Archiv der Kategorie: Brockhaus der Woche

Brockhaus der Woche (32/2018)

Er gefährdet Freiheit und Frieden. Lasst ihm uns Fantasie und Freude an der Vielfalt entgegensetzen!

Fundamentalismus, der, allg. kompromissloses Festhalten an (polit., religiösen) Grundsätzen. – Das Wort F. trat erstmals im Zusammenhang mit einer von prot. Christen (1910-15) in den USA herausgegebenen Schriftenreihe auf. Es waren v.a. vier unverrückbare „Grundwahrheiten“ („fundamentals“), die diese Bewegung charakterisierten: 1) die buchstäbl. Unfehlbarkeit der Hl. Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Hl. Schrift keinen Irrtum enthalten könne; 2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wiss., soweit sie dem Bibelglauben widersprechen; 3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalist. Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und 4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn polit. Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren. Der prot. F. tritt neuerdings in den USA bes. mit spektakulären Aktionen gegen Schwangerschaftsabbruch sowie Kampagnen gegen Homosexualität und schul. Sexualerziehung an die Öffentlichkeit.
Der Terminus „F.“ wurde dann auf vergleichbare Erscheinungen in anderen Religionen und schließlich auch auf gleichartige Organisations- und Orientierungsformen nichtreligiöser Art übertragen […]
Aufsehen erregt hat seit den 1970er-Jahren in Europa v.a. der islam. F., der unter der geistl.-polit. Führung des schiit. Religionsführers R.M. Khomeini mit einer kämpferisch antiwestl. Einstellung im Iran an die Macht gelangte und in einer zunehmenden Reihe islamisch geprägter Länder eine erhebl. Polit. Rolle spielt. Anhänger findet der islam. F. bes. bei unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, bei denen sich die Rückkehr zum ursprüngl. Islam zunächst in Äußerlichkeiten (z.B. Kleiderordnung) manifestiert. Geprägt durch eine islamist. Ideologie, daher im westl. Sprachgebrauch seit Anfang der 1990er-Jahre auch Islamismus gen., wird der islam. F. in starkem Maße durch islam. Bruderschaften (Ägypten, Sudan) und islamist. Parteien, Bewegungen und Gruppen (Algerien, Palästina) getragen, die oftmals die terrorist. Gewalt als ein Mittel zur Durchsetzung ihrer in erster Linie polit. Ziele betrachten. In Indien gewinnt seit dem Ende der 1980er-Jahre der politisch organisierte Hindu-F. bestimmenden Einfluss. Der seit Mitte der 1980er-Jahre ebenfalls erstarkte jüd. F. in Israel ist religiös in Teilen des orth. Judentums verwurzelt.

Brockhaus der Woche (31/2018)

Die griechische Vorsilbe „eu“ bedeutet wohl-, gut. Sie macht sogar aus dem möglicherweise bedrohlichen Dämonismus etwas grundsätzlich Erfreuliches.

Eudämonismus der, die Lehre, nach der alles menschl. Handeln durch das Streben nach der (unterschiedlich definierten) Glückseligkeit (Eudämonie) bestimmt wird. Sokrates, Platon, Aristoteles sahen die Erfüllung in einem tugendhaften Leben. Andere dagegen (Epikur, J. Locke u.a.) strebten das Erleben von Lust im Sinne von Schmerzlosigkeit und Seelenruhe an (Hedonismus). Der individuelle (individualist.) E. setzte allein das Glück des Einzelnen als Maßstab; zugleich entwickelte sich der Gedanke, dass das Glück für andere gefunden werden sollte (F. Hutcheson). Aus diesem Sozial-E. entwickelte sich der Utilitarismus (J. Bentham, J.S. Mill).

Und hier noch etwas mehr zu Epikur.

Epikur (grch. Epikuros), grch. Philosoph, *Samos 341 v. Chr., †Athen 271 v. Chr., als Haupt der von ihm 306 gegr. Philosophenschule. Der Kern der Philosophie E.s ist die Ethik (Naturerkenntnis ist lediglich Mittel), ihr Ziel, durch richtiges Denken ein glückseliges Leben zu gewinnen. Der Maßstab der Wahrheit ist die sinnl. Wahrnehmung, auf die sich auch alle Vernunfterkenntnis aufbaut. Wahre Glückseligkeit (Eudämonie) als Wesen des Sittlichen sei nicht durch grobe Sinnenlust, sondern nur durch weise Abwägung des Genusses, durch Selbstbeherrschung, Tugend, Gerechtigkeit erreichbar. Ihre höchste Form sei die unerschütterl. Ruhe der Seele (Ataraxie). E.s Lehre wurde oft zum Hedonismus vergröbert.

Brockhaus der Woche (30/2018)

Heute ist Donnerstag. Was sagt der Brockhaus dazu?

Donnerstag, der 4. Tag der Woche; in der Antike Zeus oder Jupiter geweiht; ben. nach dem german. Gott Donar.

Donar [ahd. Form von Donner] (altsächs. Thunar, altnord. Thor, Thorr), neben Wodan (Odin) der bedeutendste german. Gott, aus dem Geschlecht der Asen. D. war der Herr des Donners; im Blitz sah das Volk den zur Erde geschleuderten Hammer. Durch körperl. Kraft ausgezeichnet, fiel ihm die Aufgabe zu, die Welt der Götter und der Menschen gegen Riesen und Ungeheuer zu verteidigen. D. weihte die Ehen und bewirkte durch seinen Hammer Fruchtbarkeit. Ihm war die Eiche heilig und der Donnerstag (Donarstag) geweiht.

Brockhaus der Woche (29/2018)

Leider werde ich das Gefühl nicht los, wir hätten sie vor nicht allzu langer Zeit noch überzeugter und konsequenter verfolgt: die Chancengleichheit.

Chancengleichheit [ʹʃã:sǝn-], gesellschafts- und kulturpolit. Forderung, die neben der Gleichstellung vor dem Gesetz für alle Mitgl. der Gesellschaft gleiche Bildungs- und Lebensmöglichkeiten umfasst. Gradmesser für den Stand der C. sind u.a. die allgemeine Wirksamkeit der Bürgerrechte (z.B. die Realisierung der Gleichberechtigung von Mann und Frau), die Arbeits- und Wohnbedingungen und der Zugang zu den Bildungseinrichtungen. Der Abbau von Bildungsprivilegien wird bes. durch bildungspolit. und schulreformer. Maßnahmen angestrebt (u.a. durch Ausbau der Vorschule, Einrichtung von Ganztagesschulen und Gesamtschulen, Abbau von Bildungsbarrieren, Begabtenförderung). Im Gedanken der C. vereinigen sich freiheitl. und soziale Denkansätze. Vom liberalen Ansatz her gilt C. als gegeben, wenn gesetzlich die Wege zur Selbstverwirklichung des Einzelnen geebnet und die Gesellschaft notfalls materielle Hilfe bereit stellt, um wirtschaftlich Schwache zu fördern. Die tatsächl. Wahrnehmung der Startchancen hängt dann v.a. von der Initiative des Einzelnen ab. Sozialist. Denkmodelle fassen C. auf als Brechung von Standesprivilegien herrschender Klassen auf dem Wege revolutionärer Umformung der bestehenden Gesellschaft. Die Weiterentwicklung des Verfassungsstaates unter dem Einfluss sozialdemokrat., sozialliberaler und sozialkonservativer Denkansätze zum sozialen Rechtsstaat im 20. Jh. führte im Sinne der C. zu einer im Einzelnen unterschiedl. Verschränkung von individueller Freiheit und Gleichheit der Startchancen aller.

Stattdessen greift ein anderes Phänomen immer mehr um sich: der Cäsarenwahn

Cäsarenwahn, krankhafte Übersteigerung des Machttriebs bei Herrschern und Diktatoren, die sich in Unberechenbarkeit, Grausamkeit und Größenwahn äußert. Der Begriff bezog sich ursprünglich auf die Herrschaft von Mitgl. des julisch-claud. Kaiserhauses (den Cäsaren).

Brockhaus der Woche (28/2018)

Vielleicht wäre die Welt eine andere, wenn es heutzutage mehr Anhänger von Baumkulten gäbe…

Baumkult, Verehrung von Bäumen, Baumgruppen oder heiligen Hainen, die sich bei vielen Völkern (z.B. auch Ägyptern, Germanen, Griechen, Indern und Slawen) findet; sie gilt den Bäumen selbst (Baum des Lebens, Weltenbaum) und den in ihnen vermuteten Gottheiten.

Brockhaus der Woche (27/2018)

Weil manche Zeitgenossen sich aufführen wie der erste Mensch, kommen wir bei vielen Themen kaum voran, sondern stehen still oder drehen uns im Kreis und müssen gefühlt immer wieder ganz von vorne anfangen… Was sagt der Brockhaus dazu?

Adam [hebr. „Mensch“] und Eva [hebr. „Leben“], nach der Bibel (1. Mos. 1-4) das erste Menschenpaar und Stammeltern aller Menschen. Urspr. im Paradies, aßen sie vom Baum der Erkenntnis und wurden vertrieben. Bei Paulus (Röm. 5,14; 1. Kor. 15,45) tritt der erste Mensch als Urheber der Sünde und des Todes in Ggs. zu Christus, dem zweiten A., dem Urheber des Lebens, auf. Im Schrifttum des MA. ist die Geschichte von A. und Eva oft behandelt worden, z.B. in Mysterienspielen. Die bildende Kunst stellte bes. die Erschaffung, den Sündenfall und die Vertreibung dar (Hildesheimer Bronzetür, Adamspforte des Bamberger Doms, Fresken von Masaccio und Michelangelo, Stich von Dürer u.a.).

Adam und Eva - Albrecht Dürer, 1507

Adam und Eva – Albrecht Dürer, 1507

Brockhaus der Woche (26/2018)

Halbzeit im Jahreslauf! In sechs Monaten ist Weihnachten schon wieder vorbei und Silvester steht vor der Tür. Ist das erste Halbjahr an euch vorbeigeflogen? Wie viele Situationen gab es, in denen die Zeit gar nicht vergehen wollte, vielleicht im Wartezimmer bei der Ärztin oder mit knurrendem Magen im Restaurant? Was sagt der Brockhaus dazu?

Zeiterleben (Zeitbewusstsein), das subjektive Erfassen objektiver Zeitverläufe, als Wahrnehmung der Dauer, der zeitl. Folge und von Zeitintervallen. Der als unmittelbar gegenwärtig empfundene Zeitraum heißt Präsenzzeit. Er kann bis zu sechs Sekunden betragen. Das eben noch unterscheidbare Zeitintervall beträgt im Seh- und Tastbereich etwa 0,02, im Hörbereich etwa 0,002 Sekunden. Die Zeitwahrnehmung des Menschen bildet aber nicht einfach die physikal. Zeit ab. Eine Zeitspanne kann in einer starken Zeitdehnung oder einer Zeitraffung erfahren werden, was in großem Maße von der Ereignisfülle und von psycholog. Faktoren (wie Monotonieerleben, Aufmerksamkeit, Erwartung) abhängig ist. Außerordentl. Änderungen des Z. treten bei Übermüdung, im Schlaf, Traum, in Rauschzuständen und bei psych. Krankheiten auf. Die Fähigkeit, genau zu vorgenommener Zeit aufzuwachen (innere Uhr, Zeitsinn), beruht vermutlich auf einer unbewussten Orientierung am period. Ablauf der Stoffwechselvorgänge (Tagesrhythmik).

Brockhaus der Woche (25/2018)

Seit fast einem Jahr gehe ich wieder regelmäßig zum Yoga. Und heute ein echter Höhepunkt: 108 Sonnengrüße am Stück gemeistert! Der letzte Satz aus dem Brockhaus-Eintrag trifft für mein Yoga sicherlich zu.

Yoga [Sanskrit] der oder das (Joga), fest in der ind. Kultur verwurzelte, eng mit dem Samkhya verbundene Lehre (und darauf beruhende Methode) der Vervollkommnung des Menschen. Y. wird bereits in den Veden erwähnt und von Patanjali im „Yogasutra“ vermutlich im 2. Jh. v. Chr. schriftlich als Regelwerk und philosophisch-religiöses System fixiert. Danach besteht das Ziel des Y. in der Selbstvervollkommnung im Sinne eines Sichloslösens von der eigenen Persönlichkeit, die durch eine Harmonisierung von Leib, Seele und Geist erreicht werden soll. Auf dem Wege dorthin hat der Yogi oder Yogin versch. Stufen des Y. zu durchlaufen: die Zügelung körperl. Begierden, die Beachtung von Reinheitsvorschriften, das Erlernen von bestimmten Körperhaltungen, die Beherrschung des Atems, Verinnerlichung, Konzentration, Meditation, Versenkung. – Im Verlauf der Geschichte entstanden unterschiedl. Y.-Schulen, die einzelne Bereiche der Stufenfolge hervorheben. – In Europa bekannt geworden, hat sich Y. mit typisch europ. Denkformen vermischt. Daraus entwickelte sich eine Vielfalt von Systemen, Methoden und Ansichten, die sich z.T. weit vom ursprüngl. Y. entfernt haben.

Brockhaus der Woche (24/2018)

Gerade mal fünf Seiten nehmen die Begriffe mit „X“ in meinem Brockhaus ein. Der Buchstabe selbst wird mit drei Bedeutungen geführt.

x, X, 1) Konsonant (Laut); der 24. Buchstabe des dt. Alphabets, geht zurück auf das Zusatzzeichen X der altgrch. Schrift; hat meist den Lautwert [ks] behalten. Im Spanischen bezeichnet es den Laut [x], im Portugiesischen den Laut [ʃ]; im Französischen dient es zur Bezeichnung der Laute [ks], [gz], [s] und [z] und ist am Wortende meist stumm.
2) Mathematik: x, Formelzeichen für eine bei der grafischen Darstellung auf der Abzissenachse (x -Achse) abgetragene Variable bzw. kartes. Koordinate oder für eine unbekannte, zu bestimmende Größe.
3) röm. Zahlzeichen: X für 10.

Brockhaus der Woche (23/2018)

Bei manchen Zeitgenossen verschwimmen sie zu einem und sind doch zwei unterschiedliche Dinge: Wahn und Wirklichkeit

Wahn (Wahnidee, Wahngedanke), inhaltl. Störung der Denktätigkeit; bei sonst intaktem Denken und Bewusstsein bildet sich eine falsche Vorstellung oder Überzeugung heraus, die trotz log. Einwände nicht unterdrückt werden kann, subjektiv nicht als krankhaft anerkannt wird und somit auch nicht korrigierbar ist; z.B. Beziehungs-, Eifersuchts-, Verfolgungs-, oder Größen-W.; tritt v.a. bei Schizophrenie, Psychose oder Paranoia auf.

Wirklichkeit, Philosophie: Der Inbegriff des wahrhaft Seienden und Wirkenden; die Realität. Bei I. Kant gehört W. als eine Kategorie der Modalität (neben Möglichkeit und Notwendigkeit) zu den Grundlagen des empir. Denkens. Der Idealismus begreift die W. als immaterielles geistiges Sein, der Materialismus als materielle Dingwelt, der Empirismus als die Summe des empirisch Gegebenen (Erfahrung, Empfindungen, Sinnesdaten).