Maskentag

Es ist ein Tag wie jeder andere. Ich komme ins Büro. Kaum habe ich mich gesetzt, lehnt sich Lukas mit der Hüfte gegen meinen Schreibtisch. Unverschämt wie immer glotzt er mir ins Dekolleté.

„Na, wie geht’s, Kollegin? Ist doch toll, dass es jetzt wieder wärmer wird, oder?“

Ich setze zu einem gequältem Lächeln und einer höflich-lahmen Antwort an, wie üblich. Da wird mir schlagartig klar: Heute ist der Tag, an dem ich die Maske absetzen werde!

„Du notgeiler Hirsch, hör sofort auf, mir auf die Brust zu starren! Denkst du, ich merke das nicht? Du widerst mich an!“

Ich warte Lukas‘ Reaktion nicht ab. Schnurstracks gehe ich zwei Tische weiter zu Hilde. Hilde, die so fantastisch gut backt. Deren Kinder, Enkel, Nichten, Neffen und Cousinen sich jedes Wochenende darum schlagen, von Hilde zu Kaffee und Kuchen eingeladen zu werden. Niemalsnicht bleibt auch nur ein Krümelchen übrig. Hilde schaut vom Monitor auf.

„Hilde, dein Rezept für die Schwarzwälder Gewürzdonauwellen habe ich neulich ausprobiert. Das pappige Zeug wollte noch nicht mal der streunende Hund in meiner Straße! Da kauf ich lieber Kekse bei Aldi!“

Auch Hilde bekommt keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Mit großen Schritten erreiche ich den Viererblock unserer Informatiker. Sie nennen sich die „Musketiere der Systemarchitektur“. Überraschenderweise sind sie alle schon da, normalerweise kommen sie nicht vor zehn.

„Hey, ihr Helden der Arbeit! Wisst ihr eigentlich, wie sehr mich eure Arroganz ankotzt? Ihr haltet euch für Nobelpreiskandidaten, dabei seid ihr nur traurige Sesselfurzer!“

Ich werfe meinen Kopf zurück und lache schallend. Ich bin zum Amokläufer geworden. Die schonungslose Wahrheit ist meine Waffe, mein Opfer ist der Selbstbetrug.

Es ist klar, wohin mein Weg mich als nächstes führt. Die Tür zum Büro meiner Chefin steht offen. Sie hat die Beine auf ihren Schreibtisch gelegt und blättert im Manager Magazin. Sie schenkt mir ihr süßliches Guten-Morgen-bitte-gehen-Sie-schnell-wieder-Lächeln.

Breitbeinig stelle ich mich vor sie, die Hände in die Hüften gestemmt. „Nur damit Sie’s wissen! Ich habe erfahren, dass Sie die Lorbeeren für meinen Bericht letzte Woche allein für sich eingeheimst haben! Das lasse ich mir nicht länger bieten! Ich habe später einen Termin beim Bereichsleiter!“

Meine Chefin will antworten, sie öffnet den Mund und … klingelt. Sie klingelt. Woher kenne ich dieses Klingeln? Ich bin nassgeschwitzt. Liege im Bett. Drehe mich um. Erreiche endlich den Wecker und schalte ihn aus. Ich bin hellwach.

Ist heute der Tag, an dem ich die Maske absetzen werde?

3 Antworten zu “Maskentag

  1. Ich sehe folgende Möglichkeiten:
    – man traut sich ja doch wieder nicht
    – irgendwann sagt man es genau so und zieht Konsequenzen
    – man wird zum Amokläufer

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