Monatsarchiv: Februar 2018

Brockhaus der Woche (09/2018)

Auf der Doppelseite 360/361 in Band 6 finden sich folgende Einträge:

Idealismus der, versch. philosoph. Grundpositionen: 1) die Lehre, dass es rein geistiges Sein gibt, entweder als das einzig Wirkliche, sodass Stoff und Materie nur abgeleitetes Sein darstellen, oder neben dem Stofflichen, dann aber diesem übergeordnet und es gestaltend. Der Begründer dieses metaphys. I. ist Platon […]; 2) die Lehre, dass die erscheinende Wirklichkeit nicht unabhängig von der geistigen Leistung des erkennenden Subjekts ist oder existiert. Auch dieser erkenntnistheoret. I. ist mannigfach aufgetreten […]; 3) als eth. I. eine Position, der im Ggs. zum eth. Materialismus nicht die Befriedigung materieller Bedürfnisse, sondern die „geistigen“ Werte („Würde“, „Freiheit“, „Einsicht“) als entscheidend für ein Werturteil gelten.

Ideologie [grch.] die, […] Vorstellungen zur Interpretation der Welt in einer von Interessen geleiteten und damit verfälschenden Sichtweise […]. Im marxist. Verständnis dient I. der Aneignung der Welt, der Vermittlung der herrschenden Weltsicht, kann dabei aber dem Geschichtsverlauf gegenüber einen retardierenden (reaktionären) Charakter („falsches Bewusstsein“) annehmen. Die rationalist. I.-Kritik nimmt den wiss. Fortschritt zum Maßstab und sieht im bewussten Einsetzen von I. ein Mittel zur Herrschaftserhaltung. […]

Ideologisierung die, Abkehr von einer um Objektivität und krit. Sachbezogenheit bemühten Denk- und Handlungsweise zugunsten einer als ausschl. Maßstab angenommenen ideolog. Position, v.a. im gesellschaftlich-polit. Feld.

Idiolatrie [grch.] die, Selbstvergötterung.

Idiosynkrasie [grch. „eigentüml. Mischung“] die, 1) Medizin: anlagebedingte Überempfindlichkeit, eine Form der Allergie.
2) Psychologie: hochgradige Abneigung oder Überempfindlichkeit gegenüber Personen, Tieren, Gegenständen, Anschauungen u.a.

Blättert man um auf Seite 362, ist der erste Eintrag:

Idiotie [grch.] die, (Idiotismus), angeborener oder durch frühkindl. Gehirnschädigung erworbener höchster Grad des Schwachsinns. Es besteht Bildungsunfähigkeit.

Große Ausbeute auf kleinem Raum.

 

Die Wahrsagung

Komm, sagte er.

Bist du sicher, fragte sie.

Na, komm schon, sagte er.

Kichernd und händchenhaltend betraten die beiden das Jahrmarktszelt. „Lady Lavinia – Wahrsagungen und Horoskope“ stand auf dem Schild neben dem Eingang. Drinnen sah es aus wie in einem Liebesnest. Schummriges Licht von Öllampen und Kerzen, schwere brokatverzierte Vorhänge an den Wänden, auf dem Boden dicht gewebte Teppiche und ein Dutzend großer bunt bestickter Kissen.

Nehmt Platz, wies Lady Lavinia mit dunkler voller Stimme an. Sie saß hinter einem kleinen runden Holztisch, davor zwei Stühle. Auf dem Tisch: eine Glaskugel.

Die beiden setzten sich.

Er holte Luft, um etwas zu sagen, doch Lady Lavinia hob die Hand und dabei klimperten die Steine ihrer übergroßen Ohrringe. Nur ich werde sprechen, sagte sie. Ich brauche keine Fragen für meine Antworten.

Lady Lavinia beugte sich tief über die Glaskugel. Mehrere Minuten starrte sie darauf, ohne ein Wort zu sagen. Auch die beiden blieben still.

Da brat mir doch einer einen Rattenschwanz, murmelte Lady Lavinia endlich. Sie sah von ihrer Glaskugel auf. Über ihren Tränensäcken leuchteten klare blaue Augen. Ein Lächeln umspielte ihre dick geschminkten Lippen, bevor Lady Lavinia den beiden wahrsagte.

Draußen, dem Zelt gegenüber, summte der Drehorgelmann leise die Melodie seiner Orgel mit. Der Drehorgelmann sah, wie der schwere Vorhang des Zelteingangs von innen hochgerissen wurde. Heraus stürzte ein junger Mann, noch keine 20 Jahre alt, leichenblass, mit keuchendem Atem und lodernden Augen. Kopflos rannte er davon.

Ein, zwei Augenblicke später trat eine junge Frau aus dem Zelt. Sie wirkte ruhig, gefasst. Als sie gleichmäßigen Schrittes in die andere Richtung ging, fiel ein Sonnenstrahl auf ihr langes Haar und ließ es rostrot leuchten.

Brockhaus der Woche (08/2018)

Der Brockhaus weiß auch über scheinbar triviale Dinge Interessantes zu berichten. Beispielsweise über die Haartracht.

Haartracht (Frisur), die Art, in der das Haupthaar oder sein Ersatz getragen wird.
Assyrer und Perser salbten und kräuselten ihr Haar oder trugen wie die vornehmen Ägypter große Perücken. Bei den Griechen gingen die Männer im 5. Jh. v. Chr. zum kurzen Haarschnitt über; die Frauen kannten kunstvolle H. Die Römer trugen bis um 300 v. Chr. langes, danach geschorenes und gesalbtes Haar. Bei den Kelten galt ebenso wie bei den Germanen langes Haar als ein Zeichen männl. Würde und Freiheit. Die Gallier banden das Haar am Hinterkopf zusammen, die meisten Germanen ließen es frei herabwallen, nur die Karolinger (Franken) trugen kurz geschorenes Haar. Im MA trugen die Männer bis ins 14. Jh. langes, gelocktes, zunächst bis auf die Schultern fallendes, dann etwas kürzeres Haar; die Jungfrauen ließen es offen oder zu Zöpfen geflochten herabhängen, verheiratete Frauen verbargen es unter Kopftuch oder Haube. Im 15. und 16. Jh. trugen die Männer meist kurz geschorenes Haar. Bei den Frauen-H. des 15. Jh. war für Dtl. der breite, um den Kopf gelegte Zopf kennzeichnend. In der 1. Hälfte des 16. Jh. hielten die Frauen das Haar am Hinterkopf mit der Netzhaube zusammen; in Dtl. war daneben auch ein Hängezopf üblich. Zu Anfang des 17. Jh. kam für die Männer wieder lang herabfallendes, gelocktes Haar auf. In der 1. Hälfte des 18. Jh. trugen die Frauen eine flachere und schlichtere Frisur, die um 1770 zu einem hohen, gepuderten Aufbau anwuchs. Die Frz. Revolution beseitigte Perücke, Puder, Haarbeutel und Zopf; die Frauen trugen halb offenes, gelocktes Haar, die Männer zunächst langes, dann im 19. Jh. kurz geschorenes Haar mit unterschiedl. Schnitt. In der Zeit des Klassizismus (Biedermeier) folgten grch. Knoten, Tituskopf und Chignon. Im 19. Jh. entstanden schnell wechselnde flache oder hochgetürmte Locken- oder Zopftrachten, z.T. unter freier Benutzung geschichtl. H. 1872 wurde die Ondulations-, 1901 die Dauerwelle erfunden. Nach 1920 kam kurz geschnittenes Haar (Bubi-, Pagenkopf, Herrenschnitt) allg. in Mode. Seit den 1950er-Jahren ist der Wechsel der Haarmode bei Jugendlichen bes. auffallend; oftmals von Musikstars (z.B. E. Presley, The Beatles) kreiert, fanden diese Frisuren, zunächst schichtenspezifisch als zur Schau getragene gesellschaftliche Überzeugung („Langhaarige“) und dann als sog. Look allg. Verbreitung. Hippiebewegung und Studentenrevolte förderten mit langen, oft betont ungepflegten Haaren bei der Jugend eine weit verbreitete Antimode, der erst Ende der 1970er-Jahre von schockierenden Punkfrisuren (grellbunte Haarfarben, Irokesenschnitt) bis hin zur „Skinhead“-Glatze eine neue Ausrichtung gegeben wurde.

Brockhaus der Woche (07/2018)

Heute: „G“ wie Geister.

Geister, selbstständige numinose Wesen im Glauben vieler Religionen, den Zwischenbereich zw. Göttern und Menschen bildend (Dämonen, Engel). Sie werden als immateriell vorgestellt, können jedoch im Volksglauben als Hauchwesen, in menschl. oder tier. Gestalt (z.B. Alb), als Fabelwesen (z.B. Riese, Zwerg, Nixe) oder als Gegenstand sichtbar werden. Die Macht der G. ist auf einen speziellen Bereich beschränkt, sie bewohnen z.B. ein Gebäude (Haus-G., z.B. Kobolde, Trolle), Gewässer (z.B. Nixen, Quellnymphen), Moore, Berge, Wälder oder können Elemente (Feuer-G., Wasser-G., Erd-G., z.B. Gnomen, Wind-G.) oder Naturerscheinungen (Wolken-G.) repräsentieren. Toten- oder Ahnen-G. gelten als Teil des Menschen, der den Tod überdauern, mit den Hinterbliebenen in Verbindung stehen und Einfluss auf deren Wohlergehen oder Unglück nehmen kann. Die G. erscheinen meist in einsamen, schwer zugängl. Gebieten (z.B. Rübezahl im Gebirge, die arab. Djinn in der Wüste) und treten den Menschen als Schutz- oder Plage-G. gegenüber. In der Religionswissenschaft wird der G.-Glaube (Dämonismus, Animismus) als eine primitive Stufe religiöser Verehrung angesehen, die dem Aufkommen einer (personalen) Gottesverehrung vorausgeht. […]

Und da sag noch einer, es gebe keine Geister!

Ein Geistchen ist übrigens nicht das Kind von Mama und Papa Geist, sondern:
Geistchen (Orneodidae), Schmetterlingsfamilie mit rd. 100 Arten mit tief geschlitzten Flügeln.

Geistchen

Geistchen

Brockhaus der Woche (06/2018)

Egal, ob man selber mitmacht oder nicht: Jetzt erreicht er seinen Höhepunkt, der diesjährige Fasching.

Fasching [mhd. vaschanc „Ausschank des Fastentrunks“], => Fastnacht.

Fastnacht [zu ahd. fasta „Fasten(zeit)“ und naht „Vorabend“], urspr. der Abend vor der Fastenzeit, seit dem 15./16. Jh. v.a. die letzten drei Tage, auch die vorhergehende Woche, seit dem 19 Jh. meist die vom Dreikönigstag bis Aschermittwoch dauernde Zeit des Frohsinns, verbunden mit Tanzveranstaltungen, Maskeraden u.a. Vergnügungen, mit Höhepunkt und Ende am F.-Dienstag. […] Die F.-Bräuche des MA. sind bes. gut in den Städten fassbar und hier wesentlich von Erscheinungsformen des öffentl. Festwesens geprägt. Bis ins 14. Jh. dominieren zur F. Reiterspiele der Patrizier, dann entwickelt sich ein vielgestaltiges Maskenbrauchtum (z.B. Schembartlaufen in Nürnberg). Den vielfach groben und exzessiven Brauchhandlugen des Spät-MA. folgen im 16. Jh. neue Schau- und Vorführbräuche der Handwerker. In der Barockzeit blühte die F. als prunkvolles Kostümfest an den Fürstenhöfen und beeinflusste mit ihren motiv. Ausformungen die bürgerl. F. der Städte bis ins 19. Jh. Wichtige Einflüsse auf die künstler. Ausgestaltung kamen seit etwa 1700 aus Italien. […] Vielfach wurde in der Geschichte die „Ventilfunktion“ der F. bedeutsam, etwa im satirisch gewendeten Widerstand gegen kirchl. Institutionen seit dem 15. Jh. oder gegen die frz. Besatzung im Rheinland Anfang des 19. Jh., wovon sich v.a. in Rosenmontagsumzügen (zuerst 1823 in Köln durchgeführt) zeitkrit. Elemente erhalten haben.

Wortkonstellationen – inspiriert von Eugen Gomringers „avenidas“

Sexistische Anklänge konnte ich in Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ nicht entdecken, als ich es vorletztes Jahr in der Sommerschreibwerkstatt als formale Inspiration zu eigener Konkreter Poesie erhielt. Und ich kann es auch jetzt nicht, trotz der aktuellen Aufregung. Es freut mich, dass „avenidas“ nun wohl einen neuen Platz in Gomringers Heimatort Rehau bekommen wird.

Hier sind meine Wortkonstellationen, inspiriert von „avenidas“.

Krankheit
Krankheit
Krankheit und Hoffen

Hoffen
Hoffen und Wissen

Krankheit
Krankheit und Wissen

Krankheit und Hoffen und Wissen und
Abschied

 

Umziehen
Umziehen
Umziehen ist Veränderung

Veränderung
Veränderung ist Anstrengung

Umziehen
Umziehen ist Anstrengung

Umziehen ist Veränderung ist Anstrengung ist
ein Neuanfang

Brockhaus der Woche (05/2018)

Beim Buchstaben „E“ fällt die Wahl auf meine Heimatstadt.

Erlangen, kreisfreie Stadt und Verw.sitz des Landkreises E.-Höchstadt in Mittelfranken, Bayern, an der Regnitz, 101400 Ew.; Universität E.-Nürnberg, Landesanstalt für Bienenzucht (Imkerei bereits 1002 erwähnt), Theater, Stadtmuseum, Gemäldegalerie; elektrotechn., feinmechan., Maschinen-, Textil-, Papierindustrie. Hafen am Rhein-Main-Donau-Großschifffahrtsweg. – Barockbauten prägen (auch in der durch Brand 1706 zerstörten Altstadt) das Stadtbild; Schloss mit Schlossgarten (Orangerie, Hugenottenbrunnen), Markgrafentheater (1715-19), zahlreiche Kirchen, Rathaus und ehem. Ritterakademie. – 1002 erstmals erwähnt; 1361 von Kaiser Karl IV. erworben, danach Bau der Altstadt; 1398 Stadtrechtsbestätigung, kam 1402 an die Burggrafen von Nürnberg, in der Folge an die Markgrafen von Kulmbach-Bayreuth, die 1686 für hugenott. Glaubensflüchtlinge die Neustadt mit rechtwinkligem Straßennetz und 1743 die Univ. gründeten, 1791 an Preußen, 1810 an Bayern.

Im 17. Jahrhundert wurden für Flüchtlinge also noch komplett neue Stadtteile gegründet…
Die Landesanstalt für Bienenzucht wurde 2003 übrigens nach Veitshöchheim verlegt.

Manchem mag all das zwar ersprießlich, doch auch ereignisarm und ermüdend vorkommen. Für mich ist Erlangen die Insel der Glückseligen, ein Elysium für die Lebenden.

Elysium (grch. Elysion, elysische Gefilde), grch. Mythos: die Inseln der Seligen am Westrand der Erde, wohin auserwählte Helden und die Söhne der Götter versetzt werden, ohne den Tod zu erleiden. Im Ggs. zu den Schatten im Hades behielten sie hier ihre menschl. Natur und gingen ihren Interessen nach. Später bildete sich der Glaube aus, dass die Frommen und Gerechten nach ihrem Tod in das E. versetzt werden, das nun als Teil des Totenreichs gedacht wurde.