Durchblick

Wie ich es sehe, wäre es kein Schaden gewesen, wenn ich ein, vielleicht sogar zwei Jahre früher in ihr Leben gekommen wäre. Anscheinend hat sie schon eine ganze Weile zu Tricks gegriffen. Näher ans Fenster oder die Lampe heran; das Buch, die Zeitschrift weiter weg halten; deutsche oder englische Wörter aus Erfahrung erkennen oder erraten. Den Ausschlag hat dann wohl die Landkarte Madeiras gegeben. Die portugiesischen Ortsnamen konnte sie nicht mehr gut lesen, auch nicht direkt am Fenster mit ausgestreckten Armen. Nach dem Urlaub ging sie dann zur Optikerin, der Sehtest war eindeutig: eine Lesebrille wurde angeraten und so kam ich vor fast sieben Jahren in ihr Leben. Sie war bereit für mich. Meine elegante Form sprach für mich. Schwarz mochte sie schon immer und mein wohlklingender französischer Markenname besorgte den Rest. Lesen und das Arbeiten am Monitor fielen durch mich plötzlich so viel leichter! Mit Freude und Begeisterung wurde ich dem Liebsten, Freunden und Kollegen vorgestellt, daher kenne ich auch die Geschichte, wie sie zu mir kam, oder ich zu ihr, wie man es eben sehen möchte. Mit Sorgfalt und Bedacht werde ich behandelt, ich fühle mich willkommen und geschätzt, ja vielleicht sogar ein klein wenig geliebt, wenn ich das so sagen darf.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ausreichend oft geputzt werde. Ganz im Gegenteil! Oft sind meine Gläser schmutzig, schlierig – schrecklich! Viel zu selten werde ich mit Wasser und Spülmittel gereinigt, meist verteilt sie den Schmutz nur mit einem trockenen Tuch. Die feuchten Einmaltücher verwendet sie nicht. Wegen der Umwelt. Mir ist oft unklar, wie ich so ungeputzt nützlich sein kann. Aber offensichtlich klappt es irgendwie und letztendlich ist es ihre Entscheidung. Ich habe mich damit arrangiert. Sie weiß um diesen Missstand und gibt ihn unumwunden zu. Anscheinend hat ihr Fahrrad das gleiche Schicksal: geliebt, aber ungeputzt. Nun ja.

Vorletztes Jahr geriet unsere Beziehung in eine Krise. Ihre Augen waren schlechter geworden, die Optikerin empfahl neue Gläser: Gleitsicht. Mit denen kam sie gar nicht zurecht. Ganz unglücklich war sie deswegen mit mir. Konnte nur mit verkrampftem Nacken lesen und am Monitor arbeiten. Ganz ungern trug sie mich und bekam schlechte Laune. Auch ein paar Tränen sind geflossen… Aber es war ja nicht meine Schuld! Nach kurzer Zeit dann die Lösung: eine zweite Brille. Meine jüngere Schwester kam zu uns, ein Nachfolgemodell aus dem wohlklingenden französischen Markenhaus. Nun sind wir zu Dritt. Und wir sind glücklich. Meist hat sie uns beide dabei und je nach Bedarf setzt sie uns auf. Auch die zweite Brille wird geschätzt und geliebt. Und genauso selten geputzt wie ich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s