Archiv der Kategorie: Geschichten

Wer die Wahl hat…

Carolas Suche, Teil 7
Was zuvor geschah…

‚Entscheidungen zu treffen, fällt uns oft schwer. Wir fürchten uns davor, den sicheren Hafen zu verlassen. Aber so kommt man nicht voran. Haben Sie Vertrauen in Ihre Intuition. Gehen Sie selbstbewusst an Bord und setzen Sie die Segel. Aeolus, der Gott des Windes, wird Sie auf den Weg schicken. Das Steuer haben Sie in der Hand.‘

Carola ließ die Frauenzeitschrift sinken. „Die hat gut schreiben“, dachte sie. „Was weiß die denn schon? Das Steuer in der Hand…“

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Der Brunnen

Meinen Liebsten traf ich am großen Brunnen,
im klaren Mondschein, zärtlich vereint.
Der Liebste schwor mir Treue und Wahrheit,
beständig und ehrlich, so sollte es mit uns sein.
All meine Sorgen versanken im Plätschern,
und meine Seele, die wurde ganz leicht.

Doch dann, die Nacht war ohne Sterne,
kam ich allein am Brunnen vorbei.
Dort sah ich den Liebsten mit einer andern,
voll Lust und Verlangen küssten sie sich.
Um mein Herz griff eine kalte Klaue,
das sanfte Plätschern verhöhnte mich.

Und heute am Morgen, noch ganz in der Früh,
da ist der Brunnen von Menschen umringt.
Sie flüstern bestürzt und manche, die schluchzen,
das leise Plätschern, man hört es nicht.
Da bricht mein Liebster heraus aus der Menge,
unendlichen Schmerz auf dem schönen Gesicht.

„Tot ist sie und verloren für immer!“,
so klagt er laut und sieht mich nicht.
Ich wende mich ab und gehe ruhig weiter,
das beständige Plätschern begleitet mich.
Ich muss nicht zum Brunnen hin, um zu wissen,
wer kalt und ertränkt im Becken dort liegt.

Einerseits, andererseits

Carolas Suche, Teil 6
Was zuvor geschah…

Als Carola die Stufen zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hochstieg, waren die Tränen weggewischt und die Wut über Nicks Betrug begann, sich in stumme Resignation zu wandeln. Nachdem sie sich in den letzten Wochen langsam aber sicher in ihn verliebt hatte, war es heute ans Licht gekommen: Nick war verheiratet. Weiterlesen

Wundersame Blüten

Warum nur hat sie die Veilchen aufgegessen? Die Frage stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, als ich letztes Wochenende im Park die Dame neben mir beobachtete.

Nach den Veilchen war keineswegs Schluss, auch die Gänseblümchen und der Löwenzahn mussten dran glauben. Von Löwenzahnsalat hatte ich schon gehört, aber meine Nachbarin konzentrierte sich durchgehend auf die Blüten. Weiterlesen

Mittendrin (Schau mal, Schatz – Episode 3)

„Jetzt schmeiß‘ ich den Krempel gleich aus dem Fenster!“, rufe ich und knalle den halbleeren Aktenordner auf den Boden. Der Aufprall wird durch die vielen Blätter gedämpft, die sich zuvor gelöst haben.

Christian kommt aus dem Wohnzimmer angelaufen, wo er gerade seine Flohmarktschätze für den Umzug verpackt. Ein Blick genügt und er weiß, was los ist. Lächelnd bahnt er sich seinen Weg durch das Chaos offen stehender Kartons, schief gestapelter Bücher und diverser Haufen aus Kleinkram. Weiterlesen

Auf dem Balkon

Auf dem Balkon

Der Mond silbern, die Straßenlaternen orange
Die Füße hochgelegt, der Rotwein leicht
Ein einsamer Radfahrer auf dem Weg nach Hause

Sonntags

Sonntags

Die Straße und die Häuser schlummern noch
Die Frühlingssonne ist schon wach
Beim Bäcker bin ich heute die Erste

Rezension zu „Kamron, der Wolf“

Ein Mit-Autor aus „Wenn das die Grimms wüssten!“ hat meine Geschichte darin rezensiert:

Kamron, der Wolf – Eine Kurzgeschichte von Michaela Keller aus der Anthologie Wenn das die Grimms wüssten!

Herzlichen Dank, Udo!

Eine Unterbrechung, ein Ende und ein Anfang

Carolas Suche, Teil 5
Was zuvor geschah…

‚Können wir uns treffen? Brauche dringend deinen Rat! Nick‘ Susanne stand vor einem Bild von Ignatz Besserberg, als Nicks SMS piepste. Besserberg wurde in der Kunstszene als der aufgehende Stern der modernen Malerei gehandelt. Sein Bild zeigte vier daumendicke waagrechte Linien in Rot. Die vierte Linie war unterbrochen.

Susanne sollte Besserberg interviewen und einen Artikel über seine Ausstellung für das Kulturmagazin ihres Verlagshauses schreiben. Zwar war sie mit ihrem Job in der Redaktion der Frauenzeitschrift mehr als ausgelastet, aber die Kollegin der Kulturredaktion lag mit Sommergrippe im Bett und da war Susanne eingesprungen.

„So ein Gekritzel“, dachte Susanne. Vielleicht war das vermessen, sie war schließlich keine Expertin. Einerlei, ihr großer Bruder bat sie um Hilfe und das war schon ungewöhnlich. ‚In einer Stunde im Café Eisberg‘ schrieb sie an Nick und ging dann hinüber zu Ignatz Besserberg, einem hageren End-Vierziger mit wirrem angegrauten Haar und einer dicken Hornbrille. Mit einem Glas Prosecco in der Hand schäkerte er mit Babette von Scheinstein, der Besitzerin der Galerie. Die Dame versank fast vollständig in einem Dutzend bunter Schals und nur die kupferfarbene Lockenpracht ließ erahnen, wo genau der Kopf saß.

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Die Vorbereitungen laufen

Die Perücke liegt im Kühlschrank, das Paillettenkleid hängt vor der Heizung. So muss es sein: Ein kühler Kopf auf einem heißen Körper.

Mir bleiben 40 Minuten, bis Gérard mich abholen kommt. Gerade genug, um zu duschen und das Make-up zu zaubern. Ich drehe die Musik lauter. Oh, ich liebe Samstagnacht!