Vor dem Aufprall (Teil 1)

Nach der Veröffentlichungsflaute der letzten Monate freue ich mich besonders, wieder einmal ein längeres Werk zu posten. Vorgesehen sind sieben Teile, hier kommt der erste.

 

Vor dem Aufprall (Teil 1)

Ich habe nie geglaubt, dass kurz vor dem Tod das vergangene Leben an einem vorbei zieht wie im Film. Und nun stelle ich fest, dass es tatsächlich nicht so ist. Während ich aus dem sechsten Stock in die Tiefe falle, sehe ich nur eines: Bens Gesicht. Aber nicht, wie ich es zuletzt vor mir hatte – verletzt, wütend, aufgebracht – nein, ich sehe es lächelnd, glücklich, liebevoll.

Bevor alles seinen Gang nimmt, bevor Notarzt und Polizei kommen und mich abtransportieren, bevor die Schaulustigen nach Hause geschickt werden und die Ermittlungen beginnen, bevor die Münchner Klatschblätter über den tragischen Tod oder mutmaßlichen Mord an einer jungen, alleinstehenden Frau berichten, will ich erzählen, wie es dazu kam, dass ich in dieser schwülen Julinacht von meinem Balkon stürzte.

*

Die Geschichte beginnt vor zwei Jahren. Ich war 29, hatte einen guten Job als Designerin bei Kirchner & Mack, einer bekannten Werbeagentur in München, und lebte mit meinem Freund Erik in einer gemeinsamen Wohnung.

Bei einer Studentenparty hatten wir uns einige Jahre zuvor kennen gelernt. Erik schwärmte für mein langes rotes Haar und meinen hellen Teint, nannte mich seine Elfe, seine Zauberfee. Er studierte Medizin und wollte Chirurg werden. Ich verliebte mich in den Heiler, der mit seinen Händen später einmal Menschenleben retten würde.

Nach wenigen Monaten zogen wir in eine winzige Zweizimmerwohnung im Souterrain eines kaum gepflegten Wohnblocks. Uns störten weder die Graffitis im Aufzug noch die schimmligen Ecken im Bad. Wir waren uns selbst genug. Nachdem ich mein Designstudium abgeschlossen und die Stelle bei Kirchner & Mack ergattert hatte, leisteten wir uns eine annehmlichere Wohnung in der Nähe der Klinik, in der Erik seine Facharztausbildung absolvierte.

Ich liebte meinen Job in der Werbeagentur. Endlich konnte ich mich in der wirklichen Welt beweisen. Meine Einfälle begeisterten das Team und die Geschäftsführung, meiner Kreativität wurden kaum Grenzen gesetzt. Mit den Kollegen verstand ich mich gut, besonders mit Tanja. Sie arbeitete im Layout und war kurz zuvor von Norddeutschland nach München gezogen. Ich mochte ihre lockere und anpackende Art. Sie sagte immer, das Leben sei ein Spiel, das nur der gewinnen könne, der volles Risiko einginge. Nach der Arbeit gingen wir oft zusammen etwas trinken und ich lud sie ein, am Wochenende mit Erik, mir und unseren Freunden auszugehen. Tanja verstand sich auf Anhieb mit allen gut, auch mit Erik. Ich weiß nicht, warum ich nicht eher stutzig wurde.

Eines Abends kam ich früher als geplant aus dem Fitness-Studio; erschöpft von einem stressigen Tag hatte ich mein Trainingsprogramm verkürzt. Gleich nachdem ich die Wohnung betrat, hörte ich die Laute aus dem Schlafzimmer. Mein Magen verkrampfte sich und wurde schwer, als hätte jemand einen Klumpen Blei hinein gelegt. Ich ging den Flur entlang zur Schlafzimmertür, mit jedem Schritt wurde der Bleiklumpen größer. Vorsichtig drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür. Es war widerwärtig: Erik und Tanja in unserem Bett. Erst, als ich fragend Eriks Namen sagte, bemerkten sie mich. Erik sah mich an wie ein kleiner Junge, der bei einem Streich erwischt worden war. Und Tanja – ich denke, es blitzte ein Funken Triumph in Tanjas Augen. Erik begann: „Janine, lass mich erklären.“

Ich brauchte keine Erklärung. Ich floh aus der Wohnung, lief zu meinem Wagen, fuhr ziellos durch die Stadt und schließlich zu meinen Eltern. Dort kam ich unter, ohne viel erklären zu müssen. Erik rief zwölfmal an dem Abend auf meinem Mobiltelefon an. Ich stellte den Apparat auf stumm. Ich war wie erfroren, empfand nichts.

Als ich sicher sein konnte, dass Erik in der Klinik war, fuhr ich am nächsten Tag mit meinem Vater in die Wohnung. Wir packten meine Bücher, Kleidung, Schuhe und Kosmetik in vier Umzugskartons. Alles, was Erik und ich gemeinsam gekauft hatten; Geschirr, Möbel, Bilder, ließ ich zurück. Ich wollte nichts davon.

In der Agentur meldete ich mich krank. Nach ein paar Tagen verabredete ich mich mit meiner Chefin zum Mittagessen und kündigte fristlos. Ich nannte private Gründe. Sie war bestürzt, bat mich dringend, es mir noch einmal zu überlegen, ich hätte doch so viel Talent und Engagement bewiesen. Ich versicherte ihr, dass ich außer Stande sei, weiter bei Kirchner & Mack zu arbeiten. Meine Bitte, spätabends meine persönlichen Sachen aus der Firma holen zu dürfen, kam ihr merkwürdig vor, aber sie ließ sich darauf ein. Sie setzte sogar durch, dass ich eine kleine Abfindung bekam.

Ich sah Tanja und Erik nie wieder. Nein, das stimmt nicht ganz. Vor etwa sechs Monaten kam mir Erik in der Kaufingerstraße entgegen, Arm in Arm mit einer hochschwangeren Frau. Es war nicht Tanja. Er bemerkte mich nicht und ich drehte mich weg.

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