Monatsarchiv: Mai 2021

Autorin der Woche (21/2021)

Rachel Cusk (1967 in Kanada geboren, lebt heute in Brighton) hat mit „Outline“ (2014, dt. 2016) einen außergewöhnlichen Roman geschrieben. Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, reist im Sommer nach Athen, um dort einen Schreibkurs zu unterrichten. Auf dem Weg und vor Ort begegnen ihr verschiedene Menschen, die bereitwillig Geschichten und Dramen aus ihren Leben erzählen, und diese Gespräche gibt die Ich-Erzählerin zumeist in indirekter Rede wider. Eine Handlung im strengen Sinne gibt es nicht.

Das klingt vielleicht wenig aufregend, bietet jedoch einen ganz besonderen Reiz: die Personen und die Erzählerin selbst werden dadurch als Umriss, als Silhouette sichtbar – als Outline. Eine kunstvoll komponierte Erzählweise, die der Leserin viel Projektionsfläche lässt.

Autorin der Woche (20/2021)

Wer meint, Großstädte wie London oder Liverpool seien die gefährlichsten Orte in Großbritannien, der irrt. In keiner englischen Grafschaft werden mehr Morde begangen als in Midsomer. Die gute Nachricht: die Aufklärungsrate liegt bei 100% und die Midsomer-Morde sind rein fiktiv.

1931 wird Caroline Graham im mittleren England geboren, arbeitet seit den 1970er Jahren als Journalistin und beginnt 1982, Romane zu schreiben. 1987 erscheint „The Killings at Badger’s Drift“, der erste Kriminalroman, in dem DCI Tom Barnaby in Midsomer ermittelt; sechs weitere Romane folgen. 1997 wird „The Killings at Badger’s Drift“ vom englischen Fernsehen verfilmt und kommt beim Publikum offenbar sehr gut an. Unter dem Serientitel „Midsomer Murders“ werden nicht nur Grahams weitere Barnaby-Romane verfilmt, nein, inzwischen gibt es über 120 Folgen mit eigenständigen Drehbüchern, in denen Inspektor Barnaby üblicherweise mehrere Morde auf einmal klären muss.

Seit 2005 zeigt das deutsche Fernsehen „Inspektor Barnaby“. Neue Folgen werden vom ZDF ausgestrahlt und montagabends laufen bereits gesendete Folgen auf ZDF neo in Dauerschleife. Es mag seltsam klingen ob der vielen Toten; aber die Barnaby-Filme gehören absolut zu meiner Komfortzone. Freudig schaue ich sie immer wieder, denn keine andere Krimiserie ist annähernd so skurril, kurios und ungemein heimelig. Danke an Caroline Graham, meine Nie-gelesen-dafür-umso-öfter-gesehen-Autorin!

Autorin der Woche (19/2021)

Sie gehört wohl zu den produktivsten und erfolgreichsten Autorinnen aller Zeiten: Agatha Christie, meine Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 2 von 3. Hercule Poirot kenne ich vor allem aus den Verfilmungen von „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“ aus den 1970er Jahren, Miss Marple aus den Filmen mit Margaret Rutherford aus den 1960ern.

Neben dem Schreiben hatte Agatha Christie offensichtlich noch ausreichend Zeit für ein ereignisreiches Leben. 1914 heiratet sie einen Oberst der Royal Air Force. Während des ersten Weltkriegs arbeitet sie für das Britische Rote Kreuz in einer Krankenhausapotheke, wo sie viel über giftige Stoffe lernt. 1919 wird ihre Tochter geboren. 1922 begibt sie sich mit ihrem Ehemann auf eine Weltreise. 1926 zerbricht die Ehe und Agatha ist zehn Tage lang vermisst. 1928 reist sie alleine mit dem Orient-Express in den Nahen Osten. 1930 reist sie erneut in den Orient und lernt ihren zweiten Ehemann, einen Archäologen, kennen, dessen Ausgrabungen sie fortan unterstützt, unter anderem durch Fotodokumentation der Funde. 1971 wird sie in den Adelsstand erhoben. 1976 stirbt sie mit 85 Jahren in Oxfordshire.

Wem diese ultrakurze Faktenbiografie zu wenig ist, dem sei die Dokumentation „Agatha Christie – The Queen of Crime“ (arte.tv, noch bis 31.05.2021) empfohlen.

Autorin der Woche (18/2021)

Es gibt Autorinnen, mit deren Werk ich vertraut bin, ohne je eine Zeile davon gelesen zu haben. Wie das geht? Na, klar: Verfilmungen. Nie-gelesen-nur-gesehen-Autorin Nr. 1 von 3: Margaret Mitchell, aus deren Feder „Vom Winde verweht“ stammt.

Mitchell wird 1900 in Atlanta geboren; in eine großbürgerliche Familie, in der historisches Interesse und Parteilichkeit für die Südstaaten selbstverständlich sind. Mitchells ältere Verwandten, die den Amerikanischen Bürgerkrieg erlebt haben, erzählen der kleinen Margaret ihre Geschichten und Erinnerungen. Auf diesen basiert Mitchells Roman, an dem sie zehn Jahre arbeitet, der sofort nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten steht und ihr den Pulitzerpreis einbringt.

„Vom Winde verweht“ ist ein wahres Epos: 1000 Seiten dick das Buch, 4 Stunden lang der Film. Erzählt aus Sicht der wohlhabenden Südstaaten-Damen, die sich fraglos in die geltenden Gesellschaftsnormen einfügen und diese perfekt erfüllen.

Als Präpubertierende haben mich vor allem die prächtigen Kleider und das leidenschaftliche Liebesdrama vor schicksalsschwerer Kulisse beeindruckt. Und natürlich die Schlussszene mit einem der berühmtesten Filmzitaten überhaupt.

Autorin der Woche (17/2021)

Elif Shafak, geboren 1971, ist eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen der Türkei. Sie schreibt in türkischer und englischer Sprache und lebt seit Jahren mit ihrer Familie im Großraum London. Sie erhebt entschieden ihre Stimme, wenn es um Menschenrechte, insbesondere für Frauen geht; zuletzt beispielsweise im Zusammenhang mit dem Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention.

In ihrem TED Talk “The revolutionary power of diverse thought” aus dem Jahr 2017 plädiert Shafak dafür, offen zu sein für Komplexität und diese als Tor zu mehr Freiheit und Solidarität für uns alle zu begreifen.