Der Wasserkobold im Brunnen

Auf dem Altstädter Kirchenplatz in Erlangen steht ein Brunnen, der ist hübsch anzusehen: ein steinernes Becken, kreisrund, das flache Wasser grün von Moos, auf einem schalenförmigen Podest eine Bronzefigur, der Fischerknabe mit Hecht. Furchtlos ringt der Knabe den Hecht nieder, derweil aus dessen Maul klares Wasser sprudelt. Rings um den Brunnen laden Sitzbänke ein zur Rast, vielleicht auf einen Plausch mit Freunden oder Nachbarn, insbesondere bei Sonnenschein. Des Nachts treffen sich die Liebespaare, sitzen eng umschlungen und geloben gegenseitige Ergebenheit.

Doch vor ein paar Monaten, am Tag nach der Frühlingstagundnachtgleiche, da passierte etwas Außergewöhnliches. Der Wasserkobold Paul kam an den Brunnen und beschloss kurzerhand, ihn zu seinem neuen Heim zu machen. Außergewöhnlich ist das in der Tat, denn wie jeder weiß, leben Wasserkobolde, auch die Erlanger, normalerweise nur an fließenden Gewässern.

Bis dahin war die Schwabach Pauls Heimat gewesen, ein Flüsschen im nördlichen Erlangen. Dort hatte Paul glücklich gelebt, und seit er denken konnte, liebte er Pauline. Tagsüber jagten die beiden den Sonnenstrahlen hinterher, die sich im Wasser brachen, und wenn sie am Ufer ausruhten, versicherte Pauline Paul, wie sehr ihr seine großen Ohren gefielen, gleichwohl ihn die anderen oft deswegen auslachten. Für einen Wasserkobold waren Pauls Ohren wirklich riesig. Jede Nacht träumte Paul von Paulines seidiger Aquamarinhaut, ihren wiegenden Silberhaarlöckchen und ihrem glockenhellen Lachen.

Immer zur Frühlingstagundnachtgleiche wählte eine Wasserkoboldin einen Bräutigam und dieses Jahr war Pauline an der Reihe. Aber, oh weh, Pauline entschied sich nicht für Paul, sondern für Anton, weil auf dessen dicken Zehen so viele dunkle Haare wuchsen, sagte sie. Behaarte Zehen gelten bei Wasserkobolden als Merkmal besonderer Schönheit. Pauls Herz brach entzwei. Während die Wasserkoboldgemeinde ausgelassen Paulines und Antons Hochzeit feierte, machte Paul sich auf den Weg. Fort wollte er, weit fort, ans andere Ende der Welt.

Als Paul an den Brunnen auf dem Altstädter Kirchenplatz kam, fand er, er habe sein Ziel erreicht und richtete sich ein. Alleine zu sein, das war Pauls größter Wunsch.

Dies erwies sich als Problem, denn die Bänke um den Brunnen wurden belebter mit jedem Tag, den es länger hell blieb. Bekanntermaßen verstehen Wasserkobolde jedes Menschenwort, in allen Sprachen und Dialekten der Welt, sei es kirgisisch oder fränkisch. So wurden die lauschigen Abende für Paul zur Qual: Zuhauf wurde er Zeuge von scheinheiligen Schmeicheleien, verlogenen Umwerbungen und heuchlerischen Liebesschwüren. Paul versuchte, sich die Ohren zuzuhalten, aber seine Händchen bedeckten die Ohrmuscheln nicht einmal zur Hälfte.

Mit jedem falschen Wort wuchs Pauls Leid und eines Tages Mitte Mai, da geschah es: Als ein blond gelockter Bursche einem grazilen Mädchen versprach, sie sei die Erste und Einzige, für die sein Herz je brennen werde, sprang Paul mit einem Satz aus dem flachen Brunnenwasser, landete auf des Jungen linker Schulter und zog ihm mit aller Kraft am abstehenden Ohr. Der Bursche schrie auf, vor Schreck und Schmerz, sah sich entsetzt um, doch Paul entdeckte er nicht. Wasserkobolde sind klein, kaum zwanzig Zentimeter hoch, bewegen sich flink und ihre schimmernde Haut macht sie für das menschliche Auge so gut wie unsichtbar. Paul hopste zurück an den Brunnen. Das Mädchen zeigte sich besorgt. Der Junge rieb sein Ohr, nahm sein Schätzlein bei der Hand, und weg waren sie. Paul atmete tief durch und glitt zurück ins Wasser.

Seitdem wird am Brunnen den unehrlichen Menschen, und das sind Männer und Frauen gleichermaßen, an den Ohren gezogen oder am Haar. Ihnen wird in die Wange und den Arm gekniffen, oder, sofern sie Sandalen tragen, in die große Zehe gebissen. Wenn allerdings wahr gesprochen wird, bleibt Paul im Brunnenbecken sitzen und lauscht beseelt, denn den Glauben an die Liebe hat er nicht verloren.

Wer nun meint, er könne an dem Brunnen die Aufrichtigkeit des geliebten Menschen testen, der sei gewarnt! Wenn Paul nicht zwickt oder beißt, könnte dies tatsächlich bedeuten, dass die Liebe echt ist. Vielleicht ist Paul aber auch einfach nicht zu Hause. Auf seinem Weg von der Schwabach zum Brunnen war Paul nämlich am Steinbach Bräu vorbei gekommen und fand den Duft des frischen fränkischen Bieres dort ganz vortrefflich. Und so hüpft Paul an manchen Abenden unbemerkt von Bierkrug zu Bierkrug und lässt es sich schmecken. Wenn er danach träge zu seinem Brunnen zurückkehrt, fühlt Paul sich einsamer denn je.

Ach, hätte Paul doch geahnt, dass Pauline sich längst auf die Suche nach ihm gemacht hat! Sie war mit Anton überhaupt nicht glücklich, der kraulte immerzu seine behaarten Zehen und fing mit Pauline keinen einzigen Sonnenstrahl. Pauline ist sogar schon am Brunnen am Altstädter Kirchenplatz vorbei gekommen, aber da stibitzte Paul gerade Bier im Steinbach Bräu. Pauline hielt einen Moment lang inne und betrachtete den Fischerknaben im Kampf mit dem Hecht. Etwas erinnerte sie an Paul. Es waren die Flossen des Hechts, die sahen aus wie Pauls Ohren! Pauline seufzte und ging traurig weiter. Sie bemerkte nicht, wie ein Windhauch ein loses Silberhärchen von ihrem Kopfe in das Brunnenwasser trug.

Ob Paul und Pauline sich jemals wiedersehen? Wer weiß. Nur so viel ist gewiss: Wahre Liebe kann alles möglich machen.

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