Archiv der Kategorie: Geschichten

Eines Tages…

Frau Kuhnert schaute ihn mit großen Augen an. Ungläubig wanderte ihr Blick von den ungekämmten Haaren und den Bartstoppeln über das zerschlissene T-Shirt, die viel zu kurzen, ausgefransten Jeans bis zu den Socken. Der linke grell orange und links herum, der rechte geringelt und mit einem enormen Loch am großen Zeh.

„Herr Winter! Ist… ist alles in Ordnung?“ Offensichtlich warf sein Anblick sie völlig aus der Bahn. Er strahlte sie an. „In bester Ordnung, Frau Kuhnert, in bester. Ist der Chef da?“ Frau Kuhnerts Kopf nickte. Er gab ihr keine Zeit, ihn anzumelden, sondern steuerte direkt auf die Bürotür zu. Kurz klopfte er, dann trat er ein.

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Ein Blick zurück… Schwimmen auf Noten

Zur Abwechslung hier eine Anekdote aus meiner Schulzeit. Achtung: Diese Geschichte ist wahr! 🙂

***

Mit zittrigen Knien, einem Knoten im Magen und bibbernd vor Kälte stand ich auf dem Startblock des Schwimmbeckens meiner Schule. Nichts fürchtete ich so sehr wie den Startpfiff – und gleichzeitig sehnte ich ihn herbei. Wenn doch nur schon alles vorbei wäre…

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Der grüne Kobold

„Komm mit mir zum verwunschenen Turm!“ sagte der grüne Kobold. Dabei hüpfte er von einem Bein aufs andere und strahlte bis über beide Ohren. Wie sollte ich da Nein sagen? Langsam folgte ich ihm, als er auf dem weichen Waldboden vor mir her stolzierte. Der Duft der Tannen beruhigte mich. Durch die Baumkronen fiel Sonnenlicht, das mich blinzeln ließ. Beinahe hätte ich die Ameisenstraße übersehen,  die unseren Weg kreuzte. Im letzten Moment warnte mich mein kleiner grüner Freund und ich machte einen respektvoll großen Schritt über die unzähligen Insekten hinweg.

 „Die können ziemlich ungemütlich werden, wenn man nicht Acht gibt“, gab der Kobold sein fachmännisches Urteil ab. Beschwingt ging er weiter vor mir her. „Wie weit ist der Weg zum Turm?“ hörte ich mich fragen. „Dauert es noch lange?“
Der Kobold blieb stehen und drehte sich zu mir um. Sein Lächeln ließ mein Blut in den Adern stocken. „Solange eine Wanderung in der Parallelwelt eben dauert.“

In diesem Moment ging das Licht aus, wie bei einer Stromabschaltung. Dunkelheit und Stille. Dann ein fahles weißes Licht. Ich öffnete die Augen und sah zwei Frauen in weißen Kleidern. Sie standen mit dem Rücken zu mir und unterhielten sich, während sie mit den Händen irgendetwas ordneten.  Die eine sagte: „Und sie hier, weiß sie schon, dass keiner aus ihrer Familie überlebt hat?“ „Nein“, antwortete die andere. „Sie war bisher noch nicht lange genug bei Bewusstsein.“ „Die Ärmste. Ich weiß ja nicht, wie ich so was verkraften würde.“

Ich schloss die Augen wieder und hoffte inständig, dass der Kobold auf mich gewartet hatte.

Der Hausfalter – Schreibwerkstatt (3)

Die letzte Aufgabe in der Schreibwerkstatt. Jeder zieht aus je einem Stapel Zettel ein Substantiv und ein Verb. Zusammengesetzt ergibt sich daraus eine Berufsbezeichnung. Meine Wörter waren: Haus und falten – da war er geboren, der Hausfalter…

***

„Guten Tag, Herr …“

„Walter. Karl-Egon Walter.“

„Ah ja. Herr Walter. Nehmen Sie doch bitte Platz. Sie sind also zu uns gekommen, weil Sie einen Kredit aufnehmen möchten.“

„Jawohl. Das ist richtig.“

„Unser Institut benötigt natürlich gewisse Sicherheiten bei der Kreditvergabe.“

„Natürlich. Ich verstehe.“

„Ah ja. Welche Sicherheiten haben Sie denn zu bieten, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Ihre Sicherheiten also…“

„Wenn Sie erst einmal von meiner Geschäftsidee gehört haben, dann ist die Sache klar!“

„Ah ja.“

„Sie wissen doch, wie viel Arbeit, Zeit und Geld so ein Umzug verschlingt. Keiner will sich darum kümmern! Annoncen studieren, Maklern hinterher telefonieren, zu Besichtigungen hetzen. Dann: Porzellan einwickeln, Kisten packen, Möbel zerlegen.“

„Äh, ja?“

„Da hab ich die Geschäftsidee! Ich werde meine Dienste als Hausfalter anbieten. Das wird der Hit!“

„Ich verstehe nicht recht…“

„Na, wenn jemand umziehen will, dann werde ich sein Haus einfach falten. Mit allem Drum und Drin! Auf’n LKW, am neuen Wohnort entfalten, fertig!“

„Ja. Wie jetzt?“

„So wie ich es gesagt habe. Hausfalter! Ich falte das Haus. Ihres, das von Ihrem Chef, Ihrem Schwager, von allen! Das wird die Revolution auf dem Immobilienmarkt. Ich hab mir das genau überlegt. Ich hab auch schon einen Slogan: ‚Braucht Dein Haus einen Falter, da gibt’s nur einen: Karl-Egon Walter.’ – Na, was sagen Sie? Da sind Sie ganz schön beeindruckt, was?“

„Äh… ja. Aber was ist denn, wenn jemand nicht in einem allein stehenden Haus wohnt, sondern ein kleines Apartment in einem Hochhaus hat? Da können Sie ja wohl kaum den anderen 99 Parteien zumuten, dass die mitgefaltet werden. Und was ist, wenn am neuen Wohnort schon ein Haus steht und nicht genügend Platz ist?“

„Hm. Ach so. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Da.. da muss ich noch mal in mich gehen… Da würde ich dann gerne später noch einmal bei Ihnen vorsprechen…“

„Ja aber selbstverständlich, Herr …“

„Walter.“

„Herr Walter. Aber kommen Sie am besten erst wieder, wenn Sie die Sache im Detail durchdacht haben. Im Detail, verstehen Sie, Herr Walter? Nehmen Sie sich ruhig Zeit.“

„Ja, vielen Dank. Sehr freundlich. Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Herr Walter.“

….

„Na komm, Herrmann, geh schon ran… Ja, hallo … Herrmann, ich bin’s. Bist du allein im Büro? Kannst du sprechen? … Sehr gut. … Hör mal, grade war wieder einer von diesen Genialen hier. Mit einer Bombengeschäftsidee! … Wie? … Ja, klar. Ich hab’s gemacht wie immer: V & A. Verunsichern und Abwimmeln. Ha, ha! … Pass auf, Herrmann, ich erzähl’s dir! Diesmal werden wir reich!“

Der Blechelefant – Schreibwerkstatt (2)

Für unseren zweiten Text sollten wir uns in der Schreibwerkstatt von einem von der Kursleiterin mitgebrachten Gegenstand inspirieren lassen.

Der Gegenstand war ein bunt lackierter Blechelefant; diesem hier ziemlich ähnlich:

Der Blechelefant

Ich mag mein neues Spielzeug. Papa hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Ein Elefant auf einem Motorrad. Ganz bunt angemalt ist der. Er fährt im Kreis, wenn man ihn aufzieht. Schnell wie der Wind, wegen der Propeller oben an seinem Rüssel. Und das Geräusch, das der Elefant beim Fahren macht – wie ein echtes Motorrad!

Dann ist es auch nicht mehr so laut, wenn Mama und Papa sich streiten. Sie streiten oft. Ganz schlimm ist es geworden, seit Tante Hilda den Hans geheiratet hat. Der Papa mag den Hans nicht.

Einmal habe ich gehört, wie der Papa zur Mama gesagt hat, dass es eine Schande sei, dass die Schwester seiner Frau einen Juden heiratet. Wo der Papa es doch weit bringe wolle in der Partei. Der Papa hat die Mama richtig angeschrien. Die Mama hat dann geweint. Die beiden haben nicht bemerkt, dass ich draußen im Flur war. Ich bin dann auch ganz schnell wieder ins Bett.

Ich verstehe das alles nicht so richtig. Ich weiß nicht genau, was ein Jude ist. Aber wenn der Hans ein Jude ist, dann kann das gar nicht so etwas Schlimmes sein, denk ich mir. Ich mag den Hans eigentlich ganz gern. Der lacht viel und einmal hat er mir ein Karamellbonbon mitgebracht. Einfach so.

Manchmal erzählt der Papa von seiner Partei. Da sind lauter Leute, die anpacken, sagt er. Damit es endlich den Richtigen gut geht. Die Mama sagt dann nichts. Das macht den Papa wütend. Und dann streiten sie. – Ich mag mein neues Spielzeug.

Was man so am Wochenende machen kann: Schreibwerkstatt (1)

Den Grundstein für mein Schreib-Hobby hat Ende 2005 ein Volkshochschulkurs mit dem Titel „Wochenend-Schreibwerkstatt: Lust zu schreiben hätte ich schon…“  gelegt. Nach vier Jahren war es nun an der Zeit, den Kurs ein zweites Mal zu besuchen. Die gleiche Kursleiterin, teilweise die gleichen Teilnehmer – und der gleiche Effekt: Begeisterung, Motivation, Freude über das eigene Werk und das der anderen.

Drei Texte sind an diesem Wochenende entstanden, die ich teilen möchte. Hier der erste. Entstanden in einer literarischen „Schnitzeljagd“. Folgende Wörter sollten in der genannten Reihenfolge in den Text eingearbeitet werden:

  • vereisen
  • Brüderchen
  • splitternackt
  • kläffen
  • Zwerg
  • Zaunkönig
  • Standpauke
  • stockfinster
  • Schädel
  • Dreivierteltakt

Alle Teilnehmer hatten dieselben Wörter als Vorgabe. Doch keine Geschichte glich der anderen. Hier kommt meine. Vorsicht, nichts für schwache Nerven!

Sie rennt durch den Wald. Schnell, schnell, bloß nicht stehen bleiben! Der Anblick hat sich in ihrem Kopf vereist: Das Brüderchen splitternackt auf dem kalten Boden. Die dünnen Gliedmaßen merkwürdig verdreht. 

Carlo kam angerannt. Hat gar nicht mehr aufgehört zu kläffen. 

Das Brüderchen auf dem Boden klein wie ein Zwerg. So zart wie der Zaunkönig, den sie gestern gesehen haben. Stolz hat sie den Kinderwagen durchs Dorf geschoben.

Vor einer Standpauke der Eltern fürchtet sie sich nicht. Keine Standpauke der Welt wird ausreichen für ihre Schuld.

Schnell, immer schneller rennt sie durch den stockfinsteren Wald. Doch das Bild in ihrem Schädel rennt mit. Dabei hat sie gar nichts Böses im Sinn gehabt. Nur tanzen wollte sie mit dem Brüderchen – im Dreivierteltakt.

Manchmal macht der Flügelschlag …

… des Schmetterlings genau den Unterschied, der das Schicksal in die eine oder die andere Richtung lenkt…
 

Die Zeit heilt alle Wunden
Dass ich nicht lache

Beißend bleibt
der Schmerz
die Wut
die Qual

Und meine Seele wird erst ruhen
Wenn Rache sie zu Bette trägt

Schau dich also besser um
Wenn du durch die Straßen gehst
Denn ich will, dass du mein Gesicht siehst
In deinem letzten Augenblick

 ***

Die Zeit heilt alle Wunden
Besser als ich dachte

Verblasst sind Schmerz und Wut und Qual

Und meine Seele kann wieder ruhen
Vergebung streicht ihr übers Haupt

Ich sehe licht und klar
Wenn ich durch die Straßen geh
Denn ich spüre, dass es Freude ist
Die mich lebendig macht

Eine Weihnachtsgeschichte


Die Nordmanntanne ist geschmückt, Plätzchen sind per Post gekommen, Glühwein steht in der Küche… Weihnachten bricht über uns herein!

 

Mein Beitrag: eine Weihnachtsgeschichte. Die Story selbst ist nicht von mir, ich kann mich allerdings nicht erinnern, wo ich sie gehört habe. Ist jedenfalls eine wunderbar schöne Liebesgeschichte. So schön, dass ich sie aufschreiben wollte.

 

Hier eine Leseprobe, im PDF die ganze Geschichte.

 

Später würde man sich an diesen Winter als einen der kältesten erinnern, den London jemals erlebt hatte. Der Schmutz aus unzähligen Schornsteinen legte sich als zäher Nebel über die Dächer und verdunkelte den Tag. Der Glanz der kurz bevorstehenden Weihnacht hatte es schwer, durch die rußige Schicht in die Herzen der Menschen zu gelangen. Die meisten waren in dieser Zeit froh, wenn es für eine warme Mahlzeit am Tag und genügend Holz für den Ofen reichte.

In einem kleinen Zimmer über einer Bäckerei lebten James und Mary. Die beiden kamen gerade aus mit dem, was sie verdienten, doch sie vermissten nichts, denn sie hatten einander. Nur jetzt, zu Weihnachten, wünschten beide, sie könnten es sich leisten, dem anderen ein Geschenk zu machen.

….

 

 

Eine Weihnachtsgeschichte

Ein Gespräch

 

Das Herz begann vorsichtig, fast ein wenig zaghaft, wie es sich das in den letzten Jahren angewöhnt hatte: „Ich habe das Gefühl, dass etwas Besonderes passiert.“

Und als niemand antwortete, nahm es seinen ganzen Mut zusammen: „Es fühlt sich an, als könnte er der Richtige sein.“

Der Verstand antwortete sogleich: „Ach, ist es wieder einmal soweit?“

„Mir war klar, dass du skeptisch sein würdest. Aber hör zu, diesmal ist es anders. Es fühlt sich so richtig an.“ Das Herz sprach voller Hoffnung und Freude.

Der Verstand fragte kritisch nach:„Von wem sprichst du überhaupt?“

Das Herz antwortete: „Du weißt genau, von wem ich spreche. Du hast doch auch schon über ihn nachgedacht.“

„Hm. Stimmt“, gab der Verstand zu und weil er sich ertappt fühlte, war er fast ein wenig kleinlaut. Das war sonst gar nicht seine Art.

 

Nun schaltete sich die Seele ein und fragte den Verstand: „Und, was denkst du?“

„Nun, es gibt ein paar Aspekte, die die Gesamtsituation nicht ganz einfach machen und die in der Zukunft zu Komplikationen führen könnten. Andererseits gibt es viele Faktoren, entscheidende Faktoren, die genau passend sind und daher enorm für die Angelegenheit im Gesamten sprechen. Weiterhin gilt es zu bedenken…“

Das Herz platzte in die gewohnt umfassenden Ausführungen des Verstandes: „Ja, und zu welchem Ergebnis kommst du?“

Der Verstand wurde nicht gern unterbrochen. Er antwortete wichtig: „Es ist noch viel zu früh, um zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen. Sofern man in dieser Thematik überhaupt jemals zu einem endgültigen Ergebnis kommen kann!“ Der Verstand hätte seine Überlegungen und Abwägungen gerne im Detail ausgeführt, aber um zu vermeiden, dass das Herz ihm ein weiteres Mal ins Wort fiel, sagte er nur noch: „Ich denke, er könnte der Richtige sein.“

„Hab ich’s doch gewusst!“ frohlockte das Herz. An die Seele gewandt fragte es: „Du hast noch kaum etwas dazu gesagt. Was glaubst du?“

 

„Ich habe mich ebenso mit den Möglichkeiten befasst. Ihr wisst, dass ich mich nicht vorschnell auf etwas einlassen möchte. Und ihr wisst, wie wichtig mir euer Urteil ist. Es fällt einhellig für die Sache aus, das wiegt schwer. Und es steht im Einklang mit meinen Ergebnissen. Ich glaube, er könnte der Richtige sein.“

 

Herz und Verstand hatten aufmerksam zugehört, wie sie es immer taten, wenn die Seele sprach. Die Seele fuhr fort: „Ich glaube, wir sollten herausfinden, ob er tatsächlich der Richtige ist.“ Das Herz konnte seine Freude kaum mehr im Zaum halten: „Dann sollen wir uns also darauf einlassen?“

 

„Wenn das Herz fühlt, was der Verstand denkt und die Seele glaubt, dann gibt es kaum eine andere Wahl. Wir lassen uns darauf ein.“ Verstand und Herz antworteten zugleich: „Wir lassen uns darauf ein.“

 

Herz, Verstand und Seele waren sich also einig. Und als das Glück dies bemerkte, machte es sich wie gewohnt auf, sich zu ihnen zu gesellen.

Roh

 

Vom Durst der beginnenden Schlacht getrieben

Waren meine Gedanken wild und brutal

 

Deine Worte verhallten im Grollen der Krieger

Und ich hörte nicht deine Warnung

 

Im blutigen Gewirr der Schwerter

Verbrannte mein Verstand

 

Im Kampf um Sieg und Überleben

Erlangten unsere Armeen den Triumph

 

Als der wütende Sturm sich endlich legte

Und der Jubel der Gewinner begann

 

Suchte und fand ich dich

Zerrissen und starr

 

Und ich begriff in einem erbarmungslosen Augenblick

Dass ich alles verloren hatte