beiden haben nicht bemerkt, dass ich draußen im Flur war. Ich bin dann auch ganz schnell wieder ins Bett.

Ich verstehe das alles nicht so richtig. Ich weiß nicht genau, was ein Jude ist. Aber wenn der Hans ein Jude ist, dann kann das gar nicht so etwas Schlimmes sein, denk ich mir. Ich mag den Hans eigentlich ganz gern. Der lacht viel und einmal hat er mir ein Karamellbonbon mitgebracht. Einfach so.

Manchmal erzählt der Papa von seiner Partei. Da sind lauter Leute, die anpacken, sagt er. Damit es endlich den Richtigen gut geht. Die Mama sagt dann nichts. Das macht den Papa wütend. Und dann streiten sie. – Ich mag mein neues Spielzeug.

Was man so am Wochenende machen kann: Schreibwerkstatt (1)

Den Grundstein für mein Schreib-Hobby hat Ende 2005 ein Volkshochschulkurs mit dem Titel „Wochenend-Schreibwerkstatt: Lust zu schreiben hätte ich schon…“  gelegt. Nach vier Jahren war es nun an der Zeit, den Kurs ein zweites Mal zu besuchen. Die gleiche Kursleiterin, teilweise die gleichen Teilnehmer – und der gleiche Effekt: Begeisterung, Motivation, Freude über das eigene Werk und das der anderen.

Drei Texte sind an diesem Wochenende entstanden, die ich teilen möchte. Hier der erste. Entstanden in einer literarischen „Schnitzeljagd“. Folgende Wörter sollten in der genannten Reihenfolge in den Text eingearbeitet werden:

  • vereisen
  • Brüderchen
  • splitternackt
  • kläffen
  • Zwerg
  • Zaunkönig
  • Standpauke
  • stockfinster
  • Schädel
  • Dreivierteltakt

Alle Teilnehmer hatten dieselben Wörter als Vorgabe. Doch keine Geschichte glich der anderen. Hier kommt meine. Vorsicht, nichts für schwache Nerven!

Sie rennt durch den Wald. Schnell, schnell, bloß nicht stehen bleiben! Der Anblick hat sich in ihrem Kopf vereist: Das Brüderchen splitternackt auf dem kalten Boden. Die dünnen Gliedmaßen merkwürdig verdreht. 

Carlo kam angerannt. Hat gar nicht mehr aufgehört zu kläffen. 

Das Brüderchen auf dem Boden klein wie ein Zwerg. So zart wie der Zaunkönig, den sie gestern gesehen haben. Stolz hat sie den Kinderwagen durchs Dorf geschoben.

Vor einer Standpauke der Eltern fürchtet sie sich nicht. Keine Standpauke der Welt wird ausreichen für ihre Schuld.

Schnell, immer schneller rennt sie durch den stockfinsteren Wald. Doch das Bild in ihrem Schädel rennt mit. Dabei hat sie gar nichts Böses im Sinn gehabt. Nur tanzen wollte sie mit dem Brüderchen – im Dreivierteltakt.

Geschichte aufs Ohr

60 Jahre deutsche Geschichte in Original-Tondokumenten auf 11 CDs: „Die Chronik der Bundesrepublik“, von 1949 bis 2009.

Zu einem fairen Preis bietet die CD-Sammlung einen Abriss der letzten 60 Jahre. Berücksichtigt wird die Bundesrepublik genauso wie die DDR. Von Politik über Kultur bis Sport ist alles dabei. Erklärende Zwischentexte stellen die Originalaufnahmen in den Kontext.

Wer viel über die deutsche Nachkriegsgeschichte weiß, wird kaum etwas Neues lernen, denn in die Tiefe gehen die CDs freilich nicht. Doch selbst dann sind sie interessant, denn der Originalton aus Radio und Fernsehen, Film und Werbung, Reportagen und Interviews transportiert Emotion und Authentizität.

Fazit: Spannend, unterhaltsam, empfehlenswert.

Winter is the season of the imagination

… sagt Sting in der Dokumentation über die Entstehung seines neuen Albums “If on a Winter’s Night”. Eine spannende Sammlung von alten Weisen, klassischen Stücken und Volksliedern über den Winter; leise und besinnlich, spirituell und wunderbar zum Schreiben.

Kamron kommt im Winter… 🙂

 

Manchmal macht der Flügelschlag …

… des Schmetterlings genau den Unterschied, der das Schicksal in die eine oder die andere Richtung lenkt…
 

Die Zeit heilt alle Wunden
Dass ich nicht lache

Beißend bleibt
der Schmerz
die Wut
die Qual

Und meine Seele wird erst ruhen
Wenn Rache sie zu Bette trägt

Schau dich also besser um
Wenn du durch die Straßen gehst
Denn ich will, dass du mein Gesicht siehst
In deinem letzten Augenblick

 ***

Die Zeit heilt alle Wunden
Besser als ich dachte

Verblasst sind Schmerz und Wut und Qual

Und meine Seele kann wieder ruhen
Vergebung streicht ihr übers Haupt

Ich sehe licht und klar
Wenn ich durch die Straßen geh
Denn ich spüre, dass es Freude ist
Die mich lebendig macht

Gerne bin ich Deutsch

Als ich kürzlich wieder einmal Berlin besucht habe, dachte ich bei mir: Wir haben eine würdige Hauptstadt. Weltoffen, monumental, bedeutsam und in mancher Hinsicht so schön dreckig.

Da wurde mir bewusst, wie stark sich in den letzten Jahren mein Selbstverständnis als Deutsche gewandelt hat. Vor einigen Jahren war es mir eher unangenehm, Deutsche zu sein. Und das lag nicht nur am großen Übel Drittes Reich. Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit fand ich langweilig; kulturelle Exportschlager wie Bier und fetten Schweinsbraten eklig.

Lieber wollte ich mich ausschließlich als Europäerin verstehen. Heute sehe ich mich als deutsche Europäerin. Werde ich im Ausland gefragt, sage ich gern, dass ich aus Deutschland komme. Ich will absichtlich nicht sagen, dass ich stolz bin, Deutsche zu sein. Stolz sein sollte man auf Dinge, die man aus eigener Kraft geschaffen oder erreicht hat.

Ein großer Meilenstein war tatsächlich die Fußball-WM 2006. Dieses Sommermärchen hat die Wahrnehmung der Deutschen auf der ganzen Welt verändert. Schau einer an, die Deutschen können also auch ausgelassen feiern und Gäste friedlich willkommen heißen.

Das Bild Deutschlands ist in den letzten Jahren facettenreicher geworden, auf globaler Ebene und auch für mich ganz persönlich. Als Deutsche bin ich jetzt selbstbewusst – meiner selbst bewusst. Und das ist auch gut so.

Sündige Göttin

Stellt man sehr hohe Erwartungen an eine Sache, muss man damit rechnen, dass diese nicht erfüllt werden. Werden sie jedoch übertroffen, dann sollte man dies mit Leib und Seele würdigen. Genau das habe ich letzten Mittwoch im Tempodrom in Berlin beim „Sinful Attraction“-Konzert von Tori Amos getan.

Tori Amos’ strahlende Präsenz füllte die Halle von der ersten bis zur letzten Minute. Völlig ohne überbordende Bühnenshow oder unzählige Kostümwechsel. Im Mittelpunkt stehen die Dinge, auf die es bei einem Konzert wirklich ankommt: Gesang und Instrumente.

In ihrer Stimme werden Gefühle lebendig und berühren ganz tief. Unvergleichlich Toris Art, Klavier und verwandte Instrumente zu spielen. Sie hat auf der Bühne einen Flügel, oben drauf ein Keyboard und hinter sich noch einmal zwei Keyboards. Sie sitzt auf ihrer Pianistenbank, im Ausfallschritt oder breitbeinig, und spielt die Instrumente im Wechsel oder auch zwei parallel, je mit einer Hand.  Auch zu würdigen: Die beiden Musiker, die mit ihr zusammen spielen, Schlagzeug und Gitarre respektive Bass.

Sehr schön fand ich die Auswahl der Songs; es waren viele alte dabei, die ich teils seit über 15 Jahren kenne, wie „Space Dog“, „Precious Things“, „Cornflake Girl“, „Hotel“, „Raspberry Swirl“ oder „Pretty Good Year“.

Dieses Konzert hat mich gefangen genommen, aufgewühlt und glücklich gemacht. Ich habe mich frei und leicht gefühlt und so, als wäre alles möglich auf dieser Welt. Es war ein spirituelles Erlebnis. Tori Amos ist meine Göttin der Musik. Amen.