Autorin der Woche (49/2021)

In diesem Jahr geht nur ein Nobelpreis an eine Frau. Die philippinische Journalistin Maria Ressa erhält (zusammen mit ihrem russischen Kollegen Dmitrij Muratow) den Friedensnobelpreis.

Ressa war 20 Jahre lang leitende Investigativreporterin bei CNN in Südostasien und gründete 2012 mit Kollegen das Online-Nachrichtenportal Rappler, das u.a. Lügen und Menschenrechtsverletzungen des philippinischen Präsidenten Duterte anprangert. Ressa zahlt den Preis: Morddrohungen, Verhaftungen und allgemein immer schwerer werdende Arbeitsbedingungen.

Ressa und Muratow bekommen den Preis für ihre Bemühungen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und dauerhaften Frieden sei, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen, bei der Bekanntgabe im Oktober in Oslo.

Autorin der Woche (48/2021)

Am 27. November, also letzte Woche Samstag, starb die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes im Alter von 61 Jahren an Krebs. Ihr erster Roman „Lulú“ erschien 1989 und wurde in 20 Sprachen übersetzt. Seit 2003 schrieb sie eine wöchentliche Kolumne in der spanischen Tageszeitung El País. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.

Vor einigen Jahren habe ich „Das gefrorene Herz“ gelesen (erschienen 2009). Ein über 900 Seiten starker Gesellschafts- und Liebesroman, der das Schicksal zweier Familien vom Spanischen Bürgerkrieg und Franco-Diktatur bis in die Gegenwart erzählt. Bei den deutschsprachigen Rezensenten kam das Buch eher mäßig an – zu breit, zu wenig tief, zu viele Klischees, zu viel Herzschmerz. Diese Kritik kann ich ein Stück weit nachvollziehen, dennoch fand ich die Geschichte reizvoll und lesenswert.

Die Süddeutsche Zeitung hat einen interessanten Nachruf auf Almudena Grandes veröffentlicht.

Autorin der Woche (47/2021)

Die US-Amerikanerin Susan Sontag (1933-2004) ist vor allem für ihre Essays (von denen ich ehrlicherweise noch keines gelesen habe) sowie ihr politisches und gesellschaftliches Engagement bekannt. Kurzgeschichten hat sie nur wenige geschrieben. Im Sammelband „Wie wir jetzt leben“ sind fünf davon zu finden, zwei haben mir besonders gut gefallen.

Der Text „Wie wir jetzt leben“ erschien erstmals im November 1986 im New Yorker. Darin hören wir die Stimmen von Freunden und Bekannten eines an Aids Erkrankten. Sie sorgen und sie kümmern sich, sie meinen es ausschließlich gut mit dem Freund und ziehen doch gleichzeitig eine Linie zwischen „ihm“ und „uns“ – um die eigene Furcht vor der Epidemie von sich fernzuhalten.

In „Wallfahrt“ erzählt Sontag, wie sie als Vierzehnjährige gemeinsam mit einem Schulfreund Thomas Mann in seinem kalifornischen Exil besucht. Sie bewundert Mann damals fast wie eine Gottheit, vor allem für dessen „Zauberberg“. Erst vierzig Jahre später schreibt Sontag die Geschichte dieser Begegnung auf, die sie als peinlich und beschämend banal empfindet. Manchmal ist es wohl besser, wenn Idole Idole bleiben und nicht zu Menschen werden.

Autorin der Woche (46/2021)

2009 erhielt Elizabeth Strout den Pulitzerpreis für ihren Roman „Olive Kitteridge“ (dt. „Mit Blick aufs Meer“). Die Titelfigur ist pensionierte Mathematiklehrerin, der Ort die fiktive Kleinstadt Crosby in Maine. Dort entspinnt Strout um Olive herum ein fein verwobenes Universum aus Schicksal, Glück und Tragik, aus Sehnsüchten und Unzulänglichkeiten, aus inneren und äußeren Kämpfen, die mal gewonnen, mal verloren werden.

Meisterhaft verbindet Strout die episodenhaften Kapitel, präzise beobachtet sie Motive und Emotionen und rührt dabei immer wieder ans Herz der LeserIn – aber kitschig wird es nie. Die Fortsetzung „Olive, Again“ (dt. „Die langen Abende“) steht auf meiner mentalen Leseliste.

Autorin der Woche (45/2021)

Natürlich kennen wir Leonardo da Vinci vor allem als Maler, aber er hat sich auch intensiv mit den Naturgesetzen, Mathematik, Musik und Anatomie beschäftigt und beispielsweise Flug- und Kriegsgeräte entworfen. In seinen umfangreichen Notizbüchern (Codices), die heute in Museen weltweit aufbewahrt werden, finden sich neben Skizzen und Zeichnungen auch zahlreiche in Worten festgehaltene Beobachtungen, Gedanken und philosophische Thesen.

Gesammelt gibt es einige davon in einem feinen Büchlein der Büchergilde Gutenberg mit dem Titel „Wer wenig denkt, irrt viel“. 2019 habe ich es mir gekauft und in den letzten Tagen wieder einmal darin geblättert. Viele von da Vincis Gedanken sprechen mich an, so zum Beispiel:

Wie lustloses Essen der Gesundheit schadet, so verdirbt das lustlose Lernen das Gedächtnis und hält nichts fest, was dieses aufnehmen könnte.

Lasst uns also lustvoll leben!

Autorin der Woche (44/2021)

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Sie studierte Jura und Völkerrecht und promovierte. Ihr schriftstellerisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet und in 35 Sprachen übersetzt. 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und wurde zur Richterin im Verfassungsgericht Brandenburg gewählt. Sie engagiert sich politisch und ist Mutter zweier Kinder. Wenn sie im Literarischen Quartett zu Gast ist, bin ich immer gespannt auf ihre Einschätzungen und Urteile.

Zwei Romane habe ich von Juli Zeh bisher gelesen. „Unterleuten“ zeigt schonungslos die Abgründe menschlicher Sehnsüchte und Begierden im ländlichen Dorfidyll. In „Neujahr“ holt ein Familienurlaub auf Lanzarote lang verdrängte Kindheitserinnerungen wieder ans Tageslicht. Beide Romane sind geschickt komponiert, feinsinnig beobachtet, psychologisch schlüssig und dadurch enorm packend.

Autorin der Woche (43/2021)

Maya Angelou wird im April 1928 in Missouri geboren – im rassengetrennten Süden der USA. Sie stirbt 2014 als international anerkannte und mit vielen Preisen geehrte Autorin (sowie Schauspielerin und Regisseurin). Ihr bewegtes Leben erzählt sie in sieben Büchern. Der erste Band erscheint 1969, den ich in der deutschen Übersetzung („Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“) vor zwei Jahren begeistert gelesen habe.

Maya Angelou war eine Kämpferin: Weder der brutale Rassismus noch die Vergewaltigung durch den Liebhaber ihrer Mutter oder die ungewollte Schwangerschaft mit 16 konnten sie brechen. Maya Angelou wollte selbstbestimmt leben – und das tat sie. Dabei geholfen haben positive, stärkende Menschen in ihrem Leben: ihre Regenbogen in den Wolken.

Autorin der Woche (42/2021)

Die Erzählung „Das dritte Licht“ von Claire Keegan nimmt uns mit ins ärmlich-ländliche Irland Mitte der 1980er Jahre. Ein Vater bringt seine Tochter für den Sommer zu Verwandten seiner Frau, die hochschwanger und durch die Arbeit auf dem Hof und die vielen anderen Kinder überlastet ist. Das Mädchen ist unsicher und ängstlich, doch dann erfährt sie bei den Kinsellas, was Familie bedeuten kann.

Keegan erzählt aus der Perspektive des Kindes. Vorsichtig, einfühlsam und zart ist der Ton – und gerade darin liegt die große Kraft dieser rührenden Geschichte.

Autorin der Woche (41/2021)

Katherine Mansfield wird 1888 als eines von fünf Kindern in eine wohlhabende Familie in Wellington, Neuseeland geboren. Alle Kinder erhalten eine gute Schulbildung, Katherine studiert am Queen’s College in London Musik. Als die Mutter die schon immer eher ungehorsame Tochter 1909 in London besucht, findet sie diese im fünften Monat schwanger. Die Mutter begleitet die Tochter in den bayerischen Kurort Wörishofen und überlässt sie dort mit einer nur minimalen finanziellen Unterstützung in einer kleinen Pension ihrem Schicksal. Katherine erleidet eine Fehlgeburt, bleibt aber noch einige Monate in der Pension.

Dort trifft sie auf eine eitle, wehleidige und hochgestochene Gesellschaft von Kurgästen. Sie erkennt, dass sie durch die Beobachtung dieser nervösen und lasterhaften Menschen ihren Schmerz über das verlorene Kind betäuben kann und so entsteht ihr erster Kurzgeschichtenband: „In einer deutschen Pension“. Die Stories darin sind bissig und ironisch, mit wenigen Federstrichen treffgenau gezeichnet und höchst unterhaltsam.

Katherine Mansfield führt ein eher rastloses Leben, veröffentlicht weitere Kurzgeschichten, Gedichte und Buchkritiken, auch unter Pseudonym. Mit nur 34 Jahren stirbt sie an Tuberkulose.

Autorin der Woche (40/2021)

Ende 2019 veröffentlichte Andie Arndt ihren Debütroman „Im Schatten der Welle“. Das Veröffentlichungsdatum war bewusst gewählt: der 15. Jahrestag der Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean. Die Hauptfigur des Romans, Herlina – Journalistin und Deutsch-Indonesierin – kehrt nach vielen Jahren widerwillig in ihre indonesische Heimat zurück. Der Schmerz über den Verlust der Mutter, die im Tsunami umkam, sitzt tief. Bald kommt Herlina einem Korruptionsskandal auf die Spur, in den auch ihr Bruder verwickelt zu sein scheint. Andie Arndt gibt den Opfern der Katastrophe von 2004 eine Stimme und greift gleichzeitig aktuelle Themen wie ökologische Ausbeutung und Bestechlichkeit auf.

Bald kommt Andie Arndts zweiter Roman auf den Markt, Arbeitstitel „Das Herz des Leoparden“. Darin begleiten wir die Hauptfigur Margo nach Nepal und tauchen mit ihr in eine fesselnde Kriminalgeschichte ein. Ich bin gespannt!