Archiv der Kategorie: Geschichten

Zweiwortgedichte

Oft braucht es nicht viele Worte, um viel zu sagen. Das wusste Ernst Jandl, wie auch andere experimentelle Lyriker. Hier einige meiner Zweiwortgedichte.

Im Himmel
Halleluja!
Gähn…

In der Hölle
Wirklich?
Aua!

Bürotag
Update
Helpdesk

Weihnachtsgedicht
Höflichkeiten
Völlegefühl

Waldgedicht
Wispern
Klopfen

Liebesende
Hau
ab

Ein amüsanter Abend

Ein Vater gibt der Tochter einen Kuss
Ein Nackter stürzt kreischend in den Fluss

Eine glatt geföhnte Frau spricht über 13 Tote
Vor karger Bergkulisse jault einsam ein Kojote

Ein Koch rührt hastig in drei Pfannen
Napoleon auf dem Pferd spricht zu seinen Mannen

Ein Typ schlägt einem andern ins Gesicht
Flamingos fliegen auf im Dämmerlicht

Junge Paare lachen laut bei einem Fest
Im Norden gibt es Regen und Sonne für den Rest

Die Fernbedienung gleitet aus der Hand
Was war der Abend wieder amüsant!

In Liebe, ewiglich

Der Erste starb schon nach vier Wochen. Der Zweite hielt sich nur wenig länger. Den Dritten kauften wir dann nicht mehr in der Zoohandlung, sondern beim Züchter.

Alle hatten denselben Namen, der einzige Name, der für mich damals in Frage kam, denn der Wellensittich meiner Großeltern hieß ebenso: Jocki. Mein Jocki hatte allerdings blaues Gefieder, der meiner Großeltern war grün.

Ich liebte Jocki und Jocki liebte mich.

Wenn meine Mutter und ich um die Mittagszeit nach Hause kamen, erkannte Jocki das Motorengeräusch unseres Autos und wir konnten ihn auf dem Weg von der Garage zur Haustür durch das geschlossene Fenster freudig aufgeregt pfeifen hören. Jocki schaute interessiert zu, wie ich meine Grundschulhausaufgaben am Küchentisch erledigte und freute sich, wenn ich zwischendurch mit ihm redete und ihm meinen Zeigefinger zum Knabbern an die Gitterstäbe seines Käfigs hielt.

Als ich in der sechsten Klasse ins Schullandheim fuhr, verfiel Jocki anscheinend in Trauer. Er sang nicht und er fraß nicht. Meine Eltern waren in Sorge. Als ich nach einer Woche zurückkam, dauerte es mehrere Tage, bis Jocki sich erholte. Vielleicht war er beleidigt, vielleicht fürchtete er, dass ich wieder weggehen könnte, wer weiß, aber bald war er wieder der Alte.

Neben dem üblichen Vogelfutter mochte Jocki Salatblätter, Gurkenscheiben und Apfelstücke, aber am tollsten fand er Bananen. Sobald mein Vater eine Banane nur in die Hand nahm, wurde das Vögelchen ganz wild. Hüpfte im Käfig herum, pfiff schrill und noch lauter als sonst. Jocki wurde erst wieder ruhig, wenn ein Stückchen Banane zwischen die Gitterstäbe gequetscht wurde. Gefressen hat er die Bananen nicht, am nächsten Tag konnten wir das vertrocknete Stück wegnehmen, ohne dass es Jocki sonderlich interessiert hätte. Tja, auch Wellensittiche können seltsam sein.

Als ich älter wurde und mehr Zeit bei Freunden oder allein in meinem Zimmer verbrachte, blieb die Liebe ungebrochen, aber Jocki und ich gewannen etwas Abstand.

Kurz nach meinem Abitur, ich wohnte noch zu Hause, da merkten wir, dass Jocki alt wurde. Er sang weniger, er flog nur noch kurz und hüpfte kaum mehr im Käfig herum. An seinem letzten Abend saß er still am Boden seines Käfigs und schaute mich müde an. Am nächsten Morgen fanden wir ihn tot. Ich weinte, meine Mutter auch; aber wir waren auch glücklich, dass unser kleiner Jocki über 13 Jahre mit uns verbracht hatte.

Zusammen mit seinem Lieblingsspielzeug, einem runden Spiegel mit Bimmelglöckchen und seiner Vogelschaukel, legte ich ihn vorsichtig in einen Schuhkarton und wir begruben ihn im Garten. Auf sein kleines Grab legten wir ein paar Blümchen.

Und noch heute, wenn ich meine Eltern besuche, glaube ich manchmal, Jockis Pfeifen zu hören, das mich fröhlich begrüßt.

Drei Szenen aus dem Leben

formal inspiriert von Werner Lutz

Im Job
Abwarten einfach abwarten
bis sich
hinter dem Staubwirbel der aktuellen Umorganisation
der Arbeitsalltag wieder erkennen lässt

Beim Ehrenamt
Vorlesen einfach vorlesen
bis sich
spätestens bei Goethes Heideröslein
die Köpfe heben und Augen leuchten

Im Urlaub
Wandern einfach wandern
bis
nach tausend Schritten bergauf
frühlingsgrüne Baumwipfel leuchten

Eine Königsgeschichte

Vor langer Zeit begab es sich, dass der alte König starb. Streng, aber gerecht hatte er sein Land regiert. Sein Sohn, der ihm auf den Thron folgte, war einfältig und faul. Das Denken überließ er seinen Beratern. Doch wenn ihm jemand widersprach, so geriet er in große Wut und ließ den Unglückseligen ins Gefängnis werfen oder gleich zum Galgen führen.

So herrschten bald nur noch Angst und Schrecken im Königreich und niemand wagte mehr, seine Meinung zu sagen. Einer der Königsberater, ein junger Edelmann, traf einen Entschluss. Tief in den Wald ging er, immer weiter, bis zur Höhle, in der die weise Hexe wohnte. Auch sie hatte vom Unglück gehört, das der neue König über das Land gebracht hatte. Der junge Edelmann erbat der Hexe Beistand. Er selbst wolle König werden. Alle Untertanen werde er dann geduldig anhören und Entscheidungen mit Bedacht treffen. Gnädig und großzügig werde er regieren. Die Hexe besah sich den Edelman lange und überlegte, ob er denn ehrlich sei und seine Worte ernst meinte. Schließlich sagte sie ihre Hilfe zu. Weiterlesen

Beim Abteilungsleiter

Als Katja an seine schwere Bürotür klopfte, war sie noch ganz ruhig. Angespannt, ja, aber nicht aufgebracht. Sachlich wollte sie bleiben. Die Worte hatte sie sich vorbereitet. Sie musste nur ruhig und sachlich bleiben, dann würde alles gut gehen. Nach seinem „Herein“ betrat sie das Büro des Abteilungsleiters.

„Ah, Frau Schneider. Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Sie wollten mich sprechen?“

Katja nickte, setzte sich, rückte den Stuhl zurecht, richtete sich auf. Sie schaute in sein Mondgesicht, Stirn und Kinn blass glänzend, die Nase gerötet. Creme für Mischhaut und weniger Bier, schoss ihr durch den Kopf.

„Frau Schneider, wie kann ich helfen?“, fragte er.

Katja holte noch einmal tief Luft. „Die Beförderung zum Teamleiter. Ich dachte, die würde an mich gehen. So hatte ich Sie bei unserem letzten Personalgespräch verstanden. Und nun haben Sie Herrn Fischer den Posten gegeben.“

Der Abteilungsleiter schwieg und starrte auf einen leeren Notizzettel vor sich, den er zwischen den Fingern drehte.

Mit fester Stimme fragte sie: „Warum bin ich übergangen worden?“

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Freibaderinnerungen

Chlorgeruch und fröhliches Geschrei
Die Umkleiden leicht muffelig
Immer barfuß, trotz
Fußpilzgefahr und
Heiß, heiß, heißer Fliesen vor dem Kiosk
Rosa Schaumpilze fünf Pfennig das Stück
Oder Wassereis in Grün, Rot, Weiß

Fürs Nichtschwimmerbecken nur noch ein müdes Lächeln
Im großen Becken aber immer auf der Außenbahn
Den Beckenrand im Blick
Panik beim Getaucht-Werden
Beim Springen vom Ein-Meter-Brett
Peinliches Platschen
Der Fünf-Meter-Turm völlig ausgeschlossen

Rote Augen, roter Kopf
Die Beine bleiben käsig
Bewundernde Blicke
Für die anderen
Keine coole Nixe
Ein Schattengewächs
Das an anderer Stelle gedeihen wird

Azoren-Haikus – Teil 4

X: Parque Terra Nostra in Furnas
Bäume hoch und alt
Schattiges Grün, Blüten bunt
Zwitschern nah und fern

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XI: Lagoa das Furnas mit Caldeiras
Um den Kratersee:
Heiße Quellen, Schwefeldampf,
beschaulicher Weg

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XII: Ein Bad im Terra Nostra-Thermalbecken
Warm, so herrlich warm
Ockergelb, leicht schwefelig
Die Welt vergessen

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Schwestern im Schwimmbad

Inspiriert von Petr Lovigin: The friends hula hoop on the banks of the Volga, from the series Planet Lovigin

Frauen-mit-Krokodilen

Die gereiften Zwillingsschwestern Gerda und Ludmilla besuchen im Sommer oft zusammen das Schwimmbad. Nicht immer verläuft die gemeinsame Zeit harmonisch. Wir können von Glück sprechen, dass die Damen keine anderen Waffen besitzen als ihre aufblasbaren Schwimmtiere. Auch heute hat sich ein Streit entzündet. Von unserem Platz aus haben wir gute Sicht auf die beiden. So wie der Wind steht, hören wir nur Ludmillas Rede…

Ludmilla: Ein für alle Mal wird das jetzt entschieden, Gerda. Ich meine das ernst! Nie lässt du mich ans Steuer. Das ist einfach nicht fair! Dabei bin ich viel fitter. Ich sehe besser, meine Reaktionen sind schneller. Das werde ich dir beweisen!

[…]

L: Wir fechten das aus. Jetzt und hier! Mein Krokodil schlägt deinen Delfin mit Leichtigkeit. Dein Delfin mag intelligent sein, aber mein Krokodil hat Biss! Und wer Biss hat, ist der bessere Fahrer!

[…]

L: Nun komm schon, Gerda, hau zu! Mach schon! Sonst bist du doch auch nicht so schüchtern. Warst du ja noch nie. In der Schule nicht und auch nicht beim Tanzkurs. Bei den Eltern hast du dich auch immer in den Vordergrund gedrängelt. Wolltest immer das Lieblingskind sein. Und jetzt willst du immer fahren. Ich hab auch den Führerschein!

[Augenrollen und kräftiger Schlag von Gerda]

L: Aua, Gerda, jetzt hast du mir auf die Hand gehauen! Das ist gemein! Das tut weh! Jetzt kann ich nur noch mit einer Hand, das ist nicht fair! Warte einen Moment, ich muss mich kurz erholen. Hast du nicht gehört? Mir tut die Hand weh! Du blöde Ziege! Dir zeig ich’s! Ich gewinne auch mit einer Hand!

[Mittelkräftiger Schlag von Gerda. Ludmillas Luftkrokodil fällt zu Boden.]

L: Oh, nein! Nein, Gerda, das zählt nicht! Das gilt nicht! Ich hebe mein Krokodil schnell wieder auf, dann zählt es erst wieder.

[…]

L: Was? Nein? Du doofe Kuh. Immer musst du gewinnen. Schon immer!

[Kopfschütteln von Gerda. Sie lässt die Luft aus ihrem Gummidelfin und fängt an, die Badesachen in ihre Tasche zu packen. Ludmilla macht mit.]

L: Du, Gerda, meinst du, dass heute vielleicht ich mal ans Steuer kann, wenn wir nach Hause fahren?

[Gerda schüttelt noch immer den Kopf, nimmt die gepackte Badetasche und geht schnellen Schrittes davon. Ludmilla stapft hinterher.]

Der Drache

Hoch durch die Lüfte fliegt der Drache. Von oben sieht alles ganz friedlich aus. So ist es auch früher gewesen. Natürlich hat sich einiges verändert. Heute gibt es viel mehr Häuser, höher sind sie geworden, wenn auch nicht schöner. Weniger Wälder und Wiesen gibt es, dafür viel mehr Straßen, bleigrau und breit, mit schier unendlich vielen Fahrzeugen, die schlecht riechen, aber hübsch bunt glänzen im Sonnenschein.

Mit den Menschen hat der Drache schon lange nichts mehr zu tun. Früher, als es Jungfrauen und Ritter zuhauf gab, da war das etwas anderes. Dass die Geschichten damals vollkommen anders weitererzählt worden sind, als sie sich in Wirklichkeit zugetragen haben, ärgert den Drachen längst nicht mehr.

Keine einzige Prinzessin oder Jungfer hat er jemals entführt und in seiner Höhle gefangen gehalten. Die Frauen haben ihn allesamt um Hilfe gebeten. Die „Entführung“ ist stets eine Rettung gewesen: vor gewalttätigen Ehemännern, giftigen Schwiegermüttern oder die sichere Aussicht auf eins von beiden. Die jungen Frauen blieben meist ein, zwei Monate in der Drachenhöhle, hielten sich versteckt und machten sich dann auf, um als eine andere ihr Glück zu versuchen. Ihre Familien hatten bis dahin üblicherweise einen Ersatz gefunden und vermissten sie nicht weiter.

Ach, und die Ritter, die angeblich unter Einsatz ihres Lebens gegen den Drachen kämpften, um die Jungfern zu retten… Ein Riesenspaß war es, mit diesen Burschen freundschaftlich Kräfte zu messen. Zu Schaden kam dabei keiner – weder die jungen Männer noch der Drache.

Manchmal kam es vor, dass sich eine „Entführte“ und ein „Retter“ tatsächlich ineinander verliebten und zusammentaten, um ein neues Leben zu beginnen. Den Drachen hat dies immer gerührt und sein Herz lachen lassen. Ja, die alten Zeiten sind nicht die schlechtesten gewesen…

Etwas weniger elegant als früher, aber immer noch kraftvoll und präzise landet der Drache vor seiner Höhle, die so abgelegen ist, dass kaum jemals ein Mensch daran vorüber geht. Der Drache kann sich nicht erinnern, wann ihn zuletzt der Hilferuf einer Jungfrau erreicht hat. Und junge Männer, die sich im Wettkampf üben wollen, scheint es auch nicht mehr zu geben.

Nun gut, denkt der Drache und trottet in seine Höhle. Wenn es so ist, dann ist es eben so. Anscheinend braucht niemand mehr Hilfe in der Welt. Die Menschen können sich inzwischen um sich selbst kümmern. Gut so!

Der Drache kauert sich in seine Schlafecke, gähnt herzhaft, schließt die Augen und fliegt im Traum hoch über die Welt, die von oben so friedlich aussieht.