Tausend Tode schreiben – E-Book-Projekt des Frohmann Verlags

Tausend Autoren schreiben tausend Texte zum Thema Tod – das ist ganz kurz gesagt die Idee hinter dem E-Book-Projekt der Berliner Verlegerin Christiane Frohmann.

Die erste Version des E-Books ist mit 135 Texten am 01.12. erschienen – darin auch ein Text von mir (Nr. 110 im E-Book und direkt hier auf Seelenflügel).

Erweiterte Versionen folgen nun monatlich, die finale Version kommt im März. Das E-Book ist in diversen Shops zu finden, die Einnahmen werden gespendet.

Mehr Info auf der Website des Frohmann Verlags und auf Twitter unter #1000tode

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

Werden deine Augen ihn ungläubig betasten, obwohl deine Seele ihn gleich erkennt? Wirst du starr sein vor Schreck, wie die junge Kohlmeise, die das geschlossene Fenster nicht vom Himmel unterscheiden konnte?

Wird dein Herz rasen? Dein Mund trocken sein? Wirst du die kalten Schweißperlen von der Stirn wischen oder sie die Schläfen herabrinnen lassen? Wird ein Schrei den Weg nach draußen finden oder stumm bleiben?

Wirst du in die Ecke kriechen? Dich mit den Händen schützen vor dem harten Schlag? Hoffst du, er wird dich übersehen? Wirst du flehen, betteln, weinen? Glaubst du, Tränen rühren ihn?

Wirst du feilschen, um Jahre, Wochen, Monate? Wirst du all die Dinge vorbringen, die du noch zu tun hast in dieser Welt? Wirst du zweifeln an der Richtigkeit? Wirst du den Tod zum Nachbarn schicken?

Wirst du wünschen, du hättest andere Wege eingeschlagen im Leben? Mehr von den geraden? Oder den gewundenen? Wirst du bereuen? Deine Lügen, deine Eitelkeit, deinen fehlenden Mut?

Wirst du begreifen, dass du machtlos bist? Wirst du den Blick senken und schweigen? Oder wirst du aufbegehren, laut werden, kreischen, schreien, wüten, ohne Rücksicht, ohne Furcht?

Wird es dich trösten, dass der Tod dich von zu Hause holt, und nicht in einem Flugzeug, das brennend in die Tiefe stürzt? Nicht in der Fremde, nicht auf der Flucht. Nicht siechend auf dem Krankenbett. Nicht in einem dröhnenden Krieg, nicht in einem Folterkeller.

Wirst du sogar erleichtert sein, weil du schon so lange auf ihn gewartet hast? Weil du für deine Last keine Linderung und auch nirgends ein Transportmittel finden konntest. Wirst du ihm zuflüstern, mit einem Lächeln im Gesicht: Erlöse mich.

Wirst du erkennen, dass dein Leben einfacher, sicherer, reicher war das das der meisten Menschen? Wirst du dankbar sein für die Privilegien, die du hattest? Wirst du spüren, dass dein Leben gelungen ist? Wirst du dich frei machen? Wirst du loslassen? Wirst du in Ruhe mit ihm gehen?

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

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Mein Beitrag zum E-Book-Projekt Tausend Tode schreiben des Frohmann Verlags Berlin
Twitter: #1000tode

Partizipien-Lyrik – inspiriert von Hans Manz

Feierabend
Durchgeatmet
Umgezogen
Was aufgewärmt
Leicht angebrannt
Korken gezogen
Vollgeschenkt
Hingelümmelt
Ausgetrunken
Eingenickt
Aufgeschreckt
An dich gedacht

~

Alptraum
Gerannt
Gejagt
Gehetzt
Gestürzt
Getroffen
Geschrien
Aufgeschreckt
Verwirrt
Erleichtert

– mehr über Hans Manz auf Wikipedia

Am Ende einer Nacht

„Wie konnte ich nur so naiv sein zu glauben, er wäre anders als die anderen?“, dachte Helen auf dem Weg zum Taxistand. Ihr Schritt war schnell, so schnell er sein konnte, in ihren hochhackigen Sandalen auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt.

„Wann begreife ich, dass ich in einer Bar niemals den Mann fürs Leben finden werde?“ Helen zog ihre Bolero-Jacke fest an sich und verschränkte die Arme, um sich zu wärmen. Die milde Julinacht war frisch geworden, jetzt, kurz vor Sonnenaufgang.

„Und wann, wann endlich, werde ich lernen, nicht mit einem Kerl gleich nach Hause und ins Bett zu gehen? Egal, wie charmant und witzig er scheint!“ Helen schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Weiterlesen

Mehr als der Blaue Reiter: Das Lenbachhaus in München

Erster Eindruck von außen: Eine goldfarbene toskanische Villa in einem wunderschönen Garten, der zum Lesen, Schreiben oder einfach nur Dasitzen einlädt. Erster Eindruck in der Eingangshalle: Eine imposante von der Decke hängende, wirbelförmige Skulptur aus farbigem Glas („Wirbelwerk“ von Olafur Eliasson).

Im Museum zunächst vorbei an einer Neonleuchtschrift-Installation und der lebensgroßen Skulptur eines Mannes mit Erektion (angezogen), ins 19. Jahrhundert. Dort vornehmlich Porträts und Landschaften. Spannend: Kleinformate von Carl Spitzweg, dessen Personen ins Groteske neigen.

Bei Joseph Beuys und einigem bei der „Kunst nach 1945“ fehlt mir nach wie vor der tiefergehende Zugang, aber ich stelle fest, dass mich „Moderne Kunst“ zunehmend anlockt.

Die weltweit größte und sehr sehenswerte Sammlung der Werke der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ wird ergänzt durch Info-Tafeln zur Geschichte des Kreises und der Leben der Mitglieder.

Fazit nach dem ersten Besuch: Das Lenbachhaus ist mehr als einen Besuch wert!

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Sehr Sehenswert: Jill Bolte Taylor, My Stroke of Insight

Ein beeindruckender TED Talk mit einer fantastischen Botschaft: Alles steckt in den beiden Hemisphären unseres Gehirns und wir entscheiden jeden Tag, wer und was wir sind.

Glaube und Vertrauen

Die entscheidende Situation kam damals, in der 11. Klasse, vor über 20 Jahren. Im Katholischen Religionsunterricht bei Herrn M., einem kleinen, runden und herzensguten Menschen, sollten wir das Glaubensbekenntnis auswendig lernen, um es aufsagen zu können. Ich sollte also meinen Glauben an Gott, seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist laut bekennen. Das konnte ich nicht.

Natürlich hätte ich die Worte lernen können, aber laut vortragen, dagegen sperrten sich Kopf und Körper. Es wäre eine Lüge gewesen. Ich glaubte nicht an den Gott der Katholischen Kirche. Den Heiligen Geist hatte ich nie begriffen. Einzig Jesus konnte ich etwas abgewinnen, durch Sätze wie: „Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Doch ernsthaft zu glauben, dass Jesus von einer Jungfrau zur Welt gebracht worden war, das war für mich unmöglich.

Mit Voranschreiten der Pubertät war mein christlicher Glaube bereits ordentlich ins Wanken geraten. Wir Frauen sollten also schweigen. Wir waren grundsätzlich schlecht, alle, von Natur aus. Wir waren Schuld an der Vertreibung aus dem angeblichen Paradies, weil wir nach Erkenntnis strebten. Erkenntnisgewinn war also verwerflich?

Das angeordnete Aufsagen des Glaubensbekenntnisses war der Windhauch, der das Kartenhaus zum Einsturz brachte. Mein Wechsel vom Religions- in den Ethikunterricht funktionierte problemlos. Aus der Kirche ausgetreten bin ich dann später. Bisher ohne Bedauern.

Geprägt von christlichen Werten und der christlichen Kultur bin ich natürlich dennoch und auch das bedaure ich nicht.

Auf Reisen besuche ich gerne Kirchen und das nicht nur aus kunsthistorischem und ästhetischem Interesse, ich finde dort meist Ruhe und manchmal sogar spirituelle Energie. Und es gibt noch einen sehr persönlichen Grund für die Kirchenbesuche: meine Großmutter.

Bei ihr habe ich als Grundschulkind viel Zeit verbracht, sie hat mittags für mich gekocht. Meine Großmutter hat mir immer das Gefühl gegeben, angenommen und geliebt zu sein. Sie war stolz auf ihr erstgeborenes Enkelkind und das hat sie stets alle wissen lassen. Meine Großmutter war nicht streng religiös und auch keine regelmäßige Kirchgängerin, aber gläubig war sie. Oft hat sie mir erzählt, wie sie in schweren Zeiten – und davon hatte es sicherlich viele gegeben – die Heilige Maria um Hilfe und Beistand gebeten hatte. Und danach ging es besser – oder zumindest ging es weiter.

Im Juni 2002 starb meine Großmutter und seitdem entzünde ich auf Reisen in Kirchen, in denen es möglich ist, eine Kerze, am liebsten am Marienaltar.

Meine Großmutter hat Maria vertraut und wurde nicht enttäuscht. Sie hat sich bei Maria sicher gefühlt. Und ich habe mich bei meiner Großmutter sicher gefühlt. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Die kleinen Lichter sind mein Zeichen dafür.

Sensation: Bayer meistert Energiewende!

Manchmal hilft nur Humor, wenn Politik versagt. Kürzlich entdeckt: SchleichFernsehen, eine Sendung des bayerischen Kabarettisten Helmut Schleich (monatlich donnerstags um 21.00 Uhr im Bayerischen Fernsehen, direkt nach quer, das ich schon seit Jahren schätze).

Helmut Schleich schlüpft gekonnt in Charaktere von Helmut Kohl über König Ludwig und Franz-Josef Strauß bis zum – weniger prominenten – Hapflinger-Sepp.

Der Hapflinger-Sepp hat den Durchblick! In der Sendung vom 23.10.2014 erklärt er, wie das mit der Stromversorgung in Bayern klappt, ganz ohne preußische Starkstromstrapse. Das Geheimnis liegt in der Kuh.

Wird er fragen oder nicht?

Carolas Suche, Teil 11
Was zuvor geschah

Unschlüssig stand Carola vor dem Kleiderschrank. Was sollte sie nur anziehen? Nick hatte sie ins „Chez René“ eingeladen, das teuerste Restaurant der Stadt. Als Carola erstaunt nach dem Anlass gefragt hatte, war Nicks kurze Antwort gewesen: Eine Überraschung! Dazu sein leuchtendes Lächeln.

Das war vor drei Tagen gewesen und seitdem war Carolas Kopf nicht mehr zur Ruhe gekommen. Konnte es sein? Würde er fragen? War es nicht viel zu früh? Was würde Carola antworten, sollte Nick tatsächlich fragen? Weiterlesen

Nebelspiel

Widerwillig klappte der alte Mann den Geigenkasten zu. Mit grimmiger Miene zog er sein wollenes Jackett über und setzte die Mütze auf. Stampfenden Schritts verließ er das Haus, den Geigenkasten fest in der Hand. Er war so wütend auf Hubert, diesen Trottel!

Es war früh am Morgen, ganz früh. Der Nebel, feucht und kalt, würde später der Sonne weichen. Jetzt noch nicht.

Nichts als Ärger hatte er mit Hubert, nichts als Ärger. Mitten in der Nacht musste er raus, wegen Hubert. In die Kälte, in den Nebel. Plötzlich standen ihm Tränen in den Augen, bestimmt vom Nebel, und er setzte die Sonnenbrille auf.

An der vertrauten Stelle im Stadtpark angekommen, nahe der Holzbank inmitten wilder Blumen, nahm er die Geige aus dem Kasten und begann zu spielen. Er wusste genau, welche Lieder Hubert gefielen. Nach über 40 Jahren Freundschaft kein Kunststück.

Der alte Mann spielte eine wehmütige Melodie, die Parkbank im Blick. Hubert und er hatten hunderte, ach, tausende Male darauf gesessen. Geredet, geschimpft, gelacht hatten sie auf dieser Bank, fast täglich. Glückliche Momente.

Genau wie die Bank waren auch Hubert und er im Lauf der Jahre verwittert. Aber sie waren immer noch da gewesen. Nun fehlte Hubert. Hubert hatte es gewagt, zuerst zu sterben. Dieser Trottel!

Die Wut packte den alten Mann noch einmal und er spielte schief. Dann ließ er die Tränen laufen und sein Spiel wurde fließend, sanft. So klang es richtig und er wurde ruhig. So würde er heute Mittag spielen, im Sonnenschein nach dem Nebel. So würde er heute Mittag spielen, auf dem Friedhof. So würde er sich von Hubert verabschieden.