Da lag er nun

Da lag er nun also vor ihr auf dem Tisch. Nur mit Mühe hatte sie ihn vom Finger bekommen. Dabei hatte sie ihn gar nicht lange getragen, gerade einmal sechs Monate.

Sie betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum allerersten Mal. Ein schmales Band aus Platin, ein nicht eben kleiner, aber auch nicht zu protziger Diamant, kunstvoll gefasst.

Überglücklich war sie, als Robert ihr den Ring vor einem halben Jahr angesteckt hatte, Momente nachdem sie auf die Frage aller Fragen mit „Ja“ geantwortet hatte. Ihre Freundinnen bewunderten den Verlobungsring und ihr war klar, dass einige neidisch waren; ihr die gute Partie missgönnten.

„Eine angesehene Familie ist das, in die du da einheiratest, mein Kind, eine sehr angesehene Familie“, hatte ihr Onkel Egon stolz verkündet, als sie ihm den Ring zeigte.

Ja, eine angesehene Familie. Mit Stil, mit Tradition, mit Regeln. Die Bemerkungen von Roberts Mutter hatte sie zuerst nicht allzu ernst genommen. Doch dann, vor gut zwei Wochen, hatte sie am Sonntagnachmittag beim Tee erwähnt, dass sie sich nun mit ihrem Doktorvater auf das genaue Thema ihrer Dissertation geeinigt hatte.

Sie sah den Blick, den Roberts Mutter ihm zuwarf. „Aber meine Liebe , wozu das noch? Bald werden deine anderen Pflichten dich vollkommen ausfüllen. Sicher haben Robert und du das bereits abschließend besprochen.“

Sie war sprachlos gewesen. Robert hatte seine Mutter mit unverfänglicher Zustimmung beruhigt. Mehrmals hatte sie danach versucht, mit Robert über das Thema zu sprechen. Immer hatte er abgeblockt, sie vertröstet. Das werde sich schon alles finden, wenn sie erst einmal Mann und Frau seien.

Lange hatte sie mit sich gerungen. Ihr Vertrauen zu Robert hatte den Kampf verloren. Beherzt nahm sie den Ring, ging hinüber zum Fenster und öffnete es. Straßenlärm drang in den sechsten Stock herauf. Sie spürte den Ring in ihrer geschlossenen Hand. Dann holte sie aus. Als sie ihn aus dem Fenster geworfen hatte, ging es ihr besser.

Doch das war erst der Anfang. Sie musste mit Robert sprechen. Sie ging zum Telefon.

Ihre Hand war ruhig, als sie nach dem Hörer griff.

Orient für Anfänger: Eindrücke aus Istanbul

Blick zum Galataviertel

Kurzurlaub Anfang September…

Es ist laut und lärmig, betriebsam, geschäftig, gedrängelt. Eine wundersame Ordnung hält jedoch alles im Fluss.

Düfte und Gerüche überall, bei jedem Schritt ein anderer: Menschen mit und ohne Parfüm, Gewürze, Gebratenes und Gegrilltes, Obst, Tee, Kaffee, Autoabgase, Dreck, der Bosporus.

Große Einkaufsstraßen und steile alte Gassen, prächtige Fassaden neben abbruchreifen Bauten. Leckeres Essen, auch authentisches, es gilt das Sprichwort mit den Römern in Rom. Der türkische Kaffee ein würdiger Abschluss eines jeden Mahls.

Vorsicht, nicht im Wirrwarr des Basars verloren gehen und nicht lauter Dinge kaufen, die du nicht brauchst, obwohl sie schön aussehen oder gut riechen.

Unvertraute und deshalb märchenhafte Geschichte, Paläste aus Tausendundeiner Nacht, bunt, üppig, anders, faszinierend, wunderschön.

vor der MoscheeMein erster Schritt in eine Moschee hinein, mit nackten Füßen, das gefällt mir. Ich spüre eine ehrfürchtige Ruhe in mir, wie auch in großen christlichen Kirchen. Vieles ist hier anders als im Christentum, aber ich sehe auch Ähnlichkeiten – gute wie schlechte.

Was noch? Geschäftstüchtige Schirmverkäufer und Bootsbesitzer; Mengen an gepflegt und gesund wirkenden Straßenkatzen; die freundliche Frau im Bäckerladen, die einmal mehr beweist, dass Sympathie keine Worte braucht.

Gerne komme ich einmal wieder.

Im Treppenhaus

Als sie die alten Holzstufen hochstieg, hörte Eva, wie von außen eine Wohnungstür zugesperrt wurde. Brigitte aus dem zweiten Stock. Eva erkannte alle Nachbarn an den Geräuschen, die sie machten. Brigitte steckte gerade den Schlüsselbund in ihre Jutetasche, als Eva auf dem Treppenabsatz ankam.

„Hallo, Brigitte, wie geht es dir?“

„Eva, hallo! Na, es geht so. Und dir?“

„Gut, danke.“

„Heute ohne Gepäck unterwegs?“

Eva wusste inzwischen, dass Brigitte damit die Vierlinge meinte. „Die Jungs sind beim Fußball und die Mädchen beim Flötenunterricht. Ich hab sie gerade alle hingebracht. Ums Abholen muss ich mich zum Glück nicht kümmern, da nehmen Frau Koch und Frau Hopfengärtner sie mit.“

„Ach, Eva, da hätte ich mir aber mehr von dir erwartet!“

Eva überlegte ehrlich angestrengt, was Brigitte ihr damit sagen wollte, aber ihr fiel nichts ein.

„Du hast keine Ahnung, was ich meine, oder?“

Eva schüttelte den Kopf.

„Die Mädchen beim Flöten, die Jungs beim Fußball! Du presst deine Kinder in ausgediente Rollenklischees, die unsere Gesellschaft schleunigst überwinden muss, wenn sie eine Zukunft haben will!“

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Das hässliche Entlein

Nach einem Märchen von Hans Christian Andersen

„Wie lange muss ich denn noch sitzen?“ dachte die Ente. „Es ist beschwerlich und wird mir lästig. Immer nur still auf einer Stelle, das hält doch keiner aus!“ Da hörte sie ein leises Knacksen, und da, noch eines! Aufgeregt stand sie auf und besah sich die Eier, die sie nun schon so lange bebrütet hatte. Eins nach dem anderen brach auf und heraus kamen lauter Küken, die sogleich begannen zu piepsen. Da war die Freude groß!
Nur ein Ei, das größte von allen, blieb fest verschlossen. Glücklich über ihren hübschen Nachwuchs setzte sich die Entenmutter geduldig auf das letzte Ei. „Sicher wird auch dieses Küken bald schlüpfen und meine Mühe hat ein Ende.“  Weiterlesen

Musik – nicht nur für Männer

Es kommt nicht oft vor, dass ein Lied, das im Radio gedudelt wird, mich anregt, das Album eines Interpreten zu kaufen. Und auch in diesem Fall musste noch eine im wahrsten Sinne des Wortes günstige Gelegenheit dazu kommen. Gelohnt hat es sich sehr.

Die Rede ist von „Music for Men“ von der Band „Gossip“. Die Sängerin überzeugt durch Können und Power. Die zwölf Songs sind eingängig, aber trotzdem bleibt das Ohr erfreut an jedem hängen und langweilt sich nicht. Schon deshalb nicht, weil es keine eine Schublade für die Musik gibt. Ich fühle mich streckenweise an Synthie-Pop aus den 80ern erinnert (auf gute Art und Weise), gleichzeitig fetzen rockige Gitarren. Auch Elemente aus Punk und Soul sind zu finden. Einfach klasse.

Und wenn’s keine Schublade gibt, wird das Teil wohl eine Weile im CD-Player bleiben. Mir soll’s recht sein. 🙂

Kein gutes Ende

Hier ein weiteres Ergebnis einer literarischen Schnitzeljagd. Die Reizwörter waren: infam, Lockvogel, Nebelzeit, schmollen, Rattenschwanz, verschlingen, gurren, üppig, schwänzeln, Prügelknabe, ruppig.

Das kann ja kein gutes Ende nehmen!

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Nichts war mehr wie zuvor. Gerade hatte er seine Frau als Intrigantin bezeichnet, ihre Tat als infam. Sie hatte ihm nicht widersprochen.

Ruhig saß sie ihm gegenüber am gemeinsamen Esstisch. Er erinnerte sich daran, wie sie den Tisch bei einem Antiquitätenhändler entdeckt und einen guten Preis ausgehandelt hatten. Das war lange her.

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Eines Tages…

Frau Kuhnert schaute ihn mit großen Augen an. Ungläubig wanderte ihr Blick von den ungekämmten Haaren und den Bartstoppeln über das zerschlissene T-Shirt, die viel zu kurzen, ausgefransten Jeans bis zu den Socken. Der linke grell orange und links herum, der rechte geringelt und mit einem enormen Loch am großen Zeh.

„Herr Winter! Ist… ist alles in Ordnung?“ Offensichtlich warf sein Anblick sie völlig aus der Bahn. Er strahlte sie an. „In bester Ordnung, Frau Kuhnert, in bester. Ist der Chef da?“ Frau Kuhnerts Kopf nickte. Er gab ihr keine Zeit, ihn anzumelden, sondern steuerte direkt auf die Bürotür zu. Kurz klopfte er, dann trat er ein.

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Ein Blick zurück… Schwimmen auf Noten

Zur Abwechslung hier eine Anekdote aus meiner Schulzeit. Achtung: Diese Geschichte ist wahr! 🙂

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Mit zittrigen Knien, einem Knoten im Magen und bibbernd vor Kälte stand ich auf dem Startblock des Schwimmbeckens meiner Schule. Nichts fürchtete ich so sehr wie den Startpfiff – und gleichzeitig sehnte ich ihn herbei. Wenn doch nur schon alles vorbei wäre…

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Wenn der Tod eine Geschichte erzählt

Liesel Meminger ist neun Jahre alt, als ihre Mutter sie zu Pflegeeltern gibt. In Nazi-Deutschland 1939 fürchtet Liesels Mutter, ins Konzentrationslager deportiert zu werden. Liesel lebt fortan bei den Hubermanns in Molching nahe München. Dort erwarten sie harte Arbeit, viele Watschen und dünne Erbsensuppe; aber auch liebevolle Fürsorge, nächtliche Unterrichtsstunden im Lesen und ein schicksalhaftes Akkordeon. Ebenso treten auf: ein Jude im Keller, ein verliebter bester Freund  und diverse Bücher, die den Besitzer wechseln.

In seinem Buch „The Book Thief“ lässt Markus Zusak den Tod höchstpersönlich die Geschichte der Bücherdiebin Liesel erzählen. Das Beeindruckende an diesem Buch ist nicht, dass man Liesel liebgewinnt und mit ihr hofft und bangt.  Und auch nicht, dass man – einmal mehr – die Verbrechen der Nazis und Mitläufer aus ganzem Herzen verabscheut. Mich hat an diesem Buch am meisten der Tod als erzählende Person beeindruckt.

Der Tod kommt und holt die Seelen – wenn ihre Zeit gekommen ist. Er ist unausweichlich, aber nicht hinterhältig. Den Krieg bezeichnet er als ungnädigen Chef, der ihm immer noch mehr Leistung abverlangt. Und diese Leistung erbringt der Tod, aber ohne Freude oder Genugtuung.

Zu mir nach Haus zum Tee hätte ich den Tod nun nicht gleich einladen wollen, aber gerne hätte ich mich mit ihm unterhalten. Hätte seine Meinung zu einigen Dingen erfahren wollen. Ich bin neugierig auf ihn geworden.

Sterben will ich natürlich noch lange nicht. Aber vielleicht wird es so sein, dass meine Seele dem Tod eines Tages aufrecht und unerschrocken begegnet – so wie auch einige der Seelen im Buch.

Der grüne Kobold

„Komm mit mir zum verwunschenen Turm!“ sagte der grüne Kobold. Dabei hüpfte er von einem Bein aufs andere und strahlte bis über beide Ohren. Wie sollte ich da Nein sagen? Langsam folgte ich ihm, als er auf dem weichen Waldboden vor mir her stolzierte. Der Duft der Tannen beruhigte mich. Durch die Baumkronen fiel Sonnenlicht, das mich blinzeln ließ. Beinahe hätte ich die Ameisenstraße übersehen,  die unseren Weg kreuzte. Im letzten Moment warnte mich mein kleiner grüner Freund und ich machte einen respektvoll großen Schritt über die unzähligen Insekten hinweg.

 „Die können ziemlich ungemütlich werden, wenn man nicht Acht gibt“, gab der Kobold sein fachmännisches Urteil ab. Beschwingt ging er weiter vor mir her. „Wie weit ist der Weg zum Turm?“ hörte ich mich fragen. „Dauert es noch lange?“
Der Kobold blieb stehen und drehte sich zu mir um. Sein Lächeln ließ mein Blut in den Adern stocken. „Solange eine Wanderung in der Parallelwelt eben dauert.“

In diesem Moment ging das Licht aus, wie bei einer Stromabschaltung. Dunkelheit und Stille. Dann ein fahles weißes Licht. Ich öffnete die Augen und sah zwei Frauen in weißen Kleidern. Sie standen mit dem Rücken zu mir und unterhielten sich, während sie mit den Händen irgendetwas ordneten.  Die eine sagte: „Und sie hier, weiß sie schon, dass keiner aus ihrer Familie überlebt hat?“ „Nein“, antwortete die andere. „Sie war bisher noch nicht lange genug bei Bewusstsein.“ „Die Ärmste. Ich weiß ja nicht, wie ich so was verkraften würde.“

Ich schloss die Augen wieder und hoffte inständig, dass der Kobold auf mich gewartet hatte.