Monatsarchiv: Februar 2021

Autorin der Woche (08/2021)

Minna Rytisalo, geboren 1974, ist Lappländerin, arbeitet als Finnischlehrerin und hat 2016 ihren Debütroman „Lempi, das heißt Liebe“ veröffentlicht. Die Geschichte spielt in Lappland während des zweiten Weltkriegs. Die Nationalsozialisten sind Waffenbrüder der Finnen und beschützen Lappland vor den begehrlichen russischen Truppen.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist eine junge Frau, Lempi, die Titelfigur – dabei kommt sie selbst gar nicht zu Wort. Wir sehen Lempi nur durch die Augen anderer. Als erstes spricht Viljami, Lempis Ehemann, der nach nur einem gemeinsamen Sommer in den Krieg ziehen muss. Er liebt Lempi hingebungsvoll, sie bedeutet ihm alles. Ganz anders ist der Blick der Magd Elli, die nichts Gutes an Lempi finden kann und insgeheim neidisch auf Lempis und Viljamis Glück ist. Im dritten Teil des Buches kommt Sisko zu Wort, Lempis Zwillingsschwester. Wir erfahren von der engen Bindung der beiden Schwestern und wie diese sich durch die Geschehnisse löst… Jede der drei Erzählerstimmen zeigt uns eine andere Lempi. Wer ist Lempi nun wirklich? Sie bleibt rätselhaft. Die Lesenden entscheiden, wie sie die sichtbaren Teile des Puzzles zusammensetzen.

Und im echten Leben ist es doch ebenso. Jeder Mensch sieht von einem anderen immer nur einen Teil, niemand kennt einen anderen ganz. Das mag zu Unsicherheiten und Schwierigkeiten führen, birgt aber gleichzeitig die Chance für Entfaltung und positive Überraschungen.

Autorin der Woche (07/2021)

Chimamanda Ngozie Adichie zählt zu den arrivierten Schriftstellerinnen Afrikas. Geboren wurde sie 1977 in Nigeria, wuchs in der akademischen Mittelklasse auf, studierte erst in Nigeria, danach in den USA. Heute pendelt sie zwischen ihrem Heimatland und den Staaten. Diese sehr unterschiedlichen Settings wählt Adichie auch für ihren Roman „Americanah“ (erschienen 2013). Dazu ein knapp 10-minütiges Interview aus dem schwedischen Fernsehen:

Adichies Geschichten helfen, die Mechanismen und Konsequenzen von Stereotypen zu verstehen und (versteckten) Rassismus besser zu durchschauen. Sie ist eine inspirierende Frau mit Botschaft, Charisma und Impact – und so ist die Liste ihrer Auszeichnungen zurecht sehr lang.

Autorin der Woche (06/2021)

Koleka Putuma ist eine junge (*1993) südafrikanische Lyrikerin, Dramatikerin und Spoken-Word-Künstlerin. Ihr Vater ist Pastor, sie ist homosexuell, ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie kennt die Auswirkungen von patriarchalem Christentum und andauerndem Rassismus.

In ihrem Gedichtband „Collective Amnesia“ (dt. Kollektive Amnesie) findet Koleka Putuma starke und schonungslose Worte, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Viel Wut ist in ihren Texten zu spüren; und Wut birgt Energie; und nur mit viel Energie lässt sich die Welt verändern.

Von ihrem bekanntesten Gedicht „Water“ findet sich auf YouTube eine beeindruckende Live-Performance:

Karnevalsabend

Ein wenig verloren fühlt sie sich. In ihrem improvisierten Rotkäppchenkostüm kommt sie sich beinahe schäbig vor. Erstaunlich, dass sich die Kollegen beim Firmenkarneval so in Schale werfen! Nach fünf Wochen kennt sie noch kaum jemanden. Mit Herrn Schwab aus der Personalabteilung hat sie vorhin angestoßen, er ist heute ein tintenblauer Krake. Mit Frau Lehmann aus der Buchhaltung hat sie kurz geplaudert, die ist als Catwoman gekommen. Dann kam ein Kollege dazu, dessen Namen sie nicht weiß, gut gebaut, im Tarzan-Dress. Sein Blick klebte an Frau Lehmann und er forderte sie auf, ihm in den Dschungel – also auf die Tanzfläche – zu folgen. Willig ging Frau Lehmann mit und ließ sie stehen.

Unsicher tappt sie von einem Fuß auf den anderen, hält sich an ihrem leeren Sektglas fest. Von den Kollegen aus ihrem eigenen Team hat sie noch keinen entdeckt. Als die Band nach einer Polonaise eine kurze Pause ankündigt, schaut sie auf die Uhr und will schon gehen, da kommt er direkt auf sie zu. Bleibt vor ihr stehen, hebt leicht seinen Zylinder zum Gruß und schenkt ihr ein Lächeln und ein Augenzwinkern. Schick sieht er aus, in seinem Smoking und dem blütenweißen Hemd. „Gestatten, die Dame, darf ich Sie zu einem Glas Bowle einladen?“ Seine grünen Augen leuchten und ihr Herz macht einen Hüpfer. Ihr fehlen die Worte, sie nickt nur, er bietet seine Armbeuge an und sie hakt sich unter. Sie trinken mehr als ein Glas Bowle an diesem Abend und sie lachen und sie tanzen, bis die Band die Instrumente einpackt.

Sie kann an diesem Abend nicht ahnen, dass er drei Monate später ohne das Wissen seines Arztes die Medikamente absetzen wird. Sie ahnt noch nicht einmal, dass er in Behandlung ist. Sie wird nicht verstehen, wie es kommt, dass er eines Abends unvermittelt von der Couch aufspringen und zeternd durch ihre Wohnung laufen wird. „Teufelswerk, Teufelswerk“, wird er rufen. „Stell dich nicht so an, sei nicht so zimperlich, Teufelswerk, stell dich nicht so an, Kröte, Kröte, Teufelswerk!“ Er wird nicht aufhören zu rufen und herumzulaufen. Er wird die Balkontür öffnen, sie wird ihm folgen, er wird sich in eine Ecke des Balkons kauern, wird dann nur noch schluchzen und zuletzt leise fiepen wie eine verängstigte Maus.

„Was ist mit dir? Lass mich dir helfen!“ wird sie mit zittriger Stimme sagen. Er wird die Augen weit aufreißen, in Panik, in Todesangst. Sie wird ihm die Hand reichen wollen, er wird sie zurückstoßen, sie wird taumeln, er wird aufstehen, auf das Balkongeländer klettern und springen.

Nein, all das kann sie nicht ahnen, als er sie am Karnevalsabend mit seinen leuchtenden grünen Augen auf ein Glas Bowle einlädt.

Autorin der Woche (05/2021)

Eine zweite große kanadische Literatin ist Margaret Atwood. Geboren 1939 in Ottawa, verbringt sie die ersten sieben Lebensjahre in der Abgeschiedenheit einer Forschungsstation in den Wäldern Québecs – der Vater ist Insektenforscher. Die Einschulung und das Stadtleben in Toronto sind für Margaret ein Schock. Vielleicht ist diese Erfahrung des extremen Wechsels von Lebenswelten die Grundlage für Margaret Atwoods „Speculative Fiction“ (Werken also, die sich mit dem Denkbaren unter Anwendung von zur Verfügung stehenden Mitteln auseinandersetzen).

Besonders bekannt ist der 1985 erschienene Roman „Report der Magd“ (engl. The Handmaid‘s Tale). Eine fesselnde Dystopie, in der nach einer atomaren Verseuchung der USA ein Großteil der Bevölkerung unfruchtbar ist. Nach der gewaltsamen Machtübernahme durch christliche Fundamentalisten wird die Verfassung außer Kraft gesetzt. Frauen werden entrechtet; sie dürfen nicht mehr arbeiten und kein Eigentum besitzen. Sie werden streng in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Mägde sind junge, gesunde Frauen, die als fruchtbar eingeschätzt werden. Sie werden einem Haushalt zugewiesen und sollen dort für Nachwuchs sorgen. Der regelmäßige Geschlechtsverkehr mit dem Hausherrn findet selbstverständlich im Beisein der Ehefrau statt und dient ausschließlich dem Zweck der Empfängnis. Kann eine Magd ihre Aufgabe als Gebärmaschine nicht erfüllen, droht die Abschiebung in die verseuchten Kolonien.

Eine erschreckende Wirklichkeit, die erschreckend vorstellbar ist und uns zeigt: Freiheit und Selbstbestimmung sind nie eine Selbstverständlichkeit, wir müssen sie bewahren und um sie kämpfen, sobald sie bedroht werden.