Monatsarchiv: April 2021

Autorin der Woche (16/2021)

Über die Ostertage habe ich „Berliner Briefe“ (erschienen 1948) von Susanne Kerckhoff gelesen. Aus dem Nachkriegsberlin schreibt Helene, eine junge Sozialistin, 13 Briefe an ihren emigrierten jüdischen Jugendfreund Hans. Ein illusionsloses und dennoch kämpferisch-hoffnungsvolles Gesellschaftsbild zeichnet die Verfasserin. Sie findet keine ehrliche Reue, kein Eingeständnis von Schuld bei der Mehrheit der Deutschen, stattdessen trotziges Ressentiment gegen die Alliierten. Die Demokratie in Deutschland steht für sie auf wackligen Beinen… Auch mit ihrem eigenen Verhalten während der Naziherrschaft geht sie kritisch ins Gericht. Ihrer Überzeugung nach war sie gegen die Nazis, nach außen hin hielt sie jedoch still und nimmt so eine Mitverantwortung für die Zerstörung und die Verbrechen für sich an. „Berliner Briefe“ ist spannend zu lesen – als zeitgeschichtliches Dokument und als Denkanregung für unsere heutige Gesellschaft.

Zur Autorin: Susanne Kerckhoff wird 1918 in Berlin geboren und wächst bürgerlich-liberal auf. Als Schülerin schließt sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an und legt 1937 ihr Abitur ab. 1946 zieht Kerckhoff nach Ost-Berlin, wird 1948 Mitglied der SED und Feuilleton-Chefin der Berliner Zeitung. Bald fällt sie bei bedeutenden Funktionären und Redakteuren in Ungnade und verliert ihre Stellung. Im März 1950 begeht Susanne Kerckhoff Selbstmord.

Autorin der Woche (15/2021)

Als Teenager habe ich seine Bücher mit wohligem Grauen verschlungen: Es, Friedhof der Kuscheltiere, Misery, Salem’s Lot, The Shining, The Stand, Carrie, Cujo, Christine… Stephen King ist fraglos der große Meister des Horrorromans.

Wie vielen kommerziell erfolgreichen Autoren wird auch King oft die literarische Wertigkeit abgesprochen. Jedoch versteht King sein Handwerk durch und durch; er weiß, wie man eine Geschichte packend erzählt, wie man Leserinnen und Leser bannt und sie bis zur letzten Seite mitzittern lässt. Zudem ist er eine sympathische Persönlichkeit, die sich nicht scheut, zu gesellschaftlichen und politischen Themen Stellung zu beziehen. Und er gibt etwas zurück: die Stephen & Tabitha King Stiftung unterstützt soziale Community-Projekte in Maine. Wer mehr über Stephen King erfahren will, dem sei diese Dokumentation empfohlen, die ursprünglich auf Arte ausgestrahlt wurde:

Autorin der Woche (14/2021)

1951 erschien „The Catcher in the Rye“ von J.D. Salinger. Ich bekam das Buch (in der deutschen Übersetzung „Der Fänger im Roggen“) geschenkt, als ich 17 oder 18 war, und schon nach wenigen Zeilen war ich fasziniert von der Hauptfigur. Holden Caulfield ist 16 Jahre alt, kommt aus einer wohlhabenden New Yorker Anwaltsfamilie und wurde – einmal mehr – wegen schlechter Leistungen von der Schule verwiesen. Kurz vor Weihnachten verlässt er sein Internat; fürchtet jedoch die Reaktion der Eltern und anstatt nach Hause zu gehen, streunt er drei Tage lang durch Manhattan.

Holden missbilligt die Lebensweise seiner Eltern, die er für verlogen und geistlos-materialistisch hält. Auch viele Gleichaltrige sind für ihn selbstdarstellerische und oberflächliche Idioten; und mit sich selbst hadert er ebenfalls. Nur sehr wenige Menschen kann Holden positiv sehen; darunter seine kleine Schwester Phoebe und seinen verstorbenen Bruder Allie. Holden ist zynisch, innerlich zerrissen und fühlt sich nirgendwo zugehörig.

Salinger hat mit Holden Caulfield einen zeitlos gültigen Prototypen des empörten, strauchelnden Jugendlichen geschaffen, der verzweifelt auf der Suche ist nach sich selbst und seinem Platz in der Gesellschaft. Auch ich habe mich damals beim Lesen völlig mit Holden identifiziert, obwohl meine äußeren Lebensumstände tatsächlich ganz anders waren. Die inneren Stürme und Kämpfe kannte ich dafür sehr gut – und es hat geholfen zu sehen, dass diese offenbar ganz normal sind.

Autorin der Woche (13/2021)

In den letzten zwölf Wochen habe ich zwölf ganz unterschiedliche schreibend-schöpferische Frauen gezeigt, die mich mit ihrem Werk berührt haben. In der Tat gibt es auch männliche Autoren, die für mich bedeutsam sind. Drei davon stelle ich in den kommenden Wochen vor.

Leo Lionni (1910 – 1999) war Grafiker, Maler und Schriftsteller. 1967 erschien seine Bildergeschichte über die Feldmaus Frederick, die nicht ist wie die anderen Mäuse. Während jene Nüsse, Weizen und Stroh für den nahenden Winter sammeln, sitzt Frederick träumerisch herum und sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Die anderen lassen Frederick gewähren. Gegen Ende des Winters sind die Körner und Beeren aufgebraucht, die Mäuse frieren und sie werden stumm. Da kommt Fredericks Stunde: Seine Vorräte wärmen die Mäusefamilie und lassen sie träumen und hoffen.

Als Grundschulkind bin ich in diese Geschichte versunken. Sie zeigt, dass man anders sein kann als die anderen, dass man andere Dinge tun kann als die anderen – und trotzdem dazu gehört zur Gemeinschaft. Diesen Gedanken konnte ich als Kind natürlich nicht formulieren; aber empfunden habe ich so. Und tue es noch immer.